Swoosh Lieu: Who Moves?! Eine mehrspurige Montage der Beweggründe (NDR Kultur)

Den Kontrollraum des Visuellen verlassen

15.04.2019 •

Ein Hörspiel zu machen, das sich mit Fotos beschäftigt, ist ein waghalsiges Vorhaben. Die Per­formance-Künstlerinnengruppe Swoosh Lieu hat in ihrem neuen Hörspiel „Who Moves?! Eine mehrspurige Montage der Beweggründe“ nun den Übertritt von der Bildebene zum Akustischen gewagt. Die Beschäftigung mit dem einen Medium in einem anderen ist dabei wesentlicher Bestandteil des Konzepts. Es geht darum, den „Kontrollraum des Visuellen zu verlassen“, wie es an einer Stelle des 55-minütigen Stücks heißt.

Dreh- und Angelpunkt sind dabei Fotografien, die sich damit beschäftigen, wie Frauen auf Bildern zur Thematik Flucht und Migration dargestellt werden. So werden nicht nur veröffentlichte, zum Teil allgemein bekannte Bilder geflüchteter Personen mit feministischem Blick beschrieben. Auch der Entstehungshintergrund dieser visuellen Darstellungen bis hin zu ihrer endgültigen ‘Aufführungssituation’ in Presse, Fernsehen und Internet wird kommentiert.

Transparenz zu schaffen und vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, das sind Herangehensweisen, die Swoosh Lieu auch auf ihr Hörspiel selbst anwenden. Wie die analysierten Bilder wird auch die konkrete Aufnahmesituation des Hörspiels von außen betrachtet. Über eine Erzählebene fließt diese Betrachtung der Produktion wiederum ins Hörspiel ein. Es ergibt sich folgende Szene: Zwölf Frauen sitzen an einem großen Tisch im Tonstudio, betrachten die Fotos und teilen vor dem Mikrofon ihre Überlegungen und Eindrücke mit. Einige von ihnen haben selbst Fluchterfahrungen gemacht.

Ein zentraler Begriff, der im Stück immer wieder auftaucht, ist der der Montage. Dass die unterschiedlichen aneinandergereihten Bestandteile ein so unglaublich rundes Hörspiel ergeben, ist der von Fragen geprägten klaren Struktur der Produktion geschuldet. Diese essentiellen Fragen betreffen die Perspektive, die Personen hinter und vor der Kamera und die intendierten Botschaften. Auch die an geläufige Begriffe wie „Emanzipation“ oder „Empowerment“ geknüpften Vorstellungen werden hinterfragt. Dazu werden aus einem Karteikasten Kärtchen mit den entsprechenden Wörtern darauf gezogen und besprochen.

Bei der Interpretation der Bilder werden diese in dem Hörspiel weniger zur Diskussion gestellt als vielmehr zur Spiegelung der diversen subjektiven Perspektiven der beschreibenden Frauen genutzt. Es überwiegt dabei die deutsche Sprache und zwar in einer sonst so nicht zu hörenden, akustisch sehr reichhaltigen Akzentvielfalt. Gelegentlich kommt auch mal eine englischsprachige Passage vor. In dem Stück wird nicht nur Kritik an den üblichen Mechanismen der Entstehung, Verbreitung und Rezeption von Fotografien geübt (zum Beispiel an der Objektifizierung von dargestellten Personen, an der schwarzweiß gedachten Zuweisung von Opfer- und Täterrollen oder an der zunehmenden Abstumpfung der Betrachter), sondern die Sprecherinnen denken ganz bewusst auch über Utopien nach.

Wie bei ihrem ersten Hörspiel „Who Cares?!“, in dem sich Swoosh Lieu unter anderem mit Pflegearbeit auseinandersetzten (vgl. MK-Kritik), liegt auch „Who Moves?!“ ein gleichnamiges Theaterstück zugrunde. Der Untertitel der Bühnenarbeit lautet allerdings: „Eine performative Montage der Beweggründe“ – im Radiostück ist daraus im Untertitel eine „mehrspurige Montage“ geworden. Im Hörfunk hat „Who Moves?!“ zweifellos sein perfektes Medium gefunden. Es ist faszinierend, Zeuge zu sein, wie sich im Verlauf des Hörspiels die aneinandermontierten Aussagen der Klangperformerinnen sozusagen den visuellen Raum über dessen Analyse aus dem akustischen Orbit heraus aneignen. Auch der Möglichkeitsraum des künstlerischen Einsatzes von Schall wird dabei einmal komplett durchflogen. Als verbindendes Element zwischen den Einzelstatements kommt eine durchgängig zu hörende Musik zum Einsatz, die von dezenten Beats geprägt ist.

„Who Moves?!“ ist ein Hörspiel, das auf ganzer Linie überzeugt. Es bietet politische Relevanz und konzeptionelle Durchdachtheit sowie größten ästhetischen Feinsinn in einem. Die für das Hörspiel interviewten O-Tongeberinnen sorgen mit ihrem teils deutlich hörbaren ‘Migrationsakzent’ für einen Kontrast zur allgemeinen Sprache im deutschen Radio. Anders als etwa im britischen Hörfunk gibt es hierzulande beim medial vermittelten Wort ja nur sehr selten etwas anderes als Hochsprache zu hören.

15.04.2019 – Rafik Will/MK