Gerhard Naujoks: Der gute Trinker (NDR Kultur)

Sardonische Phantasmagorien

05.02.2016 •

Wien ist sicher eine der wenigen Städte, wo man auch heute noch in manchen Lokalen den immer gleichen Tisch reservieren kann, an bestimmten Tagen, zu bestimmten Uhrzeiten. Und man wird aufmerksamst bedient und bleibt ohne Störungen durch leutselige Gesprächsanbandelungsversuche. Das ist aber auch die einzige realistische Allusionsebene, auf der sich das neue Hörspiel von Gerhard Naujoks bewegt. Realismus ist nicht das Thema des Stücks „Der gute Trinker“, auch wenn es zu Beginn so scheinen mag.

Ein Gast, Mitte 50, unverkennbar distinguiert und gut situiert, bestellt beim Wirt persönlich einen solchen Tisch für sich und fügt sogleich hinzu: „Ich bin ein guter Trinker, kein Säufer. Jeden Abend eine Flasche, nicht mehr und nicht weniger.“ Spätestens hier wird die Erinnerung an Hans Falladas Roman „Der Trinker“ weggefegt.

Naujoks, 1958 im österreichischen Grieskirchen geboren, wäre nicht der Autor, Regisseur und Schauspieler, der er an wichtigen Bühnen war und ist, wenn er dieser fast hermetischen Situation nicht doch auch dramatisches Potenzial abgewonnen hätte. Es entwickelt sich zwischen dem Wirt und dem Gast eine Art innerer Dialog (im Gegensatz zum bewährten Hörspielstilmittel des inneren Mono­logs), mit dem eine Reihe von Situationen durchgespielt werden, die zunächst so oder sehr ähnlich in der Realität hätten stattfinden können. Etwa die ewig gleiche Geschichte vom alternden Gigolo-­Professor, der stetig wechselnde junge Studentinnen in dieses Lokal ausführt, in Erwartung eines anregenden Abends (Professor) bzw. eines geschönten Examensergebnisses (Studentinnen). Oder, ähnlich trivial, die Sache mit dem Restaurantkritiker, der sich mit allererstklassigstem Cognac milde stimmen lässt, glasige Augen bekommt und die Qualität des edlen Branntweins nur noch flüsternd als „exorbitant“ bezeichnen kann. Durch den Cognac fühlt er sich „berührt vom Engel des guten Alkohols“.

Mehr und mehr entfernen sich jedoch die durchgespielten Situationen von der Realität, werden verrätselter und verwandeln sich schließlich in Phantasmagorien. Das Surreale gewinnt die Oberhand über die Realität, wie etwa in den Bildern von René Magritte oder von Man Ray, wenn er einen weiblichen Rückenakt in ein Cello verwandelt („Le violon d’Ingres“).

Einen ähnlichen Umschlag in eine andere Stofflichkeit bzw. Dimension, wie ihn diese beiden (und viele andere) Maler dargestellt haben, nimmt Naujoks mit sprachlichen Mitteln vor, und zwar nicht mit denen des gelegentlich überschätzten und manchmal etwas infantilen Dadaismus, sondern mit durchaus literarischem, fast „klassisch“ zu nennendem Schreibgestus. Die inhaltlichen, psychischen Veränderungen, die sich an den beiden Personen vollziehen, interessieren ihn, nicht die semantischen. Das macht das Manuskript zu einem genuinen Hörspieltext, denn nur im rein akustischen Raum ist ein derartiger Umgang mit der Stofflichkeit des Geschehens möglich. So wird die Spannungsspirale nachvollziehbar, mit der das rund 60-minütige Stück auf sein Ende zuläuft. Und es wird klar, dass es sich in Wahrheit nicht um zwei Personen handelt, sondern um die klassische Kon­stellation von Ego und Alter Ego.

Ein erfahrener Autor weiß natürlich, dass diese Konstellation nicht oder zumindest nicht ohne Zutat funktioniert. Deshalb setzt Naujoks, gleichsam als dritte Stimme, Musik von Jimi Hendrix ein. Die fiebrigen Glissandi dieses Musikers, der einer ganze Generation in den späten Sechzigern den Elektrosound der Gitarre wahrhaft eingeheizt hat, werden von Regisseur Alexander Schuhmacher klangbeherrschend eingesetzt. Ein Hauch Woodstock, ein Stück Greenwich Village, ein Flash auf Monterey dynamisieren das eher moderat temperierte Gespräch des Einen mit dem Anderen, das in Wahrheit doch ein verzweifeltes inneres Ringen um eine verlorengegangene Identität ist.

Gerhard Naujoks moduliert als Wirt abwechslungsreich, bleibt jedoch im Duktus immer zurückhaltend. Michael Rotschopf, ein hervorragender Schauspieler und Sprecher, begnügt sich mit der Rolle des Trinkers als Stichwortgeber und wahrt damit das innere Gleichgewicht des Stücks. Es ist ein Stück mit einem ungewöhnlichen Text in musikalisch lukullischer Präsentation. Dem Sujet mit Augenzwinkern durchaus angemessen, ein kleines sardonisches Feixen angesichts des Infernos des realen Lebens.

05.02.2016 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

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