Die Unterhaltung im Fernsehjahr 2018: So wenig Variationen im ewig vor sich hinduldenden Reigen der Shows

23.01.2019 •

Im April 2018 startete eine weitere Staffel von „Schlefaz“, in der Oliver Kalkofe und Peter Rütten bei Tele 5 wieder Kinofilme präsentierten, die sie – wie der Titelkürzel sagt – zu den „Schlechtesten Filmen aller Zeiten“ zählen und die sie dementsprechend lustvoll mit allen Schwächen und Absurditäten vorführen. Die Filme entstammen dem großen Rechtefundus, den Herbert Kloiber als Produzent, Rechtehändler, Filmverleiher und Kinobetreiber unter dem Dach der Tele-München-Gruppe, zu der Tele 5 gehört, über die Jahre angesammelt hat und in dem sich jede Menge Produktionen befinden, die man wirklich nur noch im Nachtprogramm versenden oder eben als Schlefaz vermarkten kann. Leider lässt sich das Unterhaltungsangebot eines Fernsehjahres nicht ähnlich gut verkaufen, denn es bietet selbst für Kalauer eher selten Anlass.

So gilt es in diesem Jahresrückblick die wenigen Variationen im ewig vor sich hindudelnden Reigen aus Quiz-, Casting-, Koch- und Talkshows zu benennen. Etwa das angeblich härteste Quiz Europas, „Ich weiß alles!“ (ARD/NDR/BR/SRF/ORF, ab 8.9.), in dem unter Leitung von Moderator Jörg Pilawa Kandidaten gegen prominente Fachleute aller Art und das Studiopublikum antreten. Dass Til Schweiger in der ersten Ausgabe als Fachmann für das Thema Hollywood antrat, mutet im Rückblick absurd an, denn wenige Wochen nach seinem Auftritt bei Pilawa legte der von ihm produzierte und inszenierte Film „Head Full of Honey“ – die US-Version seiner deutschen Erfolgskomödie „Honig im Kopf“ – einen sensationellen Kinoflopp hin und verschwand nach wenigen Tagen aus den US-Multiplexen. Für die neuen Ausgaben von „Ich weiß alles!“ könnte man Schweiger der Redaktion als Fachmann für das Spezialgebiet „Tatort“ empfehlen, hatten doch seine auch für das Kino produzierte Folge „Schiller – Off Duty“ (ARD/NDR, 8.7.) gerade einmal 5,33 Millionen Zuschauer sehen wollen – ein magerer Wert für eine „Tatort“-Erstausstrahlung.

Viele andere Quizformate liefen immer weiter so wie der Oldie unter ihnen, „Wer wird Millionär?“ (RTL) mit Günther Jauch, dessen Firma I&U auch „Ich weiß alles!“ produziert. Geschäftstüchtig ist Jauch ja wie kein zweiter; so ließ er im Jahr 2018 beim Discounter Aldi je einen Weiß- und einen Rotwein unter seinem Namen ins Sortiment bringen, die sich beide bestens verkauften. Der Wein zum Fernsehprogramm, in dem dann eine Sendung des Moderators/Produzenten/Winzers läuft oder das Doku-Drama „Die Aldi-Brüder“ (ARD/WDR/NDR, 22.10.) von Raymond Ley, Hannah Ley und Dirk Eisler der die Reportage „Die Aldi-Story“ („ZDFzeit“, 16.8.) von Manfred Oldenburg und Sebastian Dehnhardt im Rahmen der fundamentalen Reihe „Deutschlands große Clans“. Prost!

Angesichts der grassierenden Ideenarmut im deutschen Unterhaltungsfernsehen wurden mal wieder alte Formate aufgefrischt. So kehrten, von Guido Cantz moderiert, „Die Montagsmaler“ (SWR Fernsehen, ab 27.8.) zurück, ebenso „Dingsda“ (ARD, ab 5.10.), wo unter der Leitung von Mareile Höppner kleine Kinder mehr oder weniger lustig Dinge umschreiben müssen, die von – ja, richtig! – Prominenten zu erraten sind. Thomas Gottschalk recycelte – nein, falsch geraten! – nicht „Wetten, dass..?“, was er sich vermutlich für seinen 80. Geburtstag aufspart, sondern die Erinnerungen an seine Zeit als 18-Jähriger, als er für das ZDF an einem Samstagabend „Gottschalks große 68er-Show“ (6.10.) moderierte. Was in der zweieinhalbstündigen Sendung nicht zur Sprache kam: wie das zu diesem Zeitpunkt gerade erst einmal fünf Jahre alte ZDF die Ereignisse jenes Jahres, um das es in der Show ging, mehr oder minder verschlafen hatte. Die Show sahen 3,80 Millionen Zuschauer, was einem respektablen Marktanteil von 13,6 Prozent entsprach; nur die Jüngeren ignorierten überaschenderweise die Show, diese Banausen.

