Wolfram Lotz: Das Ende von Iflingen (SWR 2)

Arme Schweine

30.06.2019 •

Das Hörspiel „Das Ende von Iflingen“ wurde am 30. Mai und damit am Feiertag Christi Himmelfahrt bei SWR 2 urgesendet. Es beschäftigt sich – gewissermaßen, so könnte man meinen, als Kontrast zum Tag der Ausstrahlung – mit dem Tag des Jüngsten Gerichts in der südwestdeutschen Provinz. Autor des Stücks ist der Dramatiker Wolfram Lotz, der 1981 in Hamburg geboren wurde und im Schwarzwald aufgewachsen ist. Sein Stück „Die lächerliche Finsternis“ (SWR) war 2016 eine der drei Produktionen, die für den Hörspielpreis der Kriegsblinden nominiert wurden (vgl. diesen MK-Artikel).

In „Das Ende von Iflingen“ schickt Lotz zwei Figuren los, den Erzengel Michael (gesprochen von Wolf-Dietrich Sprenger) und den „Hilfsengel“ Ludwig (Steffen Schortie Scheumann). Sie ziehen von Haus zu Haus, um die Einwohner des frommen Örtchens zu richten, was in diesem Fall bedeutet, sie ausnahmslos mit flammendem Schwert „zu Asche zu schlachten“. So sieht es das den göttlichen Plan beinhaltende Personenregister vor, das der mit dem Schwert bewaffnete Michael ständig mit sich herumträgt.

Nur erscheint der Ort absolut menschenleer. Das Kontrastprogramm setzt sich damit auch innerhalb des Hörspiels selbst fort. Dem drastischen Vorhaben steht dessen praktische Undurchführbarkeit gegenüber. Das ursprüngliche ‘Splatterversprechen’ des Hörspiels – bzw. die dahingehenden Erwartungen des Hörers – werden nicht eingelöst. Dadurch entsteht eine Leerstelle, die Platz bietet für Charakterzeichnungen der beiden Engel, die bei ihrer Durchsuchung des über nur eine Straße verfügenden Dorfs zwar keiner Menschenseele begegnen, dafür aber auf einige sprechende Tiere treffen.

Das erste Fabelwesen, dem sie über den Weg laufen, ist ein Igel (gesprochen von Lars Rudolph), der in einem Garten das Laub durchwühlt, und zwar aus einem tiefen Gefühl der Verpflichtung heraus. Als er vom Engel Ludwig gefragt wird, ob er nach Futter suche, empört er sich über die Unterstellung im Besonderen und die Hinterfragung seiner Tätigkeit im Allgemeinen. Um es mit den Worten des Igels festzuhalten: „Ich habe das Laub zu wühlen!“ Basta. Sinnentleerter Arbeitszwang wird aus der Menschenwelt auf die Ebene des tierischen Instinkts übertragen, könnte man hier hineininterpretieren, und als biologisch veranlagte Zwangshandlung persifliert.

Auch die anderen beiden sprechenden Tiere in der Geschichte, auch sie wie der Igel mit kunstvoll-comichaft verstellten Stimmen gesprochen, verkörpern in diesem Sinn psychische Macken des Menschen. Der Mauersegler (Cathlen Gawlich), der beinahe sein gesamtes Leben im Flug verbringt, steht für eine gewisse Weltüberdrüssigkeit und beschwert sich über den Verwesungsgestank der Erde, die er nur als „das Ding da unten“ bezeichnet. Damit könnte er für die extraterrestrischen Siedlungsbestrebungen der Menschheit auf dem Mars und andernorts stehen. Und dann ist da das Schwein (Florian von Manteuffel), das um die eigene Schlachtung bittet, es sei doch voller guter Würste. Die eigene Verwertbarkeit nicht nur akzeptieren, sondern sie aktiv betreiben – auch das kennt man vom Homo sapiens.

Doch das arme Schwein hat keine Chance, seinen Wunsch erfüllt zu bekommen. Denn der Erzengel Michael will zwar nichts lieber, als endlich sein flammendes Schwert zum Einsatz zu bringen, aber eben nur, um die Iflinger Menschen zu richten und damit den göttlichen Plan zu erfüllen. Das passt auch zu den eindeutig misanthropischen Ansichten Michaels, der im Übrigen am laufenden Band flucht. Ludwig hingegen ist ein zurückgenommener, barmherziger Zeitgenosse, der leichte Zweifel an der Rechtmäßigkeit der vollkommenen Auslöschung der Dorfbevölkerung anmeldet, sich damit aber kein Gehör verschaffen kann.

Das Ende des rund 70-minütigen Hörspiels löst gleichermaßen das Rätsel um die verschwundenen Bewohner, wie es dem Titel des Stücks eine zusätzliche Bedeutungsebene hinzufügt. Denn das letzte Gebäude von Iflingen ist die Kirche am Ende der Dorfstraße. In dem Gotteshaus liegen die Iflinger – allesamt tot infolge eines vom Pfarrer angeleiteten Massensuizids mit vergiftetem Messwein, wie eine Abschiedsnotiz auf dem Altar offenbart. Dieser ‘Selbstmord aus Angst vor dem Tod‘ stellt die höchste Stufe der menschlichen Abkehr von rationalem Denken dar, auf die bereits vorher in den eingebetteten Fabeln angespielt wurde.

Die Menschen haben sich also bereits selbst gerichtet und sie sind nur noch in Spuren aufzufinden. Diese Spuren schlagen sich auch auf einer zweiten Ebene im Hörspiel nieder. In Aufzählungen werden konkrete Alltagshinterlassenschaften wie benutztes Geschirr am Frühstückstisch, aber auch Sinneseindrücke wie Wetterbeobachtungen aneinandergereiht, immer an der Schnittstelle zwischen zwei Szenen. Ein melancholischer Abschiedsgruß an die Verschwundenen.

Wolfram Lotz hatte den Text zu „Das Ende von Iflingen“ wie auch den zu seinem Hörspieldebüt „In Ewigkeit Ameisen“ bereits 2007 verfasst. Auf der Bühne uraufgeführt wurden die Stücke dieses Frühjahr in Wien am Burgtheater zusammen unter dem Titel „In Ewigkeit Ameisen“, nachdem der Autor sie 2019 für das Theater freigegeben hat.

Die Mischung aus Witz, Boshaftigkeit und Melancholie, die der Text beinhaltet, werden im Hörspiel „Das Ende von Iflingen“ von Schauspielern und Regie (Leonhard Koppelmann) sehr gut umgesetzt, zum Beispiel in der außergewöhnlichen stimmlichen Ausarbeitung der Charaktere. Auf passende Weise komplettierend wirkt die dezent eingebrachte Hörspielmusik von Peter Kaizar, die die latente Atmosphäre der Verzweiflung zugleich verstärkt und erdet. Kurzum: Hier trifft man auf postapokalyptische Radiokunst in Bestform.

30.06.2019 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren