Die Zeit der digitalen Pubertät

Ein GKP-Symposium in München zum Thema „Journalistische Ethik im digitalen Zeitalter“

Von Martin Thull
12.11.2015 •

In seinem Einladungstext brachte Joachim Frank, Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschland (GKP), die Thematik auf den Punkt: „Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik vermischten sich Bilder, Vorurteile und Klischees von ‘den Medien’, Negativ-Erfahrungen mit dem Agieren von Medienleuten samt dem (berechtigten) Ärger über Fehler und Falschmeldungen auf so explosive Weise.“ Bereits seit mehreren Jahren veranstaltet die GKP im Vorfeld der Verleihung des Katholischen Medienpreises (vgl. nachfolgende Meldung) ein Symposium, das dem Zweck dient, Akzente zu setzen zur Selbstvergewisserung von Medienschaffenden. Dieses Mal ging es am 2. November in München um das Thema „Klick zum Kick – Journalistische Ethik im digitalen Zeitalter“.

Praxis trifft auf Theorie, so könnte der Gesamteindruck der Münchner Veranstaltung beschrieben werden: Medienethiker setzt sich mit Konzernsprecher auseinander, Presserat und Presserecht suchen nach Gemeinsamkeiten, die philosophische Reflexion erdet den Alltag. In zweierlei Hinsicht liefert dem Symposium die mediale Wirklichkeit die Folie für die Diskussion.

Letzter Platz für die „Bild“-Zeitung

Einerseits sind Ereignisse wie der Absturz der Germanwings-Maschine im März oder das Bild des dreijährigen ertrunkenen Flüchtlingsjungen Alan Kurdi vom September Anlass, sich über den Konflikt zwischen Persönlichkeitsrecht von Opfern und Informationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit auseinanderzusetzen – mit durchaus wohlbegründeten unterschiedlichen Ergebnissen. Je nach Medium und dessen Zielgruppe. Und auf der anderen Seite ist da die Dynamik der sozialen Netzwerke, deren Akteure und Nutzer Ereignisse und Kommentare in Echtzeit verbreiten und damit Redaktionen unter Druck setzen. Wobei Regeln, wie sie etwa der Pressekodex als Selbstverpflichtung der herkömmlichen Redaktionen festhält, (noch) nicht für die digitalen Kommunikationsformen gelten.

Der Wissenschaftler Alexander Filipović, Professor für Medienethik an der Jesuitenhochschule in München, versuchte eine Definition: Maßstab für eine menschengerechte öffentliche Diskussion und auch für die Wertschätzung einer Institution sei die Leistung für das Gemeinwohl. In einer von ihm zitierten Untersuchung aus St. Gallen über entsprechend eingeschätzte Einrichtungen, bei der die Feuerwehr Platz 1 belegt, rangiert die „Bild“-Zeitung hinter der Deutschen Bank auf dem letzten von insgesamt 127 Plätzen. Für den Medienethiker ist das der Beleg dafür, dass das Empörungs- und Unterhaltungspotenzial, das große Inhalte der Boulevardmedien ausmache, nicht unbedingt zu deren Ansehen beitrage. Nach Einschätzung von Filipović bedrohen solche Medien eher das Gemeinwohl, als dass sie es fördern. Ein pauschales Urteil, gewiss, aber geeignet, die Diskussion zu befeuern.

Entgleitende Mikroimperien im Netz

Julian Geist, Unternehmenssprecher der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe, nahm diese Vorlage dankbar auf und erklärte jegliches mediale Treiben zum Boulevard. Durch die sozialen Netzwerke stellten Laien Öffentlichkeit her, wodurch jeder eine Stimme habe, wenn er denn wolle und sich an diesen Aktivitäten beteilige. Zudem dürfe nicht vergessen werden, dass es Medienunternehmen auch um wirtschaftlichen Erfolg gehe. Heute stelle sich mehr denn je die Frage: „Wie weit können, dürfen, sollen wir gehen?“ Mit anderen Worten: Wo ist die Grenze? Zur Verantwortung der Journalisten gehöre es, so Geist, sich den Menschen zu öffnen und „besser zuzuhören“. Zu den diagnostizierten Grenzüberschreitungen im (anonymen) Netzwerk meinte später der Presserechtler Gernot Lehr, Anwalt unter anderem von Ex-Bundespräsident Christian Wulff, dass es zu den Zukunftsaufgaben der Gesetzgebung und Rechtsprechung gehöre, diese Internet-Aktivitäten rechtlich zu fassen.

