Tim Parks: Die Duckworth-Trilogie (SWR 2)

Aufstieg eines amoralischen Mannes

04.06.2017 •

Im berühmten Motiv vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird, steckt mehr Potenzial zu fesselnder Literatur, als es vielleicht auf den ersten Blick scheint. Bekannte Beispiele für die kreative Bearbeitung dieses Motivs sind etwa Thomas Manns Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1954) oder Patricia Highsmiths legendärer Krimi „Der talentierte Mr. Ripley“ (1955). In beiden Büchern kann den Titelhelden der soziale Aufstieg allerdings nur durch Tricks, Hochstapeleien und Verbrechen gelingen.

Auch der britische Autor Tim Parks, geboren 1954 in Manchester, hat für seine „Duckworth-Trilogie“ eine Titelfigur erschaffen, die sich in diese Reihe einfügt. Die ersten zwei Romane wurden in den 1990er Jahren veröffentlicht (aufgrund von Parks’ Scheu vor dem ‘trivialen’ Krimigenre unter Pseudonym), der dritte Roman folgte 2014. Als Hauptunterschied zwischen Morris Duckworth und Felix Krull oder Tom Ripley ist dabei jedoch auszumachen, dass Duckworth den sozialen Aufstieg unter der eigenen Identität erreichen möchte, ohne auf seinem Weg nach oben vorgeben zu müssen, ein anderer zu sein. Er will um jeden Preis einen sicheren Platz in der High-Society von Verona ergattern, mit Brief und Siegel sozusagen.

Bei SWR 2 wurden nun jeweils knapp einstündige Hörspielfassungen von Tim Parks’ drei Duckworth-Romanen ausgestrahlt. Im Wochenabstand konnte man dort den von Philippe Bruehl inszenierten Produktionen lauschen, als da wären: „Der ehrgeizige Mr. Duckworth“ (28.4.), „Mr. Duckworth wird verfolgt“ (5.5.) und „Mr. Duckworth sammelt den Tod“ (12.5.; Übersetzungen aus dem Englischen: Lutz-W. Wolff, Sabine Lohmann und Ulrike Becker). Die Hörspielbearbeitung stammt von Sabine Grimkowski.

Morris Duckworth (gesprochen von Barnaby Metschurat) ist ein misanthropischer Engländer, der in der norditalienischen Stadt Verona lebt. Zu Beginn der Geschichte ist er zwar kein Tellerwäscher, aber doch ein vollkommen mittelloser Nachhilfelehrer, der zu Fuß und mit Bussen quer durch die Stadt hetzt, um seine spärlich bezahlten privaten Unterrichtsstunden zu geben. Als ‘Exit-Strategie’, mit der er aus diesem stressigen und unrühmlichen Dasein herauskommen will, verfolgt er das Ziel, die von ihm „Mimi“ genannte Massimina (Svenja Liesau) zu heiraten. Sie ist nicht nur eine in ihn verliebte Schülerin, sondern auch die mit beinahe 18 Jahren jüngste von drei Töchtern der einflussreichen Veroneser Familie Trevisan. Von dem beinahe schon verzweifelten Versuch, in diesen Clan einzuheiraten, ist die Auftaktgeschichte „Der ehrgeizige Mr. Duckworth“ geprägt.

Von ihrer Mutter hat Mimi ein Kontaktverbot zu Morris erhalten. Sie will deshalb, so ihre Idee, mit ihm durchbrennen. Das allerdings kommt dem eigentlichen Plan von Morris, in die Familie einzuheiraten, in die Quere. Zwar bricht er gemeinsam mit Massimina zu einer Reise auf, gibt jedoch ihrer Familie gegenüber vor, nicht zu wissen, wo sich die junge Frau aufhält. Zu allem Überfluss täuscht er als anonymer Erpresser auch noch Massiminas Entführung vor, um zu Geld zu kommen. Um zu verhindern, dass sein Tun öffentlich wird, bringt er zwei allzu neugierige Urlaubsbekanntschaften um und letztlich auch Massimina. Die Trevisans bekommen davon, dass er der Mörder ist, aber nichts mit und im Rahmen der Trauerfeierlichkeiten kommt Duckworth ihnen sogar deutlich näher als zuvor und es wird eine Heirat geben.

Der zweite Teil mit dem Titel „Mr. Duckworth wird verfolgt“ setzt ein nach Morris’ erfolgreicher Hochzeit – mit Massiminas Schwester Paola (Sandra Gerling). Nun profitiert er von dem Vorzug, zur arrivierten Familie Trevisan zu gehören. Endlich hat er ein schickes Haus, einen flotten Wagen und weitere Annehmlichkeiten. Das alles ist ihm jedoch nicht genug, er will mehr – und wer seinem weiteren Aufstieg im Weg steht, wird aus dem Weg geräumt. Es gelingt ihm dabei stets, seine Rolle als Opferlamm, als das er sich inszeniert, zu behalten.

Auch wenn das Verhalten von Morris Duckworth völlig amoralisch ist und er keine größeren Skrupel zu haben scheint, hat er doch so etwas wie ein Gewissen, das ihn plagt. Massimina erscheint ihm nämlich des öfteren als halluzinierter Geist. Er wird von ihr ‘verfolgt’. Hier kommen komödienhafte Elemente zum Tragen, denn Morris erhält von Massimina Tipps für die familieninternen Intrigen und Morde.

Durch einen von Morris gelegten Brand kommt auch seine Frau Paola ums Leben. Der nun verwitwete Morris heiratet daraufhin Paolas Schwester Antonella, die dritte und älteste Tochter der Trevisans. Sie ist auch verwitwet, und dass ihr erster Mann zu Tode kam, geschah ebenfalls nicht ohne Morris’ Zutun. Dies ist die Situation bei Beginn des abschließenden dritten Teils „Mr. Duckworth sammelt den Tod“. Morris’ Platz an der Spitze der Veroneser Gesellschaft gerät in Gefahr, als er mit Unterlagen über sein Tun erpresst wird und sich infolgedessen als Auftragskiller verdingen muss. Seine mühevoll aufgebaute Identität ist nun verbrannt, er tötet schließlich seine Erpresser und setzt sich mit seiner Geliebten Samira nach Libyen ab.

Die „Duckworth-Trilogie“ ist eine kurzweilige und unterhaltsame Hörspielkrimireihe, die sich üblichen Moralvorstellungen verweigert und aus der Perspektive eines Verbrechers erzählt ist. Was fehlt, ist so etwas wie eine ethische Erdung. Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass im Grunde genommen nur Morris Duckworth als Charakter plastisch dargestellt wird und die anderen Personen eher eindimensionale Pappkameraden bleiben. Sie liefern schlicht Hilfestellungen für die Story um Duckworth, ihnen fehlt eine eigene literarische Tiefe. Dem komödienhaften Stil ist das aber sicher hin und wieder sehr zuträglich. Die insgesamt knapp dreistündige SWR-Produktion ist eine hörenswerte akustische Adaption der deutschen Übersetzungen der drei Romane von Tim Parks, die in gebündelter Form 2015 im Verlag Antje Kunstmann erschienen sind.

04.06.2017 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 3/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren