Frank Witzel: Entwicklung einer Theorie (HR 2 Kultur)

Merkwürdiger Ratgeber

14.05.2019 •

Frank Witzel schreibt nicht nur Bücher, die dann unter Umständen wie sein preisgekrönter Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ als Hörspiel adaptiert werden (vgl. MK-Meldung), der 1955 in Wiesbaden geborene Autor und Musiker verfasst auch Originalhörspiele. Eine ganze innovative Serie in diesem Genre hat er mit der im Auftrag des Bayerischen Rundfunks (BR) entstandenen 15-teiligen Produktion „Stahnke“ geschaffen (vgl. MK-Kritik). Auf dem experimentellen Sendeplatz „The Artist’s Corner“ von HR 2 Kultur (samstags, 23.00 bis 0.00 Uhr), wo sonst vor allem auch Stücke aus dem Bereich der Klangkunst zu hören sind, wurde Ende März Witzels neues Hörspiel „Entwicklung einer Theorie“ urgesendet.

Die im Titel angesprochene Theorie wird von einem anonymen Ich-Erzähler, Insasse einer psychiatrischen Klinik, in Berichtsform entwickelt. Ohne Einleitung werden dabei von diesem Erzähler in einer Art allgemeiner Welterklärungsgeste erstaunlich viele Bereiche des menschlichen Lebens und Zusammenlebens abgedeckt. So beinhalten die 60 Minuten des Hörspiels unter anderem Diäthinweise, Empfehlungen zur optimalen Schlafdauer und Anleitungen zu Atem- und Körperübungen. Durch all das soll eine hohe geistige und körperliche Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter sichergestellt werden. Das klingt beinahe nach einem ganz normalen Text aus der Riege der Sport- und Ernährungsratgeber.

Im Bericht wird aber auch angedacht, wie man an Krebs erkrankte Personen mit Haferflocken und Malzbier heilen könnte. Sehr oft ist von ominösen Kraftflüssen im Körper und speziellen Eiweißqualitäten im Hirn eines Menschen die Rede, mit denen Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften plausibel gemacht werden sollen. Seine eigene psychische Erkrankung erklärt der Berichtgeber mit der Manipulation seines Essens und der Medikamente, die er einnehmen muss, durch eine „KGB-Agentendienstgruppe“ – der Bericht stammt aus der Zeit des Kalten Krieges.

Gegen Ende des Hörspiels bekommt die vorgestellte Theorie die Züge eines Bittschreibens an Behörden in der Bundesrepublik, in dem um Hilfe bei der Abwehr dieser „KGB-Agentendienstgruppe“ nachgefragt wird. Vorher werden in dem ziemlich zusammenhanglosen Bericht, der von Wahnvorstellungen und Allmachtsphantasien geprägt ist, noch Themen wie die ‘richtige’ Sexualität oder auch das „Überbevölkerungsproblem“ in China näher erörtert.

Das alles hinterlässt nach dem Hören einen merkwürdigen Eindruck. Was soll dieses Hörspiel sein? Auch der Pressetext zum Stück, in dem dieses tatsächlich als eine Art Ratgeber angepriesen wird (wenn auch ironisch), macht einen da nicht klüger. Soll es eine Kritik an der Pharmaindustrie sein? Schließlich ist anscheinend alles, was dem Erzähler an Medikation verabreicht wurde (und das ist laut dessen Bericht einiges), absolut wirkungslos geblieben und hat seinen Zustand vielleicht sogar verschlimmert. Oder ist das Hörspiel, ganz im Gegenteil, ein Plädoyer für die psychiatrische Beobachtung und Behandlung dieses ganz offensichtlich kranken Mannes? Im Übrigen bleibt auch unklar, ob es sich bei dem ehemaligen Orchestermusiker, der hier seinen Bericht vorträgt und der gerne in einem Kurort ein Engagement finden würde, um eine reale oder literarische Figur handelt oder um ein Zwischenwesen.

Von diesen Fragen abgesehen eröffnet das Hörspiel „Entwicklung einer Theorie“ neue Perspektiven unter anderem auf die real existierenden Sinnstiftungsangebote wie sie Ratgeberliteratur, Coaching-Seminare und Fitnesszentren darstellen. Die bieten ja immerhin hier und da sinnvoll erscheinende Vorschläge und Angebote, ergänzen sie aber mit einer Menge Nonsens und verpacken das Ganze in zusammengestückelte und verschwurbelte Lebensphilosophien.

Der Schauspieler Peter Schröder hat dem manischen Erzähler eine guruhaft dozierende Haltung verpasst und bringt mit seiner sonoren Stimme einen gewissen Ernst in dieses Hörspiel. Leonhard Koppelmann hat bei seiner Inszenierung ansonsten vor allem auf dezente Hörspielmusik gesetzt. Ein bemerkenswertes gestalterisches Mittel: Koppelmann lässt den Lautstärkepegel der Tonspur mit der Stimme immer wieder rauf- und runterwandern. So erzielt er einen Effekt, wie ihn bei gedruckter Sprache das Geschriebene in unterschiedlichen Schriftgrößen hervorruft.

14.05.2019 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 17/2019

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