Saša Stanišić: Vor dem Fest (RBB Kulturradio)

In der Uckermark wird gefeiert

02.10.2015 •

In der Uckermark, da gehen die Jungen weg und die Alten sterben weg. Sagen die Zeitungen, sagen die Medien, sagen eigentlich alle. Doch bevor es endgültig zu Ende geht, gibt es noch dies und das zu tun. Ein Fest zu feiern – beispielsweise. Zu diesem jährlichen Highlight von Fürstenfelde in der Seenregion, wohin uns das Hörspiel „Vor dem Fest“ führt, gibt es jedoch noch einiges zu erläutern.

Sicher ist nämlich nicht, ob dieses „Annenfest“ tatsächlich so historisch und alljährlich war und ist, wie die Bewohner von Fürstenfelde glauben. Immerhin wissen die Älteren, dass es „vor der Wende“ nicht gefeiert wurde. Und ob es noch früher einmal so war und wie und wann genau, das weiß niemand mehr, es wird nur vermutet. Und überhaupt: Welche Anna?

Immerhin gibt es eine Anna im Dorf, die gerade Abitur gemacht hat und nur weg will, nach Rostock, zum Studium als Schifffahrt-Ingenieurin. Viele andere Personen werden vom Autor vorgeführt, sollen mikrokonturierte Abwechslung bieten, bizarr sein oder zum Fürchten. Gelegentlich sogar zum Lieben (das aber nur in homöopathischen Dosen). Die Ingredienzien sind also die, mit denen kleine Geschichten gerne Volumen vortäuschen. Allerdings ist dies hier bei weitem nicht so gelungen und bezwingend wie etwa in Thornton Wilders Stück „Unsere kleine Stadt“, einer noch immer lebendigen Pretiose der späten 1930er Jahre.

Sicher, der 1978 als Sohn einer Bosnierin und eines Serben geborene Autor Saša Stanišić, der als Zwölfjähriger mit seinen Eltern zu Verwandten nach Heidelberg kam, ist viel zu jung und kulturell zu komplex und divergierend geprägt, als dass ein Vergleich mit den amerikanischen Theaterautor auch nur annähernd herangezogen werden dürfte. Doch das Grundmuster gilt auch für diese Hörspielbearbeitung und ihre literarische Vorlage und hat ebenfalls kammerspielhafte Züge. Dazu gehört auch, dass die Beziehungen zwischen den handelnden Figuren oszillieren und in vielen Farben schillern. Bemerkenswert ist die sprachliche Fingerfertigkeit und Sicherheit auch in feinsten Nuancen des Autors, der Deutsch ja erst als zweite (oder womöglich gar dritte) Sprache erlernt hat. Zu Recht wurde er schon 2008 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und dem Heimito-von-Doderer-Literaturpreis ausgezeichnet. Für seinen Roman „Vor dem Fest“ erhielt er im vorigen Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik.

Wie so oft sind solche Auszeichnungen Anlass für eine Hörspieldramaturgie, die Bearbeitungsrechte zu erwerben. Eine Usance, die zwar dazu führt, dass die Suche nach literarisch interessanten Originalhörspieltexten etwas vernachlässigt wird, aber auch praktische Gründe hat. Man setzt auf die Bekanntheit des Namens des Autors, den man nicht mehr eigens durchzusetzen braucht, und rechnet mit verstärkter Aufmerksamkeit der Hörer wie der Presse oder auch eines Hörbuchverlags. Mitte Oktober wird das vom RBB produzierte, knapp einstündige Stanišić-Hörspiel im Münchner Hörverlag erscheinen.

Szenisch wie sprachlich ist „Vor dem Fest“ eine durchaus geeignete Vorlage für eine Hörspielbearbeitung. Authentisch klingt das charmante, etwas altertümliche Deutsch der betagten Malerin Frau Kranz (Christine Schorn), ebenso wie das Unteroffiziersdeutsch des Herrn Schramm (Jaecki Schwarz) und der Rüpelsound von Lada (Marc Hosemann). Ihren eigenen Charakter hat insbesondere die stimmlich schwierigste Partie in dem Stück, die der – mythologisch vieldeutigen – Fähe/Füchsin (Effi Rabsilber). Das Panorama der Stimmen ist es, was den erzählerischen Text zum Hörspiel macht. Die Handlung selbst behält in der Bearbeitung von Judith Lorentz und der zuständigen Dramaturgin Juliane Schmidt ihren epischen Charakter.

Die Adaption teilt nach bewährtem Muster den Erzählerpart in zwei Stimmen auf: Markus Meyer (als eigentlicher Erzähler) und Effi Rabsilber unterlegen den Text gleichsam mit unterschiedlichen Tonarten – eine Orchestrierung, die vor allem auf das Konto der inspirierten Regie von Judith Lorentz geht. Analog zur Musik von Hörspielkomponist Lutz Glandien zaubert sie aus der bewusst eher klein disponierten Handlung einen vielfältigen Kosmos. So vielfältig, dass Fürstenfelde lebt, wenn auch auf schwankendem Boden. Das Dorf wird daher sein Annenfest feiern – ob nun historisch oder kulinarisch, tatsächlich oder als literarische Erfindung.

02.10.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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