Informationsstaubsauger, Datenfasten und eine Gedenkminute: Ein Rückblick auf das Geschehen im Jahr 2018 im Bereich der privaten Medienunternehmen

17.01.2019 •

Über Weihnachten, als wohl alle ihre Geschenke ausprobierten, funktionierten für eine gewisse Zeit die Sprachassistenten einiger Lautsprecher, wie sie Google, Amazon, Apple & Co. herausgebracht haben, nicht. Vermutlich waren die weltweiten Rechner, die aus den mündlichen Anweisungen Handlungen für die jeweils angeschlossenen Apparate ableiten, durch die Massennutzung überfordert. Die Vorstellung, dass man einen Gegenstand wie einen Menschen anspricht, grenzt schon ans Absurde. Noch absurder, wenn dieser Gegenstand nicht antwortet, als wäre er ein Familienmitglied. Dass sich die Menschen mit den Sprachassistenten ein Mikrofon ins Haus holen, das permanent mit Rechnern in der Welt verbunden ist, erscheint verblüffend in einer Gesellschaft, die vor gerade einmal 30 Jahren heftig dagegen protestierte, als es darum ging, die Menschen im Land zu zählen. Heute gibt man über die Nutzung digitaler Technik Informationen preis, die man damals selbst unter Androhung von Strafen nicht freigegeben hätte. Und vielleicht ist genau das der Trick der Informationsgesellschaft, dass sie die Menschen spielerisch zu etwas überredet, von dem sie argumentativ nicht zu überzeugen wären.

Argumente für ein Datenfasten gab es also durchaus zu Genüge. Allein der Informationsstaubsauger namens Facebook, zu dem ja auch der Kurznachrichtendienst WhatsApp und das Fotoportal Instagram gehören, geriet 2018 aus dem Zwielicht gar nicht mehr heraus. Er hatte, wie im März bekannt wurde, die Daten seiner Nutzer privaten Diensten wie dem internationalen Marktforschungsunternehmen Cambridge Analytica zur Verfügung gestellt, das, von interessierter Seite beauftragt, mit Hilfe dieser Daten versuchte, entsprechenden Einfluss auf die Präsidentschaftswahlen in den USA und die Brexit-Abstimmung in Großbritannien zu nehmen. Parallel dazu wuchs das Finanzmodell des Konzerns weiter, demzufolge Facebook werbetreibenden Firmen den direkten Zugang zu interessierten Kunden eröffnet oder – simpler ausgedrückt – diese an jene verkauft.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg musste darob vor dem Justizausschuss des US-Kongresses und im EU-Parlament antreten. Dort betrieb er das, was man seinen Kunden bei Facebook und anderswo dringend anempfehlen sollte: Er sagte fast nichts, was relevant wäre. Zwar erlitt die Aktie seines Konzerns im Lauf des Jahres Verluste (es ging abwärts von 181,42 auf 131,09 Dollar), sie scheint aber immer noch überbewertet zu sein. Das gilt für alle Unternehmen der Internet-Industrie, die allein durch Risikokapital ihre Kurse steigern oder halten können. Sie sind Spekulations- und keine Anlageobjekte. Doch selbst eine Strafe in Höhe von 4,34 Milliarden Euro, wie sie die EU im Juli gegen den Alphabet-Konzern (i.e. Google) verhängte, weil das US-Unternehmen seine Monopolstellung mit vielen Tricks behauptete, irritiert die Spekulanten nicht.

Als Zuckerberg einst sein Geschäftsmodell startete, hatte er gewiss nicht daran gedacht, dass seine Plattformen regelmäßig auf Posts geprüft werden müssen, die mannigfach gegen viele straf- und zivilrechtliche Normen und nicht zuletzt gegen die Menschenwürde verstoßen. Was es bedeutet, all das zu sichten, was sich hier an Abscheulichkeiten, Hass, Obszönitäten oder Gewaltverherrlichungen offenbart und jeden Moment weltweit auf Facebook gepostet wird, zeigte der Dokumentarfilm „Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners“ von Hans Block und Moritz Riesewieck, den Arte (28.8.) und die ARD (11.9.) ausstrahlten. Er stellte Personen vor, die in der philippinischen Hauptstadt Manila im Auftrag von Facebook & Co. prüfen, was ins Netz gestellt wird, und es gegebenenfalls löschen. Deutlich wurde in dem Film auch, dass diese Säuberungen eine Kehrseite haben, da sie stets Eingriffe in eine freie Kommunikation darstellen. Denn das, was in vielen Ländern als freie Meinungsäußerung gilt, fällt in anderen unter den Verdacht einer Straftat. Mit großen Staaten wie China möchten die Internet-Konzerne zudem weiter zusammenarbeiten, weshalb sie für diese Länder den Begriff dessen, was zu löschen sei, möglichst weit fassen.

Facebook und Google bilden auf ihren Gebieten Monopole, deren Marktmacht kein Wettbewerber auch nur ansatzweise schmälern kann. Das sehen die klassischen Medienfirmen voller Neid, weshalb sie weiter kräftig fusionierten. Der bereits 2016 beschlossene Zusammenschluss von AT&T und Time Warner wurde im Juni in den USA kartellrechtlich genehmigt. Das neue Konglomerat nennt sich Warner Media, das sich nun auch auf dem neuen Streaming-Markt positionieren muss, um seinen durch Netflix angegriffenen Pay-TV-Sender HBO abzusichern. Netflix selbst steigerte 2018 weiter Umsatz und Gewinn. Am Ende des dritten Quartals meldete der Streaming-Anbieter weltweit über 130 Millionen Abonnenten. Angesichts der hohen Kosten, die durch viele neue Serien und Filme entstehen, scheint an der Börse ein gewisser Zweifel zu herrschen, ob die Wette des Unternehmens aufgeht. Nach einem Hoch von 419 Dollar im Juli lag die Aktie am Jahresende bei 320 Dollar.

Im Rahmen einer sogenannten blinden Auktion in London lieferten sich zwei US-Medienfirmen einen aufwendigen Bieterwettkampf um den europäischen Abonnementsender Sky mit Ablegern in Großbritannien, Deutschland und Italien. Lange Zeit schien es so, als habe Rupert Murdochs Unternehmen Fox die Nase vorn, nicht zuletzt weil es bereits ein 39 Prozent umfassendes Aktienpaket an Sky besaß. Überraschend für viele setzte sich dann Mitte September der Konkurrent Comcast durch, der ein deutlich höheres Angebot pro Aktie als der Konkurrent unterbreitet hatte. Wenige Tage später verkaufte Fox seinen Anteil ebenfalls an Comcast. Zum Kabelnetzriesen Comcast gehören in den USA das Network NBC und die Produktionsfirma Universal.

Der Entertainment-Bereich von Fox wiederum wurde Ende Juli endgültig von Disney übernommen; nur das Fox-Network und die Nachrichtensender Fox News und Fox Business bleiben im Besitz von Rupert Murdoch. Mit einem auch rechtlich akzeptierten Abschluss der Übernahme wird erst im Jahr 2019 gerechnet. Der Plan von Disney für ein eigenes Streaming-Angebot, für das der Konzern nicht zuletzt den Fox-Unterhaltungsbereich kaufte und das 2019 gegen Netflix positioniert wird, schreitet fort. Allerdings wäre dieses Angebot mit Sky deutlicher stärker gewesen. Die Folge der neuen Konkurrenzlage: Sky verkündet eine strategische Partnerschaft mit Netflix.

Als Auswirkung dessen gab Sky Deutschland im November bekannt, dass über seine Internet-Plattform Sky Q künftig auch Netflix genutzt werden könne. Über dieses Angebot ist das Netflix-Abo um etwa zwei Euro billiger als sonst, ergibt aber mit dem verpflichtenden Sky-Paket eine Monatsgebühr von insgesamt 32,99 Euro; zudem kann dieses Abo nicht wie bei Netflix monatlich, sondern erst nach zwei Jahren gekündigt werden. In Deutschland konnte Sky zwar seinen Umsatz steigern, doch stagniert angesichts gestiegener Rechtekosten vor allem für die Fußballübertragungen das Ergebnis. Zudem stiegen die Abonnentenzahlen nur noch minimal.

