Lothar Trolle: Epitaph für Sally Epstein (RBB Kulturradio)

Die Mittel des Radios

08.12.2017 • Es ist anzunehmen, dass kaum jemand den Namen des jungen Malergesellen Salomon „Sally“ Epstein gekannt hätte, wäre er nicht durch unglückselige Umstände und nationalsozialistische Machtwillkür zu Tode gekommen. Sally Epstein war einer jener vielen kleinen Unbekannten, von denen Bertolt Brecht seinen Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“ sagen ließ: „Und man sieht nur die im Lichte, die da unten sieht man nicht.“

Als wenig heller Kopf war Salomon Epstein aus der Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde im Jahr 1928 nach Berlin entlassen worden, wo er als 21-Jähriger in die Kommunistische Partei und in den Roten Frontkämpferbund eintrat. Das Ehepaar Lutter, dem er als „anständiger und williger Mensch“ von der Heimleitung empfohlen worden war, nahm ihn bei sich auf. Für die Lutters war er wie ihr verstorbener eigener Sohn. Salomon, den sie Sally nannten, fühlte sich bei ihnen zuhause und erwies sich als zuverlässiger Mitarbeiter in ihrem Malergeschäft.

In der Nachbarschaft war man auf einen jungen Mann aufmerksam geworden, der sich nicht nur im Berliner „Scheunenviertel“ mit den Schönen der Nacht herumtrieb, in den Kneipen Schulden hinterließ und mehrfach die Miete schuldig blieb, sondern der auch Sturmführer bei der SA war: Horst Wessel. 1926 war er in die NSDAP eingetreten und bereits 1928 zu einer Führungsfigur der Berliner SA aufgestiegen. Dort wurde ihm 1929 der „Sturm 5“ zugeteilt, der als besonders brutale Schlägertruppe galt. Wessel setzte sich gerne in Szene und fuhr in SA-Uniform, begleitet von SA-Leuten in Zivil, mit dem Fahrrad die Hauptstraße entlang. Schon bald wurden die provokatorischen „Märsche“ seines Sturms von Polizisten begleitet. Wessels Förderer Joseph Goebbels, damals Reichspropagandaleiter der NSDAP, hatte dafür gesorgt, dass Wessel seine provokatorischen Runden im Schutz der Staatsgewalt drehen konnte.

Eine kleine Gruppe der kommunistischen „Rotfront“ in Berlin, zu der auch der Malergeselle Sally Epstein gehörte, wollte Wessel eine „proletarische Abreibung“ erteilen. Angestiftet von der Vermieterin machten sich einige junge Leute aus dem Milieu auf zu seinem Haus in Berlin-Mitte. Sie spürten sehr wohl die Gefahr, die von den neuen Machthabern ausging, glaubten sich ihr jedoch gewachsen. Bei einem Handgemenge vor der Wohnung kam es zu einem Schuss, der Horst Wessel schwer verletzte. Einen herbeigeeilten Arzt soll er abgewiesen haben, da er Jude war. Einige Wochen später (am 23. Februar 1930) starb Horst Wessel in einem Krankenhaus. Die Täter wurden wegen Totschlags zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt. Und die Nazis hatten in Horst Wessel ihren Helden. Er wurde zur politischen Symbolfigur stilisiert. Ein regelrechter Totenkult wurde veranstaltet. Ein von Wessel getextetes Lied zur Verherrlichung der SA wurde im Dritten Reich zu einer Art zweiten Nationalhymne.

Sally Epstein, der Malergeselle, war wegen seiner gewissen Beschränktheit bei der Aktion gegen Wessel nur zum „Schmierestehen“ eingesetzt worden. Er sollte pfeifen, wenn sich Nazis näherten. Am Tatort selbst war er somit nachweislich nicht. Aber er war Kommunist. Und überdies Jude. Das Urteil für ihn lautete: Todesstrafe. Am 12. Juni 1934 – viereinhalb Jahre nach dem Überfall auf Wessel und anderthalb Jahre nach der „Machtergreifung“ der Nazis – hatte der Prozess begonnen; am 10. April 1935 wurde er im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee geköpft. (Erst 2009 hielt übrigens die Berliner Staatsanwaltschaft die Zeit für gekommen, das nationalsozialistische Unrechtsurteil zu revidieren.)

Basierend auf Heinz Knoblochs 1993 erschienenen Tatsachenroman „Der arme Epstein. Wie der Tod zu Horst Wessel kam“ sowie auf eigenen Recherchen und Forschungsergebnissen hatte der Berliner Theaterautor Lothar Trolle das Stück „Epitaph für Sally Epstein“ geschrieben, das am 20. Mai 2008 in der Berliner „Volksbühne“ zur Uraufführung gekommen war. Daraus entstand nun, fast zehn Jahre später, ein Hörspiel unter gleichem Titel, das vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) in Kooperation mit dem Deutschlandradio produziert wurde. Die Inszenierung des am 24. November im Kulturradio des RBB erstausgestrahlten 50-minütigen Hörspiels lag in den Händen des erfahrenen Regisseurs Wolfgang Rindfleisch, der die Mittel des Radios gekonnt nutzt.

Die Regie setzt auf die fiktive Präsenz des Hörers am Tatort, das Stilmittel der teilweise musikalisch umspielten Reportage unterstützt diese Illusion. Die räumliche und zeitliche Nähe wird erstaunlich stimmig simuliert. Die Stimmen zahlreicher Sprecher, die meist mehrere Rollen zugleich zu übernehmen hatten, fügen sich zu überzeugenden Bildern. Die Technik des „Camera Eye“, vor Jahrzehnten schon beschrieben (etwa bei John Dos Passos), bewährt sich für einen Stoff wie diesen einmal mehr. Dezent, fast wie ein akustisches Aquarell, illustriert gelegentlich eine „Singende Säge“ die Handlung – ein kleiner, aber beachtlich verfremdender Effekt. Die Brechtsche Methode wird hier überzeugend eingesetzt, denn auf diese Weise wird der Emotionalität der Vorgänge begegnet, ohne deren Tragik zu verharmlosen.

08.12.2017 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 25-26/2017

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