Virginie Despentes: Apokalypse Baby. 2‑teiliges Hörspiel (Bayern 2)

Die Sehnsucht nach dem Aufbrechen von Konventionen

29.03.2019 •

Lucie, eine naive junge Frau, arbeitet für eine Detektei. Ihr aktueller Job besteht darin, im Auftrag eines reichen Klienten die Tochter des Hauses zu beschatten, die etwa 15-jährige Valentine. Lucie ist so glücklich über die bezahlte Arbeit, dass sie keiner der sich aufdrängenden Fragen nachgeht und weder die desolaten Familienverhältnisse noch die spezielle Motivation für den Auftrag und schon gar nicht das Verhalten Valentines hinterfragt.

Nach zwei Wochen passiert das Malheur: Das beschattete Mädel taucht ab und Lucie wird von ihrem Chef in die Rolle der Ermittlerin gepresst. Immerhin weiß sie, dass sie dafür nicht qualifiziert ist und schafft es, sich die Unterstützung der sagenumwobenen „Hyäne“ zu sichern. Diese Frau – laut einer Interview-Aussage von Virginie Despentes, der Autorin von „Apokalypse Baby“, eine Art „Dirty-Harry“-Pendant – verkörpert Lucies genaues Gegenteil: Sie ist eine erfahrene, mit allen Wassern gewaschene Detektivin, zur rechten Zeit feinfühlig oder kampfstark, mit besten Beziehungen zu Polizei, Geheimdienst und zur Unterwelt.

Die „Hyäne“, anders wird sie nicht genannt, organisiert fortan die Ermittlungen, die nach Barcelona führen. Dort hat Valentine ihre Mutter aufgesucht, von der sie in früher Kindheit verlassen wurde. Zusätzlich frustriert von dieser Begegnung wird das sowieso schon total verstörte Mädel nach fünf Tagen von einer geheimnisvollen Nonne aufgegabelt, die für eine Opus-Dei-nahe Organisation arbeitet. Der Nonne gelingt es nicht nur, innerhalb weniger Tage das Vertrauen des Mädchens zu gewinnen, sondern sie schafft es in derselben Zeit auch, sie für ein Selbstmordattentat auf den französischen Präsidenten und die Spitzen der französischen Gesellschaft zu rekrutieren. Das dann letztlich auch erfolgreich ausgeführt wird.

Der Bayerische Rundfunk (BR) hat aus dem 2010 in Frankreich erschienenen Roman von Virginie Despentes (deutsch: 2012) eine Hörspielversion erstellen lassen, ausgestrahlt im Programm Bayern 2 in zwei Teilen von jeweils rund 50 Minuten Länge. Und man hat es als Hörer nicht leicht mit einer Ermittlerin, der so ziemlich sämtliche dafür erforderlichen Fähigkeiten abgehen. Insbesondere stellt Lucie (sich) keine Fragen, was umso erstaunlicher ist, als sie durchaus zu ironischen und zynischen Gedanken in der Lage ist. Das weiß man, da ja ein Großteil der Geschichte aus ihrer Sicht erzählt wird. Immerhin sorgen Lucie und die „Hyäne“ als originelles Gespann für kreative Momente.

Der Nährboden für die Konstruktion besteht aus den miesen Familienverhältnissen, die die Probleme eines auch in ihrer Altersklasse als schwierig geltenden und auf Abwege geratenen Teenagers drastisch verschärfen. Das arme Mädchen bekommt so ziemlich die ganze Psycho-Packung verpasst, maßgeblich bestehend aus unangenehmen Erfahrungen mit Gleichaltrigen, verlogenen Erwachsenen, selbstsüchtigen „Vertrauenspersonen“, problematischem Sex, Gewalterfahrungen, Drogen und Alkohol. Mutter und Vater kümmern sich nicht, die Oma ist der reinste Drache, kurz: Die Familie stinkt, die umgebende Gesellschaft auch, so dass sich hier keiner über unzählige Enttäuschungen und mangelnde soziale Orientierungen eines Teenagers wundern darf. Dass Valentine zudem kurz vorher überraschend zur Alleinerbin eines großen Vermögens bestimmt wurde, wie man relativ spät und nur aus ihren Gedanken erfährt, und Oma und Vater nun versuchen, ihr das abspenstig zu machen, kommt noch obendrauf.

