Fabian von Freier/Andreas von Westphalen: Programm der Freiheit (WDR 5)

Ein Versuch über die Freiheit in naher Zukunft

04.12.2015 •

04.12.2015 • Es beginnt wie in einem Krimi: Alles spricht dafür, dass ein junger Mann mit dem auffallend synthetisch klingenden Namen John Lord kaltblütig einen Mord begangen hat. Die Geschichte spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, nicht mehr als zehn Jahre von heute, aber in einer Gesellschaft, die bereits das totale Observierungssystem kennt. Die Bilder der Überwachungskameras, die DNA-Spuren am Tatort, die Daten des Bordcomputers in John Lords Auto – all das scheint keinen Zweifel daran zu lassen, dass nur er der Täter sein kann.

In dieser nicht allzu fernen Zeit, in der das Hörspiel „Programm der Freiheit“ sich zuträgt, tragen fast alle Menschen Chips, mit denen sämtliche Schritte nachvollzogen werden können. Das diene ihrem Wohl und ihrer Sicherheit, macht man sie glauben. Allerdings sind auch Ausnahmen möglich – indes, sind nicht Menschen, die sich keine Chips implantieren lassen, genau deshalb bereits verdächtig? John Lord hat keinen Chip.

Vor Gericht betont der Angeklagte wieder und wieder seine Unschuld, Freunde bestätigen, zum Zeitpunkt der Tat mit ihm zusammen gefeiert zu haben. Doch die Indizien sind so erdrückend, dass selbst die Verteidigerin von John Lord kaum an seine Unschuld glauben kann. Aufklärung könnte allenfalls ein Institut bringen, das sich mit Traumanalyse beschäftigt. Ziel der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts ist es, anhand der Träume eines Beschuldigten herauszufinden, ob er schuldig ist oder nicht. Die Entscheidung, die Ergebnisse des Instituts als gerichtsrelevant zuzulassen, steht kurz bevor. John Lord fordert über seine Verteidigerin, als Proband einer Traumanalyse unterzogen zu werden.

Ist dieses Hörspiel – das bei WDR 5 erstaunlicherweise auf dem Programmplatz „Krimi am Samstag“ ausgestrahlt wurde – zu Beginn noch eine kühl temperierte Geschichte eher herkömmlicher, nicht forcierter Spannung und Machart, so nimmt das Stück im weiteren Verlauf Fahrt auf. In kurzen Schnitten folgen Szenen, mit denen im Institut der Hergang des vermeintlichen Mords rekonstruiert wird. Diese Sequenzen wechseln quasi kontrapunktisch mit Dialogszenen der Verteidigerin, einer Psychologin und der Freundin des Protagonisten.

Man folgt also einerseits der Tat – die nach wie vor vom Täter bestritten wird – und wird andererseits in den wissenschaftlichen Prozess des Reprogrammings hineingezogen. Es bedeutet, dass die Erinnerungen eines Menschen mit neurologischen Maßnahmen im Traum – wie ein Palimpsest – überschrieben und damit ersetzt werden. Dieser Mensch selbst also wird reprogrammiert, immer vorausgesetzt, die Traumanalyse ergibt die entsprechenden Anhaltspunkte in Form sogenannter autobiografischer Anker, die den Probanden dazu bringen, auf diese Weise seine Gedächtnisaufzeichnungen zu modifizieren – im Klartext: sie auszulöschen. Danach kann ebendieser Mensch neu programmiert und beispielsweise dazu gebracht werden, eine Tat als von ihm begangen zu erleben, die er niemals begangen hat.

Totale Manipulierbarkeit gehört zu den großen Ängsten der modernen Zivilisation. Die beiden Autoren Fabian von Freier und Andreas von Westphalen haben sich seit einiger Zeit mit Hirnforschung beschäftigt und die bisher vorliegenden Ergebnisse nach vorne gedacht. In sarkastischer Überspitzung zeichnen sie eine Gesellschaft, die glauben gemacht wird, man könne durch Selbst- bzw. Umprogrammierung Überwachung überflüssig machen. So entstehe als Novum der freie Mensch. Nicht nur von fern erinnert diese Erfindung an Homunkulus-Fiktionen, die es immer wieder gegeben hat. Sie verkörpern Konstrukte, mit denen sich die Bedrohung der Freiheit des Menschen darstellen und auch für die Zwecke der jeweiligen Systeme missbrauchen lässt.

Die Narration des 55-minütigen Stücks ist stringent, weiß mit ihrer Fiktionalität zu überzeugen. Die Abläufe und szenischen Positionierungen sind gut erkennbar differenziert, was ein nicht zu unterschätzendes Gestaltungsmerkmal angesichts der komplexen Konstruktion ist. Wären vor allem die weiblichen Stimmen im Ensemble dieses Hörspiels genauer besetzt worden, hätte den divergierenden Positionen und damit der inneren Logik des Stücks besser gefolgt werden können. Zwar sind auch die vielen jungen Stimmen, die hier zu hören sind, auf der Bühne wie im Radio und Fernsehen erkennbar geschult, sie klingen dennoch oft sehr ähnlich.

Bei allen Figuren handelt es sich eher um Proto­typen als um psychologisch gebaute Individuen, die demzufolge wenig charakterliche Unterscheidbarkeiten haben. Daher hätten deutlichere Unterschiede im Timbre den Abläufen – wie etwa bei der Rolle des Professors (Wolf Aniol) – mehr Relief verliehen. Zugegeben: Diese Produktionsweise verhindert das Nebenbeihören. Und das ist nicht das geringste Kompliment, das diesem intellektuell und radiophon ambitionierten Originalhörspiel über die Reorganisierbarkeit des menschlichen Gehirns gemacht werden kann. Ob John Lord der Täter war, blieb im Übrigen offen.

04.12.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

` `