Deutlich erfolgreicher war da der Eurovision Song Contest (ESC), den am 12. Mai 7,87 Millionen Menschen im Ersten sahen. Es gewann die Sängerin Netta aus Israel mit dem Song „Toy“, während der deutsche Kandidat Michael Schulte mit „You Let Me Walk Alone“ einen respektablen vierten Platz erreichte. Eine Mischung aus 68er-Show und ESC bot die vierteilige Gesangs-Castingshow „The Voice Senior“, nach „The Voice Kids“ ein weiterer Ableger von „The Voice of Germany“ (Pro Sieben/Sat 1). Bei „The Voice Senior“, gestartet am 23. Dezember bei Sat 1, traten Rentner und Pensionäre gegeneinander an. Pädagogisch geschickt pries die Jurorin Yvonne Catterfeld die Show mit dem Worten an, man gebe damit „ganz bewusst einer älteren Generation die Chance, uns mit ihrer Stimme zu überzeugen“. Joschka Fischer wurde allerdings bei den ersten vier Folgen nicht gesichtet, geschweige denn gehört. Für eben diese „ältere Generation“ war auch die Datingshow „Hotel Herzklopfen – Spät verliebt“ (Sat 1, ab 22.4.) gedacht. Doch die ignorierte die von Daniel Boschmann, Sarah Mangione und Lutz van der Horst moderierte Sendung.

Ähnlich floppte beim Sat 1 die Show „Start Up! Wer wird Deutschlands bester Gründer?“ (ab 21.3.), in welcher der Unternehmer Carsten Maschmeyer Erfinder gegeneinander antreten ließ. Nach vier Ausgaben zog der Privatsender die Reißleine, stoppte die Show und verbannte die restlichen Folgen in sein Online-Portal. Maschmeyer wirkte als Moderator vollkommen überfordert. Was lernt man daraus? Dass ein wie auch immer erworbenes Millionenvermögen nicht unbedingt zu Charisma oder geistreichen Witz verhilft, mit dem Moderatoren denn doch aufwarten sollten. Erfolgreicher war da schon die Pro-Sieben-Show „Das Ding des Jahres“ (ab 9.2.), die nach einer Idee von Stefan Raab entwickelt und von Janin Ullmann moderiert wurde. An die Stelle der Investoren, die in dem weiter ausgestrahlten Pendant „Die Höhle der Löwen“ (Vox, 5. Staffel, ab 4.9.) das Sagen haben, sollten hier – Überraschung! – Prominente über die Marktideen entscheiden, indem sie aus der Konsumentenperspektive urteilten. Dummerweise zog sich die Sendung über drei Stunden hin, so dass die Zuschauer fast einschliefen.

Im Magazinbereich gab es einige Neuerungen und Veränderungen. Das ARD-„Mittagsmagazin“, das ja durchaus unterhaltende Elemente enthält, wechselte zu Jahresbeginn in der Verantwortlichkeit vom Bayerischen Rundfunk (BR) zum Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Die Sendung wirkt seither frischer, heller und wacher, was auch an den beiden neuen Hauptmoderatoren Sascha Hingst und Jessy Wellmer liegt, die ihre Sache bislang gut machen. Der Wunsch nach Mittagsschlaf, den der BR mit seinen Ausgaben alle zwei Wochen geweckt hatte (beim „Mittagsmagazin“ wechseln sich ARD und ZDF wöchentlich ab), stellte sich bislang bei den Berlinern noch nicht ein.

Ungleich gemütlicher und trutschiger geht es bei „Live nach Neun“ zu, einer neuen, vom WDR verantworteten werktäglichen Servicesendung im Ersten (seit 14. Mai), in der sich wochenweise die Duos Isabell Varell/Tim Schreder, Birgit Lechtermann/Marc Weide und Alina Stiegler/Heinrich Schafmeister abwechseln. Einen größeren Bekanntheitsgrad erreichte die belanglose Sendung, als die Redaktion aus einer Ausgabe nachträglich den Auftritt eines Gastes kurzzeitig herausschnitt, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Barista, Barista! Antifascista!“ getragen hatte – weil Zuschauer daran Anstoß nahmen. Waren das Fascisti? Oder Baristi?

Neu mit fester Sendung im großen Talkshow-Reigen (statt wie zuvor nur als Urlaubsvertretung) ist Dunja Hayali dabei, die die nach ihr benannte Sendung (ZDF, seit 18.7.) einmal im Monat anbietet. Zusätzlich ist die Journalistin nun auch als Moderatorin im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF tätig (erstmals am 25.8.), ohne dass sie der in die Jahre gekommenen Sendung neuen Glanz verleihen konnte. Grundsätzlich scheinen Talkshows eine Art von Belohnung für verdiente TV-Persönlichkeiten zu sein, die durch ihre neue Beschäftigung noch mehr Tätigkeiten auf sich häufen können: Im August machte das Medienmagazin „Zapp“ (NDR Fernsehen) darauf aufmerksam, dass Dunja Hayali in den vergangenen zwölf Monaten für die Amazon Academy, für BMW, die deutsche Automatenwirtschaft, die deutsche Stahlindustrie, den Deutschen Beamtenbund, die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen und das Chemieunternehmen Novartis als Moderatorin oder als Rednerin tätig war. Hayali erklärte daraufhin, dass sie für solche Veranstaltungen ehrenamtlich tätig sei oder daraus resultierende Honorare gespendet habe. Problematisch erscheint dieser Tingeltangel dennoch, denn wie will die Moderatorin zukünftig etwa einen Propagandisten der Glücksspielindustrie kritisch befragen, der sie so nett zu einer Fachtagung der Automatenwirtschaft eingeladen hatte? Es handelt sich um jenen Lobbyverband, der besonders eng mit der FDP verbunden ist.