Der Weg des Teenies führt also nach Spanien. Bis dahin ist der Plot einigermaßen folgerichtig aufgebaut. Alles, was dann aber in Richtung Selbstmordattentat innerhalb kürzester Zeit zusammengezimmert wird, erscheint als eher lustloser Versuch der Autorin, möglichst schnell und mit großem Knalleffekt einer Konstruktion zu entkommen, die ihr über den Kopf gewachsen ist. Dazu passt, dass Zweck und Motiv des Attentats letztlich im Dunkel bleiben. Jedenfalls drängt sich der Verdacht auf, dass das Genre des Kriminalromans da lediglich als Vehikel für andere Vorhaben missbraucht wurde.

Denn Lucie landet in Barcelona – dank der Connections der „Hyäne“, die eine bekennende Lesbe ist – in einer großen Frauenwohngemeinschaft. Dort macht sie am Rande einer orgiastischen Party nicht nur erste eigene Erfahrungen mit gleichgeschlechtlichem Sex (und verliebt sich später), sondern wird auch Zeugin diverser anderen sexueller „Spielchen“, unter anderem sadomasochistischer Art. Das musste wohl so sein. Denn schließlich hat die Autorin ja auch noch einen Ruf zu wahren als lesbische Femme fatale der französischen Literaturszene: Virginie Despentes wurde 1994 mit dem Roman „Baise-moi“ („Fick mich!“) bekannt, den sie im Jahr 2000 auch selbst verfilmte, besetzt unter anderem mit Pornodarstellern – ein Skandalfilm, der Mord, Vergewaltigung und Sex in allen Spielarten unverblümt darstellte. Seitdem ist sie vom Bürgerschreck zum französischen Superstar avanciert.

Die Information, dass Despentes selbst zwei Jahre lang als Gelegenheitsprostituierte arbeitete und nicht nur monetären Gewinn daraus zog, wurde in unzähligen Interviews thematisiert – Prostitution als Chance, die Vergewaltigung einer Siebzehnjährigen zu reparieren. Da müssen denn auch Publikumserwartungen bedient werden. Und das ist offenbar auch hervorragend gelungen, zumindest aus der Sicht der Juroren des Prix Renaudot, die das Buch im Jahr 2010 als „besten Roman“ auszeichneten – übrigens am selben Tag, als Michel Houellebecq für „Karte und Gebiet“ den Prix Goncourt erhielt. So lässt sich wieder die schier übermächtige Sehnsucht nach dem Aufbrechen von Konventionen konstatieren, die ja auch die politische Landschaft Frankreichs seit Jahren beherrscht.

Für die Hörspielfassung des Bayerischen Rundfunks stand Martin Heindel als Bearbeiter und Regisseur vor der Herausforderung, die umfangreichen, Off-Text-lastigen Kapitel, die aus den Perspektiven der Figuren erzählt werden, sinnhaft abzubilden. Despentes „macht das zwar in der dritten Person“, erläutert Heindel auf der BR-Webseite zum Hörspiel, „aber es werden Dinge verhandelt, die die Ich-Erzählerin Lucie nicht wissen kann, und die ein […] allwissender Erzähler so nie sagen würde. Die Frage war also für das Hörspiel: Wer spricht da?“ Zum Ende hin entschied sich Heindel unter anderem dafür, Valentine selbst zu Wort kommen zu lassen. Den Bruch, der dadurch in der Erzählstruktur erzeugt wird, hat er nicht zu verantworten. Die Skandalpassagen wurden sachgerecht auf ein Minimum reduziert; der Phantasie des Hörers sind ja keine Grenzen gesetzt, jeder darf sich das ausmalen, wie er mag.

Das Hörspiel wurde in konventioneller Manier, aber sehr feinfühlig inszeniert. Musik und Geräusche wurden unauffällig und behutsam eingearbeitet. Die Verständlichkeit wurde an keiner Stelle der Hörspielkunst geopfert, sowohl was die Inhalte als auch was die Deutlichkeit des Sprechens angeht. Die Lucie ist mit Rosalie Thomass, die im letzten Jahr den Deutschen Schauspielpreis (Hauptrolle) erhielt, hervorragend besetzt. Als „Hyäne“ weiß auch Viola von der Burg zu beeindrucken.

29.03.2019 – Andreas Matzdorf/MK

Print-Ausgabe 20-21/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren