Rainer Nikowitz: Volksfest. 2‑teiliges Kriminalhörspiel (WDR 3/WDR 5)

Austria-Feeling in Nordrhein-Westfalen

14.03.2016 •

14.03.2016 • Der Regionalkrimi ist schon seit Jahren ein beliebtes Genre, dem man auch im Medium Radio öfters begegnet. Das vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) produzierte zweiteilige Kriminalhörspiel „Volksfest“ fällt zwar auch unter diese Rubrik, spielt allerdings nicht im WDR-Sendegebiet Nordrhein-Westfalen, sondern in der niederösterreichischen Provinz. Bei dem Stück handelt es sich um die Funkadaption des gleichnamigen Romandebüts von Rainer Nikowitz. Der 1964 in Tulln (Niederösterreich) geborene Kolumnist veröffentlichte seine humoristisch geprägte Erzählung 2012 beim Rowohlt-Verlag in Hamburg. Ein in Norddeutschland angesiedelter Verlag – auch an der Quelle also Überregionalität trotz eines engen geografischen Handlungsfeldes, das sich nämlich auf den fiktiven Ort Wulzendorf beschränkt.

In den insgesamt rund anderthalb Stunden Spieldauer, mit denen die 320 Buchseiten umgesetzt wurden (Bearbeitung: Martin Zylka; Regie: Petra Feldhoff, Dramaturgie: Christina Hänsel), dreht sich alles um den ziellos dahinlebenden Loser Suchanek (gesprochen von Christopher Schärf). Er kehrt nach 15 Jahren in seinen Heimatort zurück, um dort das Haus der verreisten Eltern zu hüten. Während seines Aufenthalts in Wulzendorf findet allerdings nicht nur das titelgebende Volksfest statt, es ereignet sich auch eine Verbrechensserie, in der Suchanek mehr hobbymäßig und aus Langeweile, letztlich aber doch erfolgreich ermittelt.

Die Handlung setzt mit dem Versuch der Hauptfigur ein, rechtzeitig zum vereinbarten Treffen mit den Eltern zu kommen. Trotz lebensgefährlich temporeicher Autofahrt von Wien nach Wulzendorf kommt Suchanek mit einer leichten Verspätung im Heimatort an. Und so kehrt der abgehetzte Antiheld nach der in letzter Minute erfolgten Schlüsselübergabe zur Entspannung erst einmal im Café seines alten Freundes Grasel (Simon Schwarz) ein. Zum einen will sich der passionierte Kiffer Suchanek bei dem Wirt mit dem einschlägigen Spitznamen Gras kaufen, zum anderen plant er, sich auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Außer ein wenig Tratsch über alte Jahrgangskollegen weiß Grasel jedoch nicht viel zu berichten, denn Wulzendorf ist ein ereignisarmer Ort.

Das ändert sich, als Suchanek in der ersten Nacht mit einem Joint in der Hand vom Balkon aus die Scheune eines Bauernhofes in Flammen aufgehen sieht und in der Nähe eine schemenhafte Gestalt beobachtet. Bei dem Feuer gibt es mit der Bäuerin ein Todesopfer und nach einem anonymen Attentat auf Suchanek, den einzigen Zeugen, besteht kein Zweifel mehr, dass es sich um Brandstiftung gehandelt hat. Als einen Tag später die Leiche des kurz zuvor verschwundenen Kfz-Mechanikers im Ort gefunden und dann noch ein weiteres Mitglied der Dorfgemeinschaft vermisst wird, formiert sich in Wulzendorf ein Wutbürger-Mob mit Suchtruppfunktion. Bevor der aber überhaupt loslegen kann, klärt Suchanek die Verbrechen auf eigene Faust auf. Dabei helfen ihm sein assoziatives Denken, die gute Kenntnis des Ortes und dessen Bewohner. Aufschlussreiche Tipps erhält er vor allem von Schneckerl (Manfred Böll), dem schrobigen Angler.

Auf einen Meisterdetektiv und dessen messerscharfe Kombinationsfähigkeit muss der Hörer hier zwar verzichten, er bekommt dafür aber einen slapstickhaft durch die Ereignisse stolpernden Hallodri geboten. Suchanek flirtet ergebnislos mit seiner Jugendliebe, hält in einem Amateurfußballspiel als Aushilfstorwart die Knochen hin und trinkt sich beim Volksfest in die Bewusstlosigkeit. Ganz nebenbei wird im Hörspiel „Volksfest“ eine satirisch überhöhte Skizze dörflicher Mentalitäts- und Besitzverhältnisse gezeichnet. Es gibt einige wenige Großbauern und der mit dem größten Grundstück ist auch der Ortsvorsteher. Die Nachbargemeinde stellt das klare Feindbild für alle dar. Und archaische Blutrache wird in Wulzendorf auch noch praktiziert.

Als Gegengewicht zu den mitunter turbulenten szenischen Ereignissen dient der vom österreichischen Schauspieler Peter Simonischek gesprochene Erzähler. Er führt ruhig und mit ironischer Distanz zum Protagonisten durch das Geschehen und liefert Hintergrundinformationen. Auch wenn nicht alle Schauspieler österreichische Muttersprachler sind, wird durchgängig Dialekt gesprochen. Für Austria-Feeling sorgt zudem die schwergängige Blasmusik (Komposition: Mike Herting), die Suchanek bei der unerwarteten Wiederherstellung der alten Ordnung begleitet.

Nach „Volksfest“ wurde mit „Nachtmahl“ gleich auch der zweite Kriminalroman um den Zufallsermittler Suchanek vom WDR als zweiteiliges Hörspiel produziert. „Nachtmahl“ war am 4. und 11. März jeweils um 19.05 Uhr bei WDR 3 zu hören und am 5. und 12. März bei WDR 5 (17.05 Uhr).

14.03.2016 – Rafik Will/MK

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