Seit dem 12. März wagt sich Klaas Heufer-Umlauf bei seinem Stammsender Pro Sieben an ein klassisches Fernsehformat, das in den letzten Jahren als erschöpft und ausgereizt galt: Late Night Berlin läuft am späten Montagabend um 23.10 Uhr und widmet sich allen nur möglichen Themen, zu denen auch Politisches zählen kann. In der Startausgabe der 2018 insgesamt 28 Mal ausgestrahlten Show spielte der Moderator auf komische Weise die Regierungsbildung der großen Koalition nach. Wie in diesem Format üblich beginnt Heufer-Umlauf die Sendung mit dem klassischen Stand-up-Solo, in dem er die Ereignisse der zurückliegenden Woche auf mehr oder weniger witzigen Pointen bringt. Ein Sidekick und eine Big Band helfen dem wie immer zappeligen Moderator über die Zeit. Da sich im Herbst die Einschaltzahlen verbesserten, beschloss der Sender, dem es ja an ununterscheidbaren Sendungen mangelt und dessen Unterhaltungsoffensive im Sommer mit Shows wie „Time Battle“ scheiterte, „Late Night Berlin“ fortzusetzen.

Relativ ruhig blieb es im Jahr 2018 um Jan Böhmermann, der weiterhin das „Neo Magazin Royale“ (ZDFneo) moderierte. Allein zwei Sonderausgaben sorgten für Aufmerksamkeit oder Vergnügen. In „Dr. Böhmermanns Struwwelpeter“ (8.6.) persiflierte die Crew des Magazins den Klassiker der schwarzen Pädagogik aus dem 19. Jahrhundert. Und in „Lass dich überwachen! Die ‘Prism is a Dancer’ Show“ (2.11.) demonstrierte Böhmermann seinem Studiopublikum einmal mehr, was man durch Recherche im Internet alles über die Studiogäste erfahren kann. Das sorgte für eine Reihe von peinlichen Momenten, in denen die Gäste durchaus vom Moderator vorgeführt wurden, was auch durch Sachpreise und nette Worte nicht überdeckt werden konnte. Trotzdem bot die Show vielleicht durch die Radikalität des Ansatzes die beste Aufklärung über das, was viele ohne großes Nachdenken über sich im Internet preisgeben.

Böhmermanns Sidekick Ralf Kabelka war an der sechsteiligen Comedy-Serie „Danke Deutschland“ (ZDF, ab 6.7.) beteiligt, in der selten einmal eine Pointe über Politik und Alltag wirklich zündete; man hatte den Eindruck, hier wurden Kalauer und Scherze recycelt, die man bei der ZDF-„Heute-Show“, in deren Sommerpause „Danke Deutschland“ lief, nicht losgeworden war. Witziger war da schon die auf einem Vorbild aus Island basierende zwölfteilige Comedy-Serie „Tanken – Mehr als Super“ bei ZDFneo (31.7.), in der absurde Alltagsszenen rund um eine Nachttankstelle ausgespielt wurden. In seinen besten Momenten hatte das etwas Anarchisches, das die absonderlichen Rituale des Warenverkehrs auf die Spitze trieb.

23.1.2019 – Dietrich Leder/MK

 

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Dieser Text ist Teil des großen TV-Jahresrückblicks 2018 von Dietrich Leder in Heft Nr. 1-2/2019 der „Medienkorrespondenz“. Die 44-seitige Print-Ausgabe ist am 18. Januar 2019 erschienen. Das Heft kann zum Preis von 13,90 Euro (inkl. postalischer Zustellung) per E-Mail bestellt werden unter der Adresse: leserservice(at)medienkorrespondenz.de, Stichwort: „Jahresrückblick-Zusendung“ (bitte dabei unbedingt Ihre Postadresse angeben). Eine Bestellung ist auch telefonisch möglich unter folgender Nummer: 0228/26000251.

Der Titel des Jahresrückblick-Hefts lautet: „Tweets, #MeToo und Krimis, Krimis, Krimis. Ein Rückblick auf das Fernsehjahr 2018 in 10 Analysen und 10 Bildern“. In den 10 Analyse-Kapiteln geht es um folgende Themen: 1) Politik, 2) Öffentlich-rechtliche Sender, 3) Private Medienunternehmen, 4) #MeToo 5) Fernsehfilm, 6) Serien und Reihen, 7) Sport, 8) Dokumentarische Formen 9) Unterhaltung 10) Kultur, Literatur, Kino, Musik.

23.01.2019 – MK

Print-Ausgabe 12/2019

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