Bestechen, weil’s alle tun: Der Moment, als es „Sky‑90“‑Moderator Patrick Wasserziehr die Sprache verschlug

11.03.2016 •

11.03.2016 • Am vorigen Sonntag (6. März) verschlug es beim Pay-TV-Sender Sky für einen Augenblick selbst dem Moderator die Sprache. Patrick Wasserziehr steht der Sendereihe „Sky 90“ seit ihrer Gründung vor. Die von einem Automobilkonzern gesponserte Diskussionsrunde, die deshalb auch dessen Namen trägt, weshalb dieser hier verschwiegen wird, bereitet jede Woche das Spielgeschehen der Fußball-Bundesliga auf. Hier werden Schiedsrichterentscheidungen nachbereitet, Trainerentlassungen erörtert, Lob und Tadel verteilt. Immer mit dabei ist einer der Experten, die sich der Abonnementsender hält, um das Geschehen der Bundesliga gleichsam artgerecht aufzubereiten. Ohne die Bundesliga-Übertragungsrechte gäbe es den Sender vermutlich schon gar nicht mehr. Und nichts bedroht seine Existenz mehr als ein möglicher Verlust dieser Rechte. Das Fußballgeschäft muss mithin in einer Sendung wie „Sky 90“ grundsätzlich gutgeheißen werden. Radikale Kritiker werden deshalb gar nicht erst eingeladen.

Doch um das Fußballthema der Woche kam an diesem 6. März auch Patrick Wasserziehr nicht herum. Zwei Tage zuvor hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) auf einer Pressekonferenz, die einige Nachrichtensender live im Fernsehen übertrugen, die Ergebnisse einer Rechtsanwaltskanzlei bekannt gegeben, die obskuren Geldströmen aus dem DFB rund um die Vergabe der Weltmeisterschaft 2006, die in Deutschland stattfand, nachforschen sollte. Die Anwälte hatten ihre Aufgabe erledigt und zeichneten in ihrem Bericht im Detail nach, wie im Jahr 2002 knapp 6 Mio Euro durch Europa geflossen waren, die schlussendlich vom DFB bezahlt wurden und auf einem Konto in Katar landeten. Beteiligt an diesem Geldgeschäft über mehrere Konten in Deutschland und der Schweiz war auch Franz Beckenbauer, der sich jedoch an nichts mehr erinnern kann.

Zur Erinnerung: Als der „Spiegel“ im Oktober 2015 erstmalig von dieser Geldzahlung des DFB berichtet und dazu gemutmaßt hatte, dass die Millionen möglicherweise zur Bestechung von Funktionären des Weltfußballverbandes FIFA gedient hätten, die einst für Deutschland als Austragungsort gestimmt hatten, war man auch bei „Sky 90“ hellauf empört gewesen – nicht über den Vorgang an sich, sondern über den „Spiegel“, der diese Meldung veröffentlicht hatte. Erst nachdem weitere Vorgänge bekannt wurden, die ein schlechtes Licht auf die DFB-Spitze warfen, schwenkte man bei Sky um. So kam es zum aktuellen Gespräch bei „Sky 90“, das durch kurze Filmbeiträge angereichert wurde, welche die Neuigkeiten der letzten Tage ordentlich zusammenfassten. In der Gesprächsrunde musste dann die Rolle von Beckenbauer erneut thematisiert werden, der seit Jahren das Aushängeschild des Pay-TV-Senders ist und in Erfüllung seines Vertrags als „Sky-Experte“ auch regelmäßig bei „Sky 90“ zu Gast ist.

Es hätte also nicht nur für Beckenbauer, sondern auch für Sky schwierig werden können, hätte man an diesem Tag Journalisten in die Sendung eingeladen, die sich mit der schwierigen Materie ‘FIFA und Korruption’ beschäftigt hatten. Dem war aber nicht so. Stattdessen saßen mit Michael Ballack ein ehemaliger Bundesliga-Star und Nationalspieler, mit Markus Merk ein pensionierter DFB-Schiedsrichter, mit Marcel Reif der Chefreporter von Sky und mit dem interimistischen DFB-Präsidenten Rainer Koch vier Männer Patrick Wasserziehr gegenüber, die alle irgendwie Teil des Fußballgeschäfts und deshalb alle deutlich befangen sind. Dennoch verblüffend, wie Ballack, Merk und Reif unisono in einem absurden Doppelschluss betonten, dass sie sich nicht vorstellen könnten, dass der DFB jene unbekannten FIFA-Funktionäre bestochen haben könne und dass man anders nicht an die WM in Deutschland gekommen wäre. Ob man etwa glaube, hieß es mehrfach, dass Deutschland das WM-Turnier nur wegen des guten Konzepts erlangt hätte? Im Klartext: Weil alle bestechen, wäre der DFB dumm gewesen, wenn er es unterlassen hätte.

Das war der Moment, als es Patrick Wasserziehr die Sprache verschlug. Vielleicht weil er ahnte, was eine solche Argumentation bedeutet. Bezogen auf Doping: Weil alle dopen, sollten es auch die hiesigen Athleten tun, die ja sonst bei Wettbewerben keine Chance hätten. (Der ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt legte am 6. März in der „Tagesschau“ weitere Beweise dafür nach, dass in der russischen Leichtathletik systematisch gedopt wird.) Und noch einen radikaleren Schritt weiter: Weil manche Fußballspiele manipulieren, müssten wir das auch tun. (Die ARD strahlte am 2. März um 20.15 Uhr einen Fernsehfilm und direkt im Anschluss eine Dokumentation zu Wettmanipulationen im Profi-Fußball aus.) Und schließlich ganz drastisch: Recht ist, was uns frommt.

11.03.2016 – Dietrich Leder/MK