John von Düffel: Wasserspiele (Nordwestradio/SR 2 Kulturradio)

Einkehr und Selbstbetrachtung

24.12.2015 •

Das unter der Regie von Christiane Ohaus inszenierte Hörspiel „Wasserspiele“ (Dramaturgie: Holger Rink, Radio Bremen) stammt aus der Feder des 1966 in Göttingen geborenen John von Düffel. Der Autor und Dramaturg hat bereits verschiedentlich Hörspiele geschrieben und ist für Radio Bremen, die kleinste Landesrundfunkanstalt der ARD, unter anderem regelmäßiger Autor des „Radio Tatorts“. Sein Stück „Wasserspiele“ realisierte Radio Bremen in Koproduktion mit dem Saarländischen Rundfunk (SR), dem zweitkleinsten ARD-Sender. Während die Bremer Anstalt das insgesamt 104 Minuten lange Hörspiel im Nordwestradio in zwei Teilen ausstrahlte, lief es im SR 2 Kulturradio an einem Stück.

Anders als der Titel „Wasserspiele“ vielleicht vermuten lässt, geht es in dem Hörspiel nicht um unbeschwerten sommerlichen Badespaß am Strand. Stattdessen handeln die drei ineinander verschränkten Kurzgeschichten, aus denen sich diese Radioarbeit zusammensetzt und die in einem Schwimmbad, einem Aquarium und auf einem Kreuzfahrtschiff angesiedelt sind, „von Figuren, die am Ende nicht mehr die sind, die sie waren; sie geraten jeweils in eine Welt, in der vieles, was früher galt, fortgespült wurde.“ Diese Sätze aus der Vorankündigung deuten auf die melancholische Retromanie hin, die teils in den Hörgeschichten zum Tragen kommt.

So etwa in „Der Kreuzfahrer“, der Story eines Vaters (Werner Wölbern), der in den Ferien mit seiner in die Pubertät gekommenen Tochter und einem Haufen anderer Gäste in Richtung Nordpol schippert. Dem Hörer zeigt sich die in Gestalt von Telefonaten dargebotene Erzählung als Monolog. Nur der Kreuzfahrer selbst ist dabei zu hören, wie er mit seiner Ex-Frau telefoniert, bei der die gemeinsame Tochter die meiste Zeit lebt. Die Frau ist jedoch als Gesprächspartnerin unhörbar; ihre Anwesenheit am anderen Ende der Leitung wird nur durch Pausen im Redeschwall des namenlos bleibenden Kreuzfahrers angedeutet. Er leidet darunter, so erzählt er, dass seine Tochter sich so sehr für das Bespaßungsprogramm an Bord interessiert, das ihm selber so zuwider ist. Und er hat Angst, die Bindung zu seiner Tochter zu verlieren.

„Der Kreuzfahrer“ ist in drei Teile gegliedert. Jeder davon entspricht einem Anruf von ihm auf der Schiffstour (Island, Spitzbergen, Lofoten) an seine Ex-Frau, wodurch sich eine Art Reisetagebuch ergibt. Dessen drei einzelne Teile sind jeweils vor, zwischen und nach den beiden anderen Kurzstücken „Die Vorschwimmerin“ und „Die Fetzenfrau“ zu hören und umrahmen sie. „Der Kreuzfahrer“ fällt neben der Gliederung durch die effektvoll den Wellen­gang auf See demonstrierende Hörspielmusik auf (Komposition: Michael Riessler), die auch das schwankende Gemüt der Hauptfigur symbolisiert.

„Die Vorschwimmerin“ ist als Dialog aufgebaut und am ehesten als eine Art Anwerbungsgespräch zu bezeichnen. Dabei erzählt die im Titel genannte Vorschwimmerin (Eva Meckbach) ihrer Wunschnachfolgerin (Birte Schnöink) von der Arbeit. Im ganzjährig 21 Grad Celsius warmen Gebirgspool der Villa eines japanischen Stararchitekten sind täglich zwei Stunden nacktes Schauschwimmen in absoluter Gleichförmigkeit gefordert. Die Anwärterin ist skeptisch und vermutet sexuelle Gründe beim Auftraggeber, der den Pool durch getönte Scheiben von seiner Villa aus beobachten kann. Die Anwerbende reagiert auf diese Vermutungen ungehalten und ist nun ihrerseits skeptisch, was die Eignung der Bewerberin um den von ihr als Hochamt bezeichneten Posten betrifft. Die ‘Amtsinhaberin’ behauptet, es gehe bei der Tätigkeit um eine Transzendierung des eigenen Selbsts, um die Aufhebung der Zeit durch die Wiederholung der Bewegungen und das Erreichen einer Art göttlichen Ästhetik. Mittels einer Gehirnwäsche, die inklusive Beleidigung und Erniedrigung als sektenähnliches Initiationsritual rüberkommt, gelingt es ihr dann, aus der potenziellen Nachfolgerin auch die nächste ‘Hohepriesterin’ des Architekten zu machen.

Das dritte Stück „Die Fetzenfrau“ ist wiederum als Monolog angelegt. Der Hörer folgt dem Gespräch einer Frau (Judith Engel) während eines Spaziergangs durchs Aquarium, den sie beim Fetzenfisch beginnt. Die sogenannte Fetzenfrau hat mit dem Erwachsenwerden ihrer beiden Kinder zu kämpfen. Das Gegenüber, an das sie ihre Worte richtet, ist ihr heimlicher Liebhaber. Er bleibt unhörbar und bekommt auch keine Gesprächspausen zugeteilt. Vielleicht probt die Fetzenfrau also nur das Gespräch mit ihrem Geliebten, von dem sie in der siebten Woche schwanger ist und mit dem sie als seine Vorgesetzte in derselben Firma arbeitet. Die Karrierefrau zeigt sich etwas klischeehaft als abgeklärte Misanthropin, der ihre Familie fremd geworden ist und die auch keinen richtigen Draht zu ihrem Lover finden kann.

Bei aller Unterschiedlichkeit entlassen die drei Short Stories ihre Figuren jeweils in die Einsamkeit. Und mit diesem ziemlich traurigen Ende ist das Hörgeschichten-Stück „Wasserspiele“ so etwas wie ein vorweihnachtlicher Appell zur Einkehr und Selbstbetrachtung, der dem allgemeinen Konsumtrubel entgegensteht.

24.12.2015 – Rafik Will/MK