Matthias Schamp: Die Invasion der Inversen (WDR 3/WDR 1Live)

Das Problem des zweiten Albums

30.10.2015 •

„Endlich ein neues Hörspiel von Matthias Schamp. Mit dem wunderbar durchgeknallten Stück „Der Aufstand in den Sinnscheiße-Bergwerken“ feierte der bildende Künstler aus Bochum im Jahr 2007 sein Hörspieldebüt. In einer phantastischen und hochkomischen Szenerie verhandelte er in dem Stück die Luhmannsche Systemtheorie (vgl. Kritik in FK 16/07). Jetzt, acht Jahre später, spielt Schamps zweites Hörspiel, „Die Invasion der Inversen“, im Unterbewussten der Hauptfigur. Auch hier ist die Szenerie einigermaßen phantastisch, denn das Stück spielt in der Inversion, einem eher unangenehmen Ort in der Psyche des Protagonisten Joe.

Die Welt ist ein Kriegsgebiet und Joe (Christoph Luser) ist ein Soldat, der von seinem Führungsoffizier per Hirnwellenfunk instruiert wird. Christian Redl gibt den Militär als klischeehaften Krieger, der sich von einer Welt von Feinden umgeben sieht und sich nach den Zeiten sehnt, als ein Krieg noch ordentlich erklärt wurde und es noch Uniformen, Schlachtfelder und klare Frontverläufe gab. Inzwischen stammen die strammen Soldaten aus der Retorte und sind schon pränatal auf Patriotismus programmiert.

In Schamps Hörspiel ist der Kriegsschauplatz nach innen gewandert. Die sogenannten Inversen sind feindliche Agenten, die das Unbewusste der Kämpfer besetzen und sie zu Attentätern umfunktionieren. Der Satz „Man kann niemandem trauen, nicht mal sich selbst“ wird bis zur letzten Konsequenz durchgespielt. Doch wenn der Feind schon im Innern des Einzelnen sitzt, ist es der innere Feind des Staates, der hier bekämpft wird. Als erstes ist Mr. Trum-Trum dran, der Weltmeister im Hamburger-Wettessen, der eigentlich eines der Idole des Volkes ist, aber bei Verzehr seines 10.000. Burgers bei seinen Zuschauern eine hypnotische Suggestion auslösen soll. Anschließend richtet Joe bei einer Versammlung von Spielzeugfabrikanten ein Blutbad an, weil einer von ihnen angeblich das Plastikspielzeug aus Überraschungseiern funkgesteuert per Nanotechnik zu einer gigantischen Beherrschungsmaschinerie transformieren will. Hier ahnt man schon, dass der Protagonist, mit dem man sich als Hörer eigentlich identifizieren wollte, ein Werkzeug des Bösen ist. Als sein Führungsoffizier ihn auf einer gut besuchten Kirmes eine