Mishka Lavigne: Hafen (SR 2 Kulturradio/Deutschlandfunk Kultur)

Epitaph für eine abwesende Mutter

10.04.2019 •

Ein Nachruf auf eine Mutter, die durch einen schrecklichen Unfall ums Leben gekommen ist, hätte auch ganz anders beginnen können als in Mishka Lavignes auf ihrem gleichnamigen Theaterstück basierenden Hörspiel „Hafen“. Meist sind die Narrative für literarische Spurensuche nach Müttern oder Vätern oder beiden chronologisch aufgefädelt, wenig verzwirnt, in gewisser Weise eindimensional. Das macht es – zugegeben – dem Leser leichter, der literarischen Erhebung zu folgen. Doch die Autorin Mishka Lavigne, 1984 in Kanada geboren, geht einen anderen Weg. Sie verzweigt Lebenswege und politische Orte mit einer Leichtigkeit, die zwar durchdacht, aber – beim reinen Hören – nicht immer leicht nachzuvollziehen ist. Immerhin geht es um mindestens drei Lebensgeschichten, die miteinander in Berührung treten, nachdem ein seltsamer Zufall sie zusammengefügt hat – zusammengeknotet, möchte man sagen.

In einer großen Stadt (in Kanada, ist anzunehmen, spielt aber keine Rolle) entstand eines Nachts in einer breiten Straße in Hafennähe ein großes Loch. Ein Auto ist darin verschwunden. Niemand saß darin, niemand kam zu Schaden. Nur ein Buch wird gefunden. Es trägt den Titel „Hafen“ und stammt von der bekannten Romanautorin Gabrielle Sauriol. Ihre Tochter Elsie wird verständigt, die jedoch nur weiß, dass ihre Mutter vor einiger Zeit einen Autounfall gehabt hat und mit dem Wagen in den Pazifik gestürzt ist. Man hat die Leiche – auf dem Meeresgrund am anderen Ende des Landes – nie gefunden.

Zu den Reparaturarbeiten an der Straße wird ein junger Ingenieur herangezogen, der auf diese Weise mit Elsie bekannt wird. Beide, das ergibt sich sogleich, sind sich nicht nur auf Anhieb sympathisch, sondern beide sind auch auf der Suche nach dem, was ihre Identität bestimmt. Elsie ist Literaturwissenschaftlerin geworden, betreibt das Schreiben und vor allem die Lehre mit Leidenschaft, doch ihr essentielles Movens ist die Suche nach Verständnis für die Mutter, für deren mangelnde Liebe.

Bücher und auch Theaterstücke thematisieren dies seit Menschengedenken. Die 1980er Jahre waren äußerst fruchtbar in dieser Hinsicht und man könnte meinen, die jüngeren Autoren wendeten sich anderen Problemen zu. Man kann aber gerade in diesem Jahr anlässlich der Leipziger Buchmesse (21. bis 24. März) beobachten, dass die literarisch ornamentierten, kaum verschleierten Autobiografien wieder sehr im Schwange sind.

Mishka Lavigne mag gespürt haben, dass ein solcher, fast privatistisch zu nennender Zugang nicht genügend Dynamik für ein Theaterstück enthält. Sie fügt dem einen also einen zweiten biografischen Zugang hinzu. Das ist der des jungen Ingenieurs Matt, der bei kanadischen Adoptiveltern aufgewachsen ist, aber von Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt. Auf der Suche nach Hinweisen auf sie, auf seine ganze Familie, ist er mehrmals nach Sarajevo geflogen, ergebnislos.

Eines Tages erhält er die lakonische behördliche Auskunft, seine Eltern und Großeltern seien „verschwunden“. Matt weiß, dass dies der Begriff für die rund 40.000 Menschen ist, die während des Bosnienkriegs (1992 bis 1995) „verschwunden“ sind. Der am 21. November 1995 geschlossene Dayton-Vertrag sollte Frieden in die aufgewühlten Teilrepubliken Bosnien und Herzegowina bringen. Wie viel Menschen dabei „verschwunden“ sind und was aus ihnen geworden ist, scheint zwischen den Aktendeckeln des unter US-amerikanischer Ägide ratifizierten Vertrags verschwunden.

Elsie hingegen beschäftigt sich mehr und mehr mit den Werken ihrer Mutter, dem Roman „Hafen“ und einigen ihrer Gedichtbände. Hier scheint sie die Sensibilität und Liebesfähigkeit zu finden, die sie zu Lebzeiten ihrer bewunderten, von ihr selbst fast vergötterten Mutter vermisst hatte. So wird dieses Hörspiel auch zum Epitaph für eine abwesende Mutter.

„Hafen“ ist das Debütstück der von Mishka Lavigne, die mittlerweile in Ottawa lebt und dort in die junge Theaterszene eingebettet ist. Das 2016 geschriebene Stück „Havre“, wie der Titel im französischen Original lautet, wurde für den Autorenpreis des frankophonen Festivals „Primeurs“ eingereicht, das vom Saarländischen Staatstheater, dem Institut Français in Saarbrücken und dem Saarländischen Rundfunk (SR) ins Leben gerufen und im November 2018 bereits zum 12. Mal ausgetragen wurde. Dabei gewann „Havre“ den Preis als bestes Debütstück und mit ihm gewann den Preis auch der Übersetzer Frank Weigand.

Basierend auf der Theaterfassung wurde das Zwei-Personen-Stück vom Saarländischen Rundfunk in Koproduktion mit dem Deutschlandfunk Kultur zunächst als Live-Hörspiel präsentiert und anschließend im Studio produziert (in einer Länge von 86 Minuten). Anouschka Trocker führt die beiden Darsteller behutsam und präzise durch die jeweiligen Seelenlandschaften. Dass ihr dabei Theaterschauspieler zur Seite standen – Tanja Schleiff vom Düsseldorfer Schauspielhaus als Elsie und Nico Holonics vom Berliner Ensemble als Matt –, ist ein Gewinn und verleiht den Rollen die Präsenz, die der rein akustischen Version ansonsten abginge.

Leise flirrende Glissandi des Cellisten Bo Wiget, der sich als Grenzgänger zwischen divergierenden musikalischen Bereichen (Rock, Klassik, Jazz) und auch als Komponist einen Namen gemacht hat, grundieren die Produktion mit einem unaufdringlichen, aber unüberhörbaren nervösen Puls. Und so bekommt dieses Stück über Trauer, Verlust und Zuneigung eine künstlerische Klanggestalt, die diese Begegnung mit einem Text aus der frankophonen literarischen Welt zu einer schönen Entdeckung macht.

10.04.2019 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 17/2019

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