Diese Eingangsstatements unterfütterte eher grundsätzlich Dieter Anschlag, Chefredakteur der „Medienkorrespondenz“, in seinem Referat zum Thema „Ihr lügt ja alle: Beobachtungen zum Wandel im Verhältnis zwischen Medien und Öffentlichkeit“. Es gehe darum, wie die Rezipienten, die Leser, Hörer, Zuschauer oder einfach „User“ unter den veränderten Bedingungen mit den medialen Angeboten des Absenders umgehen. Seine Ausgangsfrage: „Wächst hier etwas auseinander, was früher ein gemeinsames Verhältnis hatte?“ Seine Diagnose: Der soziale Netzwerker von heute baue sich sein eigenes kleines Medienimperium und glaube, die Welt in der Tasche zu haben. Das könne, wenn man es optimistisch sehe, ein Schritt zu Mündigkeit sein; indes, diese Mikroimperien würden entgleiten, weil sie die Tendenz hätten, „sich selbst für absolut zu halten“.

Speed-Zugriff und Klick-Logik

Verquer genug sei zudem, so Anschlag, dass viele dieser kleinen Könige sich der Rhetorik der Revolution bedienten: „Ihr da oben lügt, wir hier unten wissen es wirklich.“ Der Gestus dieser „Publizisten“ ergebe sich daraus, dass sie glaubten, sie hätten die Welt in Händen, „weil wir sie ge­googelt haben, weil wir selbst recherchiert haben, weil wir näher dran sind“. Sie sähen sich explizit nicht als Journalisten, sondern als deren Gegenpole, als die Bürger, die Bescheid wüssten, nach der Devise: „Wir wissen, dass die Journalisten uns verhindern wollen, denn unsere Mündigkeit ist eure Ohnmacht, ist die Auflösung eurer Existenz.“ Der User werde den etablierten Medien gegenüber „zum Goliath, der keine Schleuder mehr braucht, sondern mit Klicks attackiert, mit Kommentaren, mit Likes oder Dislikes“. Die Struktur der etablierten Medien an sich werde als lügenhaft wahrgenommen, der Korrespondent, der Moderator, der Journalist – sie alle seien „Verdachtsfiguren, weil sie ja vom System bezahlt werden, auf der Payroll stehen“.

Die Verlage, die Anbieter und die Online-Medien, sagte Anschlag, würden, sofern sie der Marktlogik folgten, immer wieder die Themen auflegen, die hohe Klickzahlen haben, also „Quote “ machen. Somit sei eine Tendenz zur Boulevardisierung und Gleichförmigkeit gegeben: „Viel vom selben statt viel Verschiedenes und vielfältige Inhalte.“ Der Online-Leser bzw. -User nehme sich für die Lektüre eines Artikels im Netz weniger Zeit als die Papierleser, er verlange nach Kürze, Prägnanz, Dynamik – entsprechend würden Online-Artikel konzipiert. Doch bestimmte Themen widersetzten sich nun einmal einem solchen „Speed-Zugriff“. Und: Die Klick-Logik nivelliere die Relevanz der Themen, führe zu einer Entdifferenzierung, alles werde gleich wichtig.

Die Bereitschaft zur Selbstkorrektur

Der digitale User erfahre einen dauernden „Informationsbeschuss“. Darin sieht Dieter Anschlag mehrere Gefahren. Zum Beispiel das Bewirken gegenteiliger Effekte: Aufgrund von Überinformation entstehe ein Informationsdesinteresse. Das Verwechseln von Information mit Wissen und Bildung sei eine weitere Gefahr ebenso wie das mögliche Entstehen einer Informationssucht, die immer stärkere Dosen an (Pseudo-)Information benötige, um das eigene Aufmerksamkeitslevel zu halten. Weitere Gefahren seien, wenn der wachsende Eindruck entstehe, Informationen seien Fiktionen, oder der Eindruck, Informationen stünden stets im Dienst des Konsumenten, also des Adressaten, obwohl sie in Wirklichkeit nur dem an ökonomischem Profit interessierten Absender dienten. Schließlich sei es problematisch, wenn Informationen vor allem so bearbeitet würden, dass sie Gefühl und Aufmerksamkeit erregten, und Informationen, die kein Erregungspotenzial besäßen, aussortiert würden. Zudem könne die Überfülle, die auf Klicks ausgerichtete „Hyperinformation“ dazu führen, dass Informationen sich nicht verdichteten, sondern wechselseitig zersetzten.

