Patrick Findeis: Zaire 74 – Kommt schnell, aber nähert euch vorsichtig (SWR 2)

Urwaldwabernd

29.06.2018 • Man kennt Patrick Findeis als den Meister quasidokumentarischer Hörspielereignisse, verbunden mit spannenden Aufrissen von historisch belegten Biografien und Persönlichkeiten. Dabei sei an seine beklemmend authentisch wirkende Hörstudie „Hannelore oder So ein abgelichtetes Leben will verkraftet sein“ erinnert (vgl. FK-Kritik) oder an den bunten Rückgriff auf das Forscher- und Künstlerleben der Maria Sibylla Merian (1647 bis 1717), ebenfalls ein abenteuerliches Frauenschicksal, das der Autor in „Metamorphosen. Aus dem Leben der Maria Sibylla Merian“ (vgl. MK-Kritik) überzeugend ausleuchtete. Wie diese beiden Produktionen so entstand auch sein neues Hörspiel „Zaire 74 – Kommt schnell, aber nähert euch vorsichtig“ für das Programm SWR 2.

Diesmal nimmt Patrick Findeis den legendären Boxkampf zwischen den US-amerikanischen Schwergewichtsboxern George Foreman und Muhammad Ali als Dreh- und Angelpunkt. Der Kampf fand vor rund 44 Jahren in Kinshasa im damaligen Zaire (heute: Demokratische Republik Kongo) statt. Wegen der internationalen Fernsehübertragungen war der Beginn des Fights auf 4.00 Uhr morgens Ortszeit angesetzt, begleitet von 100.000 Zuschauern im Stadion, und er endete durch einen spektakulären Sieg Alis durch K.o. in der 8. Runde. In der einschlägigen Literatur firmiert der Kampf auch als „Rumble in the Jungle“ („Schlägerei im Dschungel“). Großmäulig wie immer ließ Ali vor Beginn des Duells verlauten: „Ich habe Neues für diesen Kampf gemacht. Ich habe mit einem Alligator gerungen, mit einem Wal gerauft, dem Blitz Handschellen angelegt und den Donner eingekerkert. Ich bin böse. Letzte Woche habe ich einen Fels ermordet, einen Stein verletzt und einen Ziegel krankenhausreif geprügelt.“

Der Ausgangspunkt des Hörspiels liegt also vor fast einem halben Jahrhundert, als der Kalte Krieg noch tobte und Diktator Mobutu Sese Seko als antikommunistischer Gewaltherrscher das Zepter unter der Gunst des Westens am Kongo führte. Diesen historischen Hintergrund verschränkt das Hörspiel mit dem fiktiven Journalisten Harry Reschke (gesprochen von Carlo Ljubek), der im urwaldschwangeren Kongo vergeblich auf ein Interview mit den Boxhelden hofft. Der schon lange kaputte Möchtegern-Journalist (ja, vom Kokain ist er inzwischen abgekommen) hofft vergeblich, einen Bestseller zu Papier bringen zu können und telefoniert ständig mit seiner Frau (Friederike Ott) in Europa, die er ohne Geld irgendwo in der Alten Welt hinterlassen hat (aber das Telefonieren klappt ganz prima, und das noch ganz ohne Smartphone). Unterlegt wird das Hörspiel (Kai Grehn führte die Regie) durch Musik des Electronic-Duos Tarwater. Dessen stimmungsvolle Klänge, kulinarisch verführend und immer ein bisschen urwaldwabernd, waren zugeben das Schönste, was die 72-minütige SWR-Produktion zu bieten hatte (Dramaturgie: Andrea Oetzmann).

Die Verkettung von Boxgeschichte einerseits mit kleinen Aperçus aus dem Kalten Krieg andererseits und der doch recht unglaubwürdigen Familientragödie eines Harry Reschke – sie funktioniert als Plot und Kernstück des Hörspiels einfach nicht. Da entrollt sich ein recht schwaches dramaturgisches Box- und Urwaldkonstrukt, das für die sonstige Handschrift von Patrick Findeis genau genommen recht ungewöhnlich ist. Die aufgestellten Erzählkrücken in Hotelbars, Airport-Lounges und Hinterzimmern – sie sind nicht tragfähig. Harry Reschke schafft es allenfalls zu einer fehlplatzierten Type am Kongo und auch der Kampf der Kämpfe vom 30. Oktober 1974 geht im Dschungel der Beliebigkeit unter, da auch weder Foreman noch Ali in der Hörspielstruktur als Charaktere Kontur gewinnen können. Selbst die realen Boxhelden verkümmern hier (fehlten etwa Dokumente?) zu blassen Statisten einer sehr, sehr fernen atlantischen Medienzeit. Und was der Untertitel „Kommt schnell, aber nähert euch vorsichtig“ bedeuten sollte, hat sich einem beim Hören des Stücks auch nicht erschlossen.

29.06.2017 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 22/2018

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