Fußball schauen im Fernsehen: Sechs Regeln für die Euro 2016

27.06.2016 •

Das Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich läuft auf Hochtouren und wird am heutigen Montag (27. Juni) abgeschlossen; das deutsche Team ist nach seinem 3:0-Sieg gestern gegen die Slowakei, den im ZDF 28,11 Mio Zuschauer sahen, weiterhin dabei. Auch die Euro 2016, wie sie offiziell heißt, ist natürlich wieder ein großes Fernsehereignis. Die Spiele werden hierzulande von ARD und ZDF live übertragen (einige Begegnungen der Vorrunde, konkret: des dritten Spieltags, gab es bei Sat 1 zu sehen). Als man die Partien der Vorrunde dieser Euro sah, an der so viele Länder teilnehmen wie noch nie, setzte man sich als Zuschauer aufgrund der Erfahrungen nach kurzer Zeit mindestens sechs Fernsehregeln selbst:

  1. Nicht pünktlich einschalten! Am besten erst dann, wenn das Spiel kurz vor dem Abpfiff steht, denn dann erst fallen Tore. Meist die entscheidenden. Und wenn das Spiel doch schon vorher entschieden ist, dann mindestens die schönsten.
  2. Auf den primären Live-Kommentar verzichten! Denn gut machte niemand seine Sache, auch nicht Claudia Neumann, die fürs ZDF und damit als erste Frau bei einem solchen Turnier Spiele kommentierte, wofür der Sender übelst beschimpft wurde, als wären ihre Kollegen Béla Réthy, Oliver Schmidt und Martin Schneider oder die ARD-Männerriege aus Tom Bartels, Gerd Gottlob und Steffen Simon auch nur einen Deut besser. Und Matthias Stach (Sat 1) ist beim Tennis deutlich besser als beim Fußball aufgehoben.
  3. Den Ton für Sehbehinderte wählen! Da es leider weder beim Ersten noch beim Zweiten Programm die Möglichkeit gibt, den IT-Ton anzuwählen, der nur den Stadionton wiedergibt, muss man sich, um dem Gequassel und dem Hochjubeln müder Spiele zu entgehen, den Ton wählen, in dem für Sehbehinderte das Bild beschrieben wird. Und siehe da, durch den Zeitdruck, jedes Ereignis auch nur halbwegs und pünktlich festzuhalten, konzentrieren sich die Reporter hier auf das Geschehen und ersparen sich all den Unsinn aus Statistik und Klatsch und Werbeempfehlungen für irgendwelche Apps, mit dem die anderen die Zeit füllen.
  4. Die Vor- und Nachberichterstattung der Live-Übertragungen glatt ignorieren! Mehmet Scholl und Matthias Opdenhövel (ARD) sowie Oliver Welke und Oliver Kahn (ZDF) gefallen sich immer stärker als Comedians, die auf das Spektakel der EM noch mindestens drei Kalauer draufsatteln müssen. In der ARD nervt Scholl alle mit einer analytischen Spielbeschreibung, die er „Packing“ nennt und das Überspielen möglichst vieler Spieler in einem Zug meint. Okay, dann kann man auch das Einschalten des Fernsehgeräts erst zum Anpfiff (oder noch später) als „Packing“ definieren, da es unendliche Minuten des Gequassels gleichsam überspielt. Im ZDF nervt Holger Stanislawski die Zuschauer bei seinen Taktikanalysen mit Pleonasmen, Redundanzen und Tautologien, die er sich unter viel „Ähms“ aus dem Munde quält.
  5. Die Nachbehandlung der Spiele durch „Beckmanns Sportschule“ (ARD) einfach übersehen! Es ist, als wollten Reinhold Beckmann und sein Kollege Tom Theunissen aus der Tatsache, dass die Vor- und Nachberichterstattung von ARD und ZDF kräftige Anleihe im Comedy-Bereich machten, nun ein komplettes Geschäftsmodell entwickeln. Manche Idee las sich auf dem Papier ganz gut, doch in der Wirklichkeit war das am Ende eines Spieltags schlicht zu viel und dann auch nicht souverän und frech genug. Dass im Umfeld des Riesenzinnobers, den die Sender schon allein aus Kostengründen um die EM drumherum veranstalten, auch andere untergehen können, müssen Tag für Tag Arnd Zeigler in der ARD und Serdar Somuncu im ZDF erfahren, die am Rande ab und zu Ereignisse und Vorkommnisse sowie in homöopathischen Dosen auch die Berichterstattung aufspießen dürfen.
  6. An Trianon denken! Ohne die dem Versailler Friedensvertrag nachfolgende Vereinbarung von Trianon (1919) gäbe es viele Teilnehmerländer dieser Fußball-Europameisterschaft gar nicht. Österreich-Ungarn würde dann gegen Russland spielen, während Polen, die Ukraine, Tschechien und die Slowakei etc. gar nicht beteiligt wären. Dass nach der politischen Wende von 1989 nur ein Land der Nachkriegszeit verschwand, daran erinnerten deutsche Fans, die irgendwo zu einem Spiel befragt wurden und eine Fahne der DDR mit sich führten. Wozu passt, dass auf den elektronischen Stadionbanden unter anderem für etwas geworben wird, was das Kürzel „FDJ“ trägt.
27.06.2016 – Dietrich Leder/MK

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