Doch Anschlag beließ es nicht bei der Beschreibung der Symptome, sondern setzte dem auch einige Aspekte für den Berufsstand des Medienschaffenden entgegen. Journalismus heute müsse sich, wenn er überleben wolle, „vom Konformitätsdruck des Internets absetzen und differenzierende Weltbetrachtungen vorlegen“. Das Netz habe die Tendenz, Meinungen ‘gleichzuschalten’; schwieriger sei es dort für Meinungen und Ansichten, die ungewöhnlich seien, die Nische seien und nicht Mainstream. Anschlag: „Journalismus heute muss gegen die ‘Agonie des Realen’ arbeiten, das heißt gegen den Trend, gegen die Entwicklung, dass die Hyperinformation alles Reale verwandelt ins irgendwie Digitale, ins weit Entfernte, ins Virtuelle. Journalismus muss die Lust auf Wirklichkeiten schüren, so sehr der Begriff des Wirklichen auch umstritten sein mag.“

Journalismus müsse „die Netzexplosionen auch relativieren können“, er müsse der meinungsfreudigen Aggression vieler Netzwerker mit fundierter Sachlichkeit begegnen, so der MK-Chefredakteur weiter: „Journalismus muss den feudalistischen Tendenzen im Netz entgegenwirken, muss all den Absolutheitsansprüchen der digitalen Wölfe etwas entgegensetzen.“ Journalismus heute müsse die Zeit auch mal still stellen, müsse zeigen, „dass die permanente Dynamik, die forcierte Info-Raserei nirgendwohin“ führe, Journalismus müsse auch abbremsen. „Journalismus muss, in diesem Zeitalter des ‘rasenden Stillstands’, am Gestern, Heute und Morgen arbeiten und nicht dem betäubten Augenblick zuarbeiten“, meinte Anschlag: „Es gilt, die Menschen an ihre verschiedenen Zeitverhaftungen, ihre historischen Standorte zu erinnern.“ Journalismus heute müsse mehr denn je die Spreu vom Weizen, das Wichtige vom Unwichtigen, das Substanzielle vom Banalen, das Ethische vom Unethischen trennen.

Verdachtsberichterstattung

Diese analysierenden Betrachtungen wurden anschließend durch die Ausführungen von Katrin Saft, Vorsitzende der 2. Spruchkammer des Deutschen Presserats, und von Gernot Lehr, Presseanwalt in der Bonner Kanzlei Redeker-Sellner-Dahs, mit Beispielen aus der Praxis unterfüttert. Während Katrin Saft mit Zitaten aus den allein in diesem Jahr bereits rund 2000 Beschwerden den rauer werdenden Ton der Einwände beklagte und darauf hinwies, dass inzwischen auch Meinungsäußerungen zu Eingaben an den Presserat führten, hatte Gernot Lehr vor allem die immer stärker zu beobachtende Verdachtsberichterstattung im Blick. Dabei werde abseits der früher selbstverständlichen handwerklichen Recherchen und oft mit politischer Absicht formuliert, nicht selten auf einem schmalen Pfad der gerade noch von der Presse- und Meinungsfreiheit gedeckten Inhalte. Für Katrin Saft besteht die Gefahr, dass die Medien an Glaubwürdigkeit verlieren, wenn sie in begründeten Fällen nicht auch zur Selbstkritik bereit seien. Es dürfte keinen Wettbewerb um die schnellste Nachricht geben, sondern nur den um die beste.

Auch Gernot Lehr mahnte die Bereitschaft zur Selbstkorrektur an. Gerade angesichts der zunehmenden Bedeutung der Nachrichtengebung in den sozialen Netzwerken reichten die Standards des geltenden Pressekodex nicht aus. Zu regeln sei die Überprüfbarkeit von Nachrichten bis hin zur Identifizierbarkeit der Verfasser. Zudem müsse die Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben sein. Für Lehr sind Personalisierung und Skandalisierung schlimmer als die beklagte Boulevardisierung. Abschließend meinte Alexander Filipović, die aktuelle Medienentwicklung befinde sich derzeit gerade einmal erst in einer Phase der „digitalen Pubertät“. Alle stünden diesbezüglich vor großen Problemen, aber Stillstand sei nicht möglich. Doch es sei zugleich eine spannende Zeit, weil sich vieles in einem bahnbrechenden Umbruch befinde. Ein zutreffendes Resümee einer anregenden Veranstaltung.

12.11.2015/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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