Sebastian Lehmann: Parallel leben. 2‑teiliges Hörspiel (HR 2 Kultur)

Eine Variante der Dreiecksgeschichte

10.05.2019 •

Die literarische Darstellung zwischen den Geschlechtern lässt in allen Gattungen und Genres nur die Variation des Themas erwarten, die Originalität resultiert aus veränderten Personenprofilen und Rollenverhalten in wechselnden Soziogrammen. Diesbezüglich bildet der 2017 veröffentlichte Roman „Parallel leben“ des 1982 in Freiburg geborenen und nun in Berlin lebenden Slam-Poeten, Prosa- und Hörfunkautors Sebastian Lehmann, der unter anderem durch die bei Radio Eins (RBB) zu hörende Unterhaltungsreihe „Elterntelefonate“ bekannt geworden ist, keine Ausnahme. Lehmann variiert nicht das Muster der Ménage à trois, das heißt das gemeinsame Leben in einer Liebes-, Lebens- und Hausgemeinschaft, sondern sein Protagonist liebt zwei Frauen, die sich in der Romanhandlung nie begegnen.

Der ‘Mann zwischen zwei Frauen’ ist der Mittdreißiger Paul Ferber, Assistent des Germanistik-Professors Emrald an der Freien Universität Berlin. Seit mehreren Jahren müht Ferber sich mit seiner Dissertation über Konzeptionen der Liebe in der deutschen Nachkriegsliteratur ab, ohne dass schlüssige Arbeitshypothesen eine Perspektive ergäben. Er lebt mit Johanna und deren Sohn in einer Beziehung, in der die Glückserfahrung fehlt – zwischen Trieb und Trott treibt das Alltagsleben dahin. Ferbers Leben ändert sich schlagartig, als er während einer literaturwissenschaftlichen Konferenz in Leipzig die Promovendin Lea kennenlernt und sich Hals über Kopf in sie verliebt. Zwei einander fremde Menschen – sie werden im Handlungsverlauf keine authentische Intimität erfahren – suchen im Sex vergeblich eine Symbiose; wer hier was mit wem kompensiert, ist eines der subtextlich zu erschließenden Krisenphänomene.

Ferber ist unfähig, Johanna sein Verhältnis mit Lea zu offenbaren und Lea verschweigt er seine Partnerschaft mit Johanna. Zum Schluss verfängt sich der Lügner und Betrüger in den Fallstricken der selbst verantworteten und kaum reflektierten Umstände. Beide Frauen ziehen sich im Zorn zurück. Symbolträchtig, aber mit erzählerisch aufgesetztem Aplomb sieht Ferber sein gemietetes Ferienhaus in Flammen aufgehen, während er allein im See schwimmt. Die Feuersbrunst schlägt einen Bogen zum Anfang des Hörspiels und wird als Vorausdeutung der gescheiterten Beziehungen erkennbar.

Der erfahrene Hörspielautor und -bearbeiter Helmut Peschina hat Lehmanns 267 Seiten umfassenden Roman plausibel zu einem insgesamt rund 110-minütigen Hörspiel komprimiert, das bei HR 2 Kultur in zwei Teilen ausgestrahlt wurde. Und er hat in signifikanten Szenen mit dem skurrilen, desillusionierten und zynischen Doktorvater Ferbers viel Zeit zu dessen Selbstdarstellung gegeben in der exzellenten Sprachgestaltung von Martin Reinke. Auch Ole Lagerpusch überzeugt in der Rolle des Paul Ferber, der mit seiner Vision von der Möglichkeit zweier paralleler Leben scheitert und nur ein unauthentisches Doppelleben in einer Dreierbeziehung führt. Seine Lebensmaxime spricht Bände: „Entscheidungen trifft man nicht, sie widerfahren einem.“

Regisseurin Silke Hildebrandt hat in den sehr extensiven Ich-Erzählerpart Ferbers Dialoge mit O-Ton-Atmosphäre integriert – eine handwerklich solide Leistung. Das Hörspiel bietet keine analytische Fallstudie, hat jedoch als Phänomendarstellung gute Unterhaltungsqualitäten.

10.05.2019 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 10/2019

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