Christian Hussel: Fleischfabrik. Mundart-Kriminalhörspiel (SWR 2/SWR 4 Baden-Württemberg)

Splatter meets Mundart

22.05.2019 •

Wohin mit den Losern der Zivilgesellschaft, mit Alkoholikern und anderen unproduktiven Subjekten? Die makabre Idee lautet: ab in die Fleischfabrik! Nein, sie sollen dort nicht zu Wurst verarbeitet werden. Stattdessen werden sie in einem Arbeitslager gehalten, wo sie in Zwölf-Stunden-Schichten sieben Tage die Woche metzgern müssen, kontrolliert vom Wachpersonal und ohne Aussicht auf Entlassung. Das Essen besteht überwiegend aus rohen Innereien und Fleischabfällen. Der Minimallohn, den die Arbeiter auf dem Papier erhalten, wird ihnen folgerichtig nicht ausgezahlt, sondern nach Kräften hinterzogen.

Die so erzeugten Fleischprodukte der im Hohenlohekreis ansässigen Großschlachterei Weidepark GmbH werden deutschlandweit dank omnipräsenter Werbekampagnen sehr erfolgreich vermarktet. Für die wirtschaftlich eher schwache Region gewinnt das Unternehmen stetig an Bedeutung. Um die steigende Nachfrage zu bedienen, wird aus obskuren Quellen Fleisch aus dem Ausland zugekauft. Und dabei passiert das Malheur: Ein schnellwirkender Virus verwandelt die Arbeiter in Zombies, die Menschen die Kehle durchbeißen und sich an den Eingeweiden ihrer aufgerissenen Opfer gütlich tun. Wer vom Zombie gebissen wurde, wird natürlich selbst einer. Tja, wie lässt sich in einer so verfahrenen Situation eine weitere Eskalation verhindern? Die Lösung ist ebenso klassisch wie rigoros und vorhersehbar: Areal abriegeln, alle Infizierten von Militärs zusammenschießen lassen und verbrennen. Das eigentliche Kunststück besteht hinterher darin, das Geschehen unter Verschluss zu halten und die Öffentlichkeit erfolgreich zu desinformieren.

Autor Christian Hussel, geboren 1957, gelernter Drechsler und studierter Theaterwissenschaftler und Soziologe, ist seit mehr als 25 Jahren so ziemlich überall auf der Welt als Autor und Medienkünstler unterwegs, vorzugsweise in Europa und Asien. Bereits seit rund 30 Jahren veröffentlicht er Hörspiele, meist für Programme von ARD-Anstalten, er hat sich aber auch hier nicht an einem Sender festgebissen, sondern ist in der Republik mal hier, mal dort zu finden. Die vorliegende rabenschwarze Kriminalgroteske „Fleischfabrik“ wurde von Steffen Moratz für den Südwestrundfunk (SWR) eingerichtet, und zwar als auch für Preußen und Bayern gut verständliches Mundarthörspiel. Es lief dann im SWR-Hörfunk zum einen am Freitag (26. April) als „SWR 2 Krimi“ und zwei Tage später bei SWR 4 Baden-Württemberg auf dem Mundarthörspiel-Sendeplatz am Sonntagabend.

Das 55-minütige Stück bezieht, der drastischen Thematik zum Trotz, seinen Charme maßgeblich aus der Konfrontation der biederen fränkischen Landbevölkerung mit dem Splatter-Genre – hier treffen zwei Welten aufeinander. Das Mundartliche unterstützt maßgeblich die Vorspiegelung einer trügerischen Idylle, in der höchstens einmal die Rassekatze der Oma entführt und bei Ebay versteigert wird. Die erfrischenden Dialoge in dieser vielversprechenden Szenerie werden von den Darstellern lebendig umgesetzt. In den Hauptrollen überzeugen Andreas Leopold Schadt als Kriminaloberkommissar Volker König und Karoline Eichhorn als frischgebackene Staatsanwältin Paula Perl. Die beiden müssen ermitteln, denn es gab zwei Tote bei der Weidepark GmbH; mit dieser telefonisch übermittelten Nachricht beginnt alles. Beim Nachlesen in der SWR-Programmfahne zu dem Hörspiel fällt im Übrigen auf, dass die Nebendarsteller überwiegend ohne Rollenzuordnung genannt werden – schade.

Die Darsteller spielen zwar erfolgreich mit den Versatzstücken des Regionalhörspiels, scherzen, granteln und sinnieren, aber die Figuren können sich charakterlich kaum entwickeln, bleiben letztlich ohne Tiefe. Auch dramaturgisch verläuft die Geschichte im Sande, denn das Ende – zusammenschießen, verbrennen, unter den Teppich kehren – ist durchaus folgerichtig und der Weg dorthin bietet schon recht früh kaum noch Überraschungen. Immerhin sorgen die regelmäßig auch in den schwärzesten Momenten eingeblendeten kurzen Werbespots für die ach so leckeren Produkte der Großschlachterei „Weidepark“ als Running-Gags für nette Abwechslung.

Die Vorhersehbarkeit der Handlung wäre als solche kein gravierendes Problem, wäre sie nicht Ausfluss der mehr oder weniger durchgängigen Schwarzweiß-Typisierung. Alle hochrangigen Politiker erweisen sich als gierig, gewissenlos und korrupt. Alle Lokalpolitiker sorgen sich nur um Arbeitsplätze und Wohlstand und drücken dafür beide Augen zu. Alle Ermittler sind bestenfalls engagiert, aber einfältig. Alle Bürger lassen sich mit reichlich Werbung manipulieren und schlucken auch tolldreiste Lügengeschichten, so sie denn professionell dargereicht werden. Alle, alle, alle… Ja, so simpel ist die Welt normalerweise nicht. Wer’s aber einfach liebt und auch im Humor gerne mal auf Differenzierungen verzichtet, wird mit diesem Hörspiel sicherlich zufrieden gewesen sein.

22.05.2019 – Andreas Matzdorf/MK