Ludwig Fels: Der Himmel war eine große Gegenwart (HR 2 Kultur)

Das Sterben der Mutter

16.10.2015 •

Als „Erlebnisrealismus“ ist Ludwig Fels’ Frühwerk etikettiert worden, wozu seit dem Debüt 1973 mit dem Gedichtband „Anläufe“ mehrere Lyriksammlungen, Prosabücher, Theaterstücke und zahlreiche Hörspiele zählen, wobei der Terminus sowohl den Schreibstil als auch die autobiografische Fixierung des Schreibens bezeichnet. Dessen inhaltliche Dominanten sind die proletarische Herkunft der Figuren (und des Autors), ihre lieblose und tendenziell lebensfeindliche Sozialisation, schließlich das Scheitern von Emanzipation.

Das unverschlüsselt autobiografische Buch „Der Himmel war eine große Gegenwart. Ein Abschied“ (1990) kann als Zusammenfassung der Erzählmotive und -interessen und zugleich als lebensgeschichtliche Basis des Autors gelesen werden. Der Erzähler heißt Ludwig, ist 1946 im fränkischen Treuchtlingen geboren, lebt in Wien und ist ein mehrmals ausgezeichneter Schriftsteller. Wie sehr er aber noch von seiner – auch durch die Schreibkompetenz nicht wirklich kompensierten – Herkunft aus dem Prekariat geprägt ist, erfährt und reflektiert er spätestens Ende der achtziger Jahre, als seine Mutter im Sterben liegt. Der Sterbensprozess, der Tod und die Bestattung der Mutter sind die drei Stadien des Erzählprozesses, in dem der Ich-Erzähler eine weitaus größere Präsenz als die Mutter hat.

Mit einem verstörenden ersten Satz, der die schlimmstmögliche Nachricht neben die banale Mitteilung stellt¸ beginnen der Roman und auch das Hörspiel, das mit rund 90 Minuten Spieldauer sehr viel vom Erzählstoff der Vorlage transformiert: „Als mein Bruder anrief und mir sagte, die Ärzte hätten festgestellt, dass bei unserer Mutter bereits die ganze Bauchhöhle verkrebst sei, ging ich vors Haus und holte die Mülltonne von der Straße herein.“ Das folgende Erzählte ist ein einziges Abschiednehmen von der Mutter, das Ludwig mit schlechtem Gewissen als eine noch undefinierbare Gefahr erkennt: „Ich rette mich vor deinem Untergang.“ Das Schreiben über die Mutter, erscheint ihm als „Rettung“, als Versuch einer nachgetragenen Liebe: „Ich bin dein Sohn, ein Fremder.“

Mutter und Sohn sind einander immer fremd gewesen, Ludwig ist der uneheliche Sohn der Bauernmagd, die in entwürdigenden Arbeitsverhältnissen nicht viel mehr als das Bewusstsein einer sozial Deklassierten entwickeln konnte; von Ludwigs Erzeuger wurde nie geredet. Als der erwachsene Sohn seine moribunde Mutter besucht und von ihr Abschied nimmt, artikuliert er eine utopische Phantasie, in der die Mutter als „letztmöglicher Weg zurück in die Kindheit erscheint, in der man nie war. [...] Wenn du tot bist, bin ich nirgendwo daheim.“

Der Erzähler findet in Allegorien, Metaphern und poetischen Ausdrucksvaleurs eine große stilistische Vielfalt in seiner Auseinandersetzung mit dem Sterben der Mutter – und mit sich selbst! Die letzten 20 Minuten des Hörspiels stellen vor allem im Beschreibungsstil den Tod, die Bestattung und das Ordnen der wenigen Hinterlassenschaften dar, auch ein Jahr nach dem Tod sind dem Sohn die Mutter und deren Leben immer noch fremd: „Ich betrinke mich jeden Tag.“

Das Hörspiel überzeugt vor allem in der ersten Stunde durch die Sprach- und Bildkraft, die von der Obszönität eines imaginierten Inzests bis zur berührenden Emotionalität des verstörten Trauernden spektralisiert. Der Bearbeiter und Regisseur Ulrich  Lampen hat durch differenzierte Akustikwechsel dem Sprecher Rainer Bock ermöglicht, alles in eine Person zu zentrieren: Erzähler, Monologist, Dialogpartner und Zitator – eine herausragende Leistung. Die sehr versierte Hörspielsprecherin Marlen Diekhoff ist als Mutter indes eigentlich eine falsche Besetzung, denn ihre Stimme ist viel zu jung, um das Sprechen der alten, gebrechlichen und sterbenden Frau glaubwürdig erscheinen zu lassen. Das Hörspiel bietet kein ungetrübtes Hörvergnügen, sondern einen Memento-mori-Text, der berührt, verstört und schockiert.

16.10.2015 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

` `