Beim Medienkonzern Pro Sieben Sat 1 SE wurde am 1. Juni Max Conze neuer Vorstandschef, was aber den Aktienkurs nicht stabilisierte, der von 29,00 auf 15,55 Euro zum Jahresende abrutschte. Das Unternehmen initiierte mit der US-Firma Discovery, zu der ja auch der Fernsehanbieter Eurosport gehört, eine gemeinsame Streaming-Plattform, in der das 2017 gestartete eigene Online-Portal 7TV, das Streaming-Angebot Maxdome und der Eurosport-Player zusammengefasst wurden. Die RTL-Gruppe, ARD und ZDF seien eingeladen, sich unter dem Dach von 7TV mit Angeboten zu beteiligen, ließ Pro Sieben Sat 1 wissen. Intendant Thomas Bellut zeigte sich für das ZDF im Juli interessiert und stellte im November drei Programme (ZDF-Hauptprogramm, ZDFneo, ZDFinfo) für eine lineare Verbreitung bei 7TV zur Verfügung. Auch die RTL-Gruppe signalisierte zunächst Interesse, stieg dann aber doch nicht ein, um sich auf ihr eigenes Video-on-Demand-Angebot TV Now zu konzentrieren, das im Dezember runderneuert wurde und künftig auch vorab exklusiv Serien seinen Nutzern anbietet.

Die internationale RTL Group meldete zwar wachsende Umsatzzahlen, was aber den Aktienkurs ebenfalls nicht stabilisierte, er sank von 66,90 auf 46,70 Euro. In Deutschland ergänzte RTL das Portfolio durch das über das Internet verbreitete Angebot Now US. Es wird von RTL vollmundig als „Free-TV-Sender“ bezeichnet, obgleich man für den Zugang monatlich 2,99 Euro zu zahlen hat. Das stelle aber keine Abonnementgebühr dar, sondern sei ein „technisches Zugangsentgelt“. Auf die Idee, das so zu bezeichnen, muss man erst einmal kommen. Wenn sich die deutschen Programme der RTL Group durch eine ähnliche Phantasie auszeichnen würden, könnte man sie öfters lobend erwähnen. So aber bleibt nur der Hinweis, dass Anke Schäferkordt, die eine Zeitlang auch der RTL Group vorstand, zum 31. Dezember 2018 als Geschäftsführerin der Mediengruppe RTL Deutschland abgetreten ist. Damit endet eine Ära im deutschen Privatfernsehen. Schäferkordt war nach Helmut Thoma und dann Gerhard Zeiler erst die dritte prägende Gestalt des in Köln ansässigen Privatsenders, den sie von 2005 bis Januar 2013 leitete (neuer RTL-Chef wurde dann Frank Hoffmann, der vom Schwestersender Vox herüberwechselte). Beim Gütersloher Bertelsmann-Konzern, der weiterhin 75,1 Prozent der Aktien an der RTL Group hält, stieg zwar im ersten Halbjahr erneut der Umsatz, allerdings sank das Ergebnis.

Die Deutsche Telekom benannte ihr bisheriges Streaming-Angebot namens Entertain in Magenta TV um und erweiterte dieses mit Zugängen zu weiteren Sendern und Mediatheken; als spezielles Angebot könne man über Magenta TV nun allein 200 Folgen des ARD-„Tatorts“ abrufen, hieß es dazu beispielsweise als Anreiz zur Nutzung der relaunchten Plattform. Fernsehen im Sinne des klassischen Rundfunks dürfte man Magenta TV nicht nennen, denn einen Sender darf das teilweise noch in Staatsbesitz befindliche Unternehmen nicht betreiben, denn das wäre dann Staatsfunk...

Aber wo beginnt ein Fernsehprogramm? Die Landesmedienanstalten waren beispielsweise der Meinung, dass die von der „Bild“-Zeitung betriebenen Online-Angebote „Bild Live“, „Die richtigen Fragen“ und „Bild Sport-Talk mit Thorsten Kinhöfer“ mit ihrem kontinuierlichen Programmangebot im Sinne des Gesetzgebers zulassungspflichtigen Rundfunk darstellen, und verlangten deshalb vom Springer-Konzern, dem Eigner von „Bild“, entsprechende Lizenzanträge. Gegen die Aufforderung setzte sich Springer rechtlich zur Wehr. Nach der Stattgabe eines Eilantrags am 18. Oktober darf „Bild“ seine Videokanäle vorerst auch ohne Rundfunklizenz weiterbetreiben.

