Simon Werle: Kahnawake. Hörspiel aus Neufrankreich (SWR 2)

Fesselnde Emanzipationsgeschichte

20.04.2017 •

Western und Science-Fiction haben mehr gemeinsam, als es einem auf den ersten Blick erscheinen mag. In beiden Genres geht es um Grenzerfahrungen und um die Beschäftigung mit dem Fremden. Die Science-Fiction blickt dabei auf die Zukunft und lässt das Austesten räumlicher Grenzen im Weltraum stattfinden. Das Andere, dem Menschen Fremde tritt hier meist in der Gestalt intelligenter Maschinen oder außerirdischer Lebensformen in Erscheinung.

Der Western blickt hingegen auf die Vergangenheit; die neuen Grenzen auf unbekanntem Territorium werden hier in Nordamerika gezogen. Das dem westlich geprägten Menschen Fremde verkörpert die heimische indigene Bevölkerung. Allein schon diese Analogie zwischen Aliens und gleichsam entmenschlichten „native Americans“ lässt erahnen, dass der klassische Western von der Ideologie her stark eurozentrisch geprägt ist und für eine wirkliche literarische Freiheit auf diesem Gebiet noch einiges an Arbeit geleistet werden muss.

Einen spannenden Beitrag zur Entideologisierung des Westerns hat jetzt der 1957 im saarländischen Freisen geborene Schriftsteller und Übersetzer Simon Werle mit seinem Hörspieldebüt „Kahnawake. Hörspiel aus Neufrankreich“ vorgelegt. Dabei handelt es sich aber strenggenommen nicht um einen Western, da die Handlung nicht den westwärts vorrückenden europäischen Siedlern folgt. Denn die titelgebende Missionsstation Kahnawake, wo der überwiegende Teil der Handlung zu Beginn des 18. Jahrhunderts spielt, liegt oben an der Ostküste Nordamerikas, wo heute die USA und Kanada aneinander grenzen, zu jener Zeit ein Konfliktgebiet zwischen englischen und französischen Kolonisatoren.

Hauptfigur des im damaligen Neufrankreich spielenden Stücks ist die Schwesternanwärterin Yvette (Brigitte Hobmeier), die mit Ordensnamen Schwester Parousie heißt. Sie lebt unter Leitung der Oberin Schwester Victorine (Wiebke Puls) in der Gemeinschaft des örtlichen Ursulinen-Ordens, der dem Jesuiten Pater Renaude (Sylvester Groth) untersteht, der das geistliche Oberhaupt des Ordens ist. Ein Problem ergibt sich, als die in der Obhut des Ordens befindliche Teswiona (Gloria Endres de Oliveira), Tochter eines verstorbenen Irokesen-Häuptlings, an traditionellen Feierlichkeiten ihres Clans teilnehmen soll; dies ist der Wunsch ihrer Tante Ananiuk (Susanne Heydenreich). Pater Renaude sieht diese „heidnischen Bräuche“ zwar nicht gerne, lässt sich aber mit Leutnant Duval (Johann von Bülow), dem militärischen Befehlshaber, auf einen Kuhhandel ein. Der Leutnant ist nämlich um das friedliche Zusammenleben in der Siedlung besorgt, sollte der Bitte Ananiuks nicht Folge geleistet werden. Als Gegenleistung dafür, dass Pater Renaude die Feierlichkeiten der Irokesen geschehen und Teswiona teilnehmen lässt, sagt Duval ihm zu, für die Ausweisung der konkurrierenden anglikanischen Missionare aus Kahnawake zu sorgen.

Diese Konfliktlinien zwischen Franzosen, Irokesen und Engländern werden auch im weiteren Verlauf des Stücks beibehalten, wobei die anglikanischen Missionare und die gegen die französische Vorherrschaft kämpfenden englischen Truppen immer nur indirekt in Erscheinung treten. Dies ist dennoch ein geschickter Kniff von Simon Werle, da so die klare Grenzziehung zwischen weißen Siedlern und den „native Americans“ aufgelockert wird. Keiner der beteiligten Gruppen wird dabei das Potenzial zu zivilisiertem (im Sinne von menschlichem) Verhalten abgesprochen.

Teswiona entfernt sich nach den Initiationsriten bei ihrer Tante zunehmend von den Glaubenssätzen der Missionare und findet zurück in die traditionelle indigene Gemeinschaft. In diese Gemeinschaft wird auch die wegen weltlicher Bindungen – sie hängt offenbar noch sehr an ihrem ehemaligen Verlobten und empfindet tiefen Schmerz über den Verlust ihres verstorbenen kleinen Bruders – aus dem Orden der Ursulinen ausgestoßene Yvette (vormals Schwester Parousie) aufgenommen. Yvette behält zwar ihren christlichen Glauben, öffnet sich als recht gut die Irokesen-Sprache beherrschende Frau aber auch allmählich der für sie fremden indianischen Kultur. Das muss sie auch, denn vor den englischen Truppen sind Leutnant Duval und seine Männer schon längst geflohen; nun können ihr nur noch ihre neuen irokesischen Brüder und Schwestern helfen, aus Kahnawake wegzukommen. Was sie dann auch tun.

Die Emanzipationsgeschichte vervollkommnet sich, als Yvette wenig später noch einmal auf ihren früheren Verlobten trifft, der mittlerweile verheiratet ist, zusammen mit seiner Frau eine Krankenstation leitet und nichts mehr von Yvette wissen will – nicht einmal ihre Hilfe als Krankenpflegerin nimmt er an. Aus dem Abschiedsdialog der beiden geht Yvette jedoch gestärkt und selbstbewusst hervor. Es folgt so etwas wie ein Ritt in den Sonnenuntergang, auf dem sie begleitet wird von dem ihr vormals noch unheimlich erscheinenden Joseph Ygres (Christian Redl).

Das 90-minütige Hörspiel „Kahnawake“ ist komplett erzählerfrei und rein szenisch aufgebaut. Trotzdem kann man der Handlung, die tatsächlich äußerst fesselnd ist, ohne Mühe folgen. Das von Ulrich Lampen hinreißend inszenierte, sogar mit Dialogen in indigener Sprache aufwartende Stück ist eine echte Bereicherung, nicht nur für die deutschsprachige Hörspiellandschaft, sondern für die Literatur überhaupt. Das muss man allen Beteiligten und nicht zuletzt der Dramaturgin Andrea Oetzmann vom produzierenden Südwestrundfunk (SWR) hoch anrechnen. Ihnen ist mit „Kahnawake“ eine wirklich herausragende Produktion gelungen.

20.04.2017 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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