Tomer Gardi: Wie die Blinden träumen (SWR 2)

Geklappert und angezupft

20.03.2019 •

Nach dem Stück „Die Feuerbringer – Eine Schlager-Operetta“ (WDR/BR; vgl. MK-Kritik) ist die SWR-Produktion „Wie die Blinden träumen“ das zweite Originalhörspiel des 1974 geborenen israelischen Schriftstellers, Sprechers und Performance-Künstlers Tomer Gardi, der zumindest im Bereich des Radios gerne tradierte Hör- und Erzählformen aufsprengt. Er folgt in der Radiokunst keinen traditionellen Spuren, sondern zersplittert das akustische Narrativum mit mosaikartigen Schlaglichtern auf Zeit, Politik und Kultur. Das galt auch für das Stück „Broken German“, wiewohl es in diesem Fall der Regisseur und Theatermacher Noam Brusilovsky war, der hier Gardis gleichnamigem Roman für den SWR als Hörspiel realisiert hatte; es wurde mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet (vgl. MK-Meldung und MK-Kritik). Tomer Gardi lässt es sich bei diesen Radioarbeiten nicht nehmen, die eine oder andere Rolle auch selbst zu sprechen, und das mit seiner fremden Tingierung, die ganz bewusst den wandernden Weltenbürger zwischen Israel und Europa verrät – den Hörer oft provozierend, manchmal irritierend, dabei niemals anbiedernd.

In der jüngsten akustischen Versuchsanordnung „Wie die Blinden träumen“ lässt Tomer Gardi drei Blinde im fiktiven „Institut für Schlafforschung und Wahrnehmung im Traum“ im Labor-Interview davon berichten, was sie in der experimentellen Situation geträumt haben. Sandra, Linda und Peter, so lauten die Namen der Träumer, bringen ganz unterschiedliche Bilder aus der jeweiligen REM-Phase zu Protokoll, die eine sonderbare und verschraubte Ethnologin und Traumdeuterin im Institut (gesprochen von Anna Stieblich) dann auszudeuten beginnt, wie etwa: „Die Stadt als Kultur, der Gegensatz zum Archetyp der Natur, dem Wald.“ Oder: „Der Hund, die Figur des Freundes und Helfers, wird zum Feind – Metamorphosen.“ Die Aufgabe dieser seltsamen und eigentümelnden Traumwissenschaftlerin am Institut ist die „Erforschung von Mythen und Folklore.“

Da klappert ein bisschen Roland Barthes durch das Trauminstitut, ohne Anspruch auf Vertiefung, wobei der experimentelle Ausgangspunkt der träumenden Gesellschaft nicht stimmig zu sein scheint: Denn die etablierte und konkrete Wissenschaft über das Träumen von Geburt an blinder Menschen berichtet übereinstimmend, dass Blinde im Traum eben nicht sehen und mithin nicht darüber berichten können. Wohl aber können sie riechen, fühlen schmecken. Diese wichtige Ausgangslage spielt bei Tomer Gardi keinerlei Rolle. Das Hörspiel bildet in den Traumberichten letztlich träumende Sehende ab.

Das Stück verknüpft ein Wunschkonzert mit vielerlei Assoziationen, die mit dem Nichtsehen verbunden sind oder es sein könnten: Hugo Wolfs Lied „Selig ihr Blinden“ wird für Sekunden angezupft und angestimmt, der Zitatenschatz – „für etwas blind sein“, „blinder Alarm“, „blinder Passagier“, „Blinder Eifer schadet nur“, „Unter den Blinden ist der einäugige König“ – wird brav dekliniert, der blinde Seher Teiresias wird aufgerufen und die Traum-Blinden singen in einem schauerlich schrägen und improvisierten Laienchor, der die Ohren alsbald wirklich verletzt und diesen wehtut, über Zedern, Sterne, Sonne und Sonnenbäder… Hilde Hildebrands Schlagereinspielung aus den 1920er Jahren, „Komm’, spiel mit mir Blindekuh“, ist dagegen allemal wohltuend, erfrischend und beinahe hörspielerhellend.

Aber damit nicht genug: In der 20. Hörspielszene ruft Tomer Gardi als Sprecher und Erzähler Beethoven auf und verhackstückt den ungefragten Vater der Europahymne unter einigen Takten der 9. Sinfonie mit dem schalen Hörspielbekenntnis: „Ich war der Erfinder von Beethovens Hörgerät! Für den tauben Meister habe ich Schallwellen gesammelt, in Beethovens Ohr goss ich Klänge durch Sensoren und Rohre!“ – und dann folgen selbstverständlich die Auftakte aus der berühmten 5. Sinfonie. Warum das Hörspiel (eigentlich geradezu naheliegend) nicht auch aus dem Frühwerk des Symbolisten Maurice Maeterlinck, „Die Blinden“ (1890), zitiert hat, bleibt unergründlich.

Dabei gibt es in dem rund 50-minütigen Hörspiel (Noam Brusilovsky führte Regie, Andrea Oetzmann begleitete die Produktion als Dramaturgin) zwei wunderbare Sätze, die aufhorchen lassen: „Ein Mann jault, der Mond ist voller Schimmel“ und die Frage: „Ist eine Blinde eine Sehenswürdigkeit?“ Aber diese wenigen Geistesblitze können das Stück nur ganz am Rande stützen; es ist alles in allem eine enttäuschende Arbeit.

20.03.2019 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 20-21/2019

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