Frank Naumann: Pfarrer Weltsprech und Doktor Hoffnung (MDR Kultur)

Volapük als sprachliche Zukunft der EU

05.05.2017 •

Die Universalsprache des 21. Jahrhunderts ist Englisch. Beinahe auf der ganzen Welt kann man sich mit ihr verständigen. Auch innerhalb der Europäischen Union (EU) findet ein Großteil der Kommunikation in dieser Sprache statt. Dabei ist Englisch nach der absehbaren Vollendung des sogenannten Brexits nur noch in drei EU-Mitgliedstaaten – Irland, Malta und Zypern – offizielle Amtssprache.

Mit diesem Widerspruch, dass Englisch auch nach dem Austritt von Großbritannien wichtigste Sprache in der EU sein wird, kann sich der Jungakademiker Klaus-Dieter Neuhaus (gesprochen von Holger Stockhaus) nicht abfinden. Er ist der Held in Frank Naumanns Hörspiel „Pfarrer Weltsprech und Doktor Hoffnung“ und er macht sich auf, um zu versuchen, die sprachliche Zukunft der EU in die eigenen Hände zu nehmen. Zu diesem Zweck startet er eine schriftliche Korrespondenz mit der zuständigen EU-Kommissarin Dr. Henriette Oberhagen (Hedi Kriegeskotte). Das Anliegen des Jungakademikers ist es, als neue, überall anzuwendende Sprache das Ende des 19. Jahrhunderts vom (realen) badischen Pfarrer Johann Martin Schleyer konstruierte Volapük – zu Deutsch: „Weltsprech“ – einzuführen.

Schleyers Volapük kommt dem aufmerksamen Genießer von Radiokunst vielleicht bekannt vor. Man konnte ihm bereits beim WDR-Hörspiel „Everest“ von Andreas Ammer und FM Einheit begegnen (vgl. FK-Heft Nr. 38/14). Dieses Stück, eine Hommage an das Beatles-Album „Abbey Road“, präsentierte nämlich unter anderem den Künstler und Musiker Wolfgang Müller, wie er den in diese Kunstsprache übersetzten Beatles-Song „Oh! Darling“ als Gedichtlesung interpretiert.

In „Pfarrer Weltsprech und Doktor Hoffnung“ hört man zwar nicht bedeutend mehr gesprochenes Volapük, allerdings steht diese Kunstsprache hier dennoch voll und ganz im Fokus der Aufmerksamkeit. Und das gestaltet sich trotz des trockenen Themas nicht uninteressant. Das zunächst als ‘Briefhörspiel’ beginnende Stück nimmt eine Wendung, als der von Dr. Oberhagen höflich, aber bestimmt zurückgewiesene Klaus-Dieter Neuhaus plötzlich bei der EU-Kommissarin im Büro steht. Gelungen ist ihm dieses unerlaubte Eindringen durch persönliche Kontakte zu Oberhagens Sekretärin. Die Kommissarin dankt ihm nun dafür, sicherheitstechnische Schwachstellen offengelegt zu haben, ansonsten will sie ihn aber wieder hinauskomplimentieren. Doch es gelingt dem ambitionierten Neuhaus (der sich nicht nur dem Projekt der Sprachentwirrung verschrieben hat, sondern auch dringend einen Job sucht) sein Gegenüber für die Entstehungsgeschichte von Volapük zu interessieren.

Von der aktuellen Büroszene gibt es deswegen immer wieder Rückblenden zum Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. In diesen Rückblenden wird das Schaffen des Volapük-Erfinders Johann Martin Schleyer (im Hörspiel gesprochen von Wilfried Hochholdinger) beleuchtet. Der konnte sich zunächst der Unterstützung seiner kirchlichen Vorgesetzten wie auch des badischen Hochadels erfreuen, was sich allerdings änderte, als er sich einer Vereinfachung der Volapük-Grammatik widersetzte.

In den Rückblenden wird auch eingegangen auf das in etwa zeitgleiche Wirken des polnischen Arztes Ludwik Lejzer Zamenhof (gesprochen von Bohdan Swiderski), bei dem es sich um den Erfinder der deutlich bekannteren künstlichen Sprache Esperanto handelt. Ihn empfand Schleyer als massive und unerwünschte Konkurrenz, verachtete zudem die Einfachheit von dessen Sprache. Diese Simplizität war allerdings beabsichtigt. Denn im Gegensatz zu Volapük wurde Esperanto nicht in der Absicht entwickelt, der Menschheit eine vollwertige Universalsprache zur Verfügung zu stellen. Esperanto war von Zamenhof – der mit seinem Spitznamen und Pseudonym „Doktoro Esperanto“ („Doktor Hoffnung“) seiner Schöpfung auch als Namenspate diente – als leicht zu erlernende Hilfskonstruktion entwickelt worden, mit der interlinguale Verständigung leichter werden sollte.

In den Büroszenen des Hörspiels ergibt sich dann ein amüsant-neckisches Streitgespräch. Denn während Klaus-Dieter Neuhaus dem von ihm verehrten Schleyer die Stange hält, ergreift EU-Kommissarin Oberhagen Partei für Zamenhof und dessen Esperanto. Gegen Ende dieses kurzweiligen MDR-Hörspiels (Regie: Steffen Moratz) steht noch eine Rückblende, die das versöhnliche Aufeinandertreffen von Schleyer und Zamenhof zeigt. Und auch der Schluss des Hörspiels selbst ist von Harmonie geprägt, denn Dr. Oberhagen lässt sich auf eine Anfängerlektion in Sachen Volapük ein. Damit blendet das Stück langsam aus und lässt einen im besten Sinne belehrt und unterhalten gleichermaßen zurück.

05.05.2017 – Rafik Will/MK