Ein anderes Rechtsproblem stellte sich den Landesmedienanstalten im April, als die Vermutung aufkam, in der neuen Staffel der Comedy-Reihe Pastewka gebe es Schleichwerbung. Aber wer sollte das prüfen? Denn die neue und insgesamt 8. Staffel der Sitcom, die früher von Sat 1 ausgestrahlt wurde, lief jetzt gar nicht mehr bei dem Fernsehsender, sondern wurde von Amazon Prime Video per Streaming angeboten. Erste Mutmaßungen, dafür sei die Medienaufsicht in Luxemburg zuständig, da dort mehrere Firmen von Amazon angesiedelt sind, gingen fehl. Ende April erklärten die Medienanstalten dann, dass sie sich mit Amazon einig seien, dass die deutsche Medienaufsicht für jene Angebote von Amazon Prime Video zuständig sei, die sich an den deutschen Markt richteten. Seitdem hat man von dem Fall nichts mehr gehört.

Eine never ending story schien im Frühjahr 2018 ihr Ende gefunden zu haben, als Bernhard Burgener endgültig mit 78,38 Prozent die Mehrheit an der Firma Constantin Medien übernahm, die auch am Sender Sport 1 beteiligt ist. Doch die Geschichte hatte nicht das erwartete Ende genommen. Im April gab die Firma bekannt, dass sie ihren ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Hahn auf Schadensersatz verklagen werde. Es geht also weiter – eine Soap aus der Welt des Kapitals.

Einer Farce ähnelte die Geschichte um den Verkauf von UKW-Sendeanlagen, die im April an mehrere Firmen gegangen waren, die nun von den Sendern deutlich höhere Preise für die Ausstrahlung der analogen Hörfunkprogramme verlangten. Für eine gewisse Zeit drohte gar eine Funkstille, ehe man am 19. Juni doch noch einen Kompromiss fand. In manchen Kabelnetzen wurde der analoge Hörfunk hingegen abgeschaltet, dort kann man die Programme der ARD-Landesrundfunkanstalten nur noch im digitalen Standard DVB-C (aber in hervorragender Qualität) empfangen, wofür man allerdings einen eigenen Tuner benötigt. Parallel dazu wird der digitale Hörfunkstandard DAB plus für terrestrischen Empfang mit hohem Aufwand promotet, wobei hier die Sendequalität aber nicht an die von DVB-C heranreicht.

Der Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), der sich 1990 gegründet hatte, wurde Anfang 2018 in ‘VAUNET – Verband privater Medien’ umbenannt. Ob VAUNET am 31. Dezember eine kurze Gedenkminute für den Musiksender Viva einlegte, der an diesem Tag seinen Sendebetrieb endgültig einstellte, ist nicht bekannt. Er hätte es aber verdient gehabt.

17.1.19 – Dietrich Leder/MK

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Dieser Text ist Teil des großen TV-Jahresrückblicks 2018 von Dietrich Leder in Heft Nr. 1-2/2019 der „Medienkorrespondenz“. Die 44-seitige Print-Ausgabe erscheint am 18. Januar 2019. Das Heft kann zum Preis von 13,90 Euro (inkl. postalischer Zustellung) per E-Mail bestellt werden unter der Adresse: leserservice(at)medienkorrespondenz.de, Stichwort: „Jahresrückblick-Zusendung“ (bitte dabei unbedingt Ihre Postadresse angeben). Eine Bestellung ist auch telefonisch möglich unter folgender Nummer: 0228/26000251.

Der Titel des Jahresrückblick-Hefts lautet: „Tweets, #MeToo und Krimis, Krimis, Krimis. Ein Rückblick auf das Fernsehjahr 2018 in 10 Analysen und 10 Bildern“. In den 10 Analyse-Kapiteln geht es um folgende Themen: 1) Politik, 2) Öffentlich-rechtliche Sender, 3) Private Medienunternehmen, 4) #MeToo 5) Fernsehfilm, 6) Serien und Reihen, 7) Sport, 8) Dokumentarische Formen 9) Unterhaltung 10) Kultur, Literatur, Kino, Musik.

17.01.2019 – MK

Print-Ausgabe 12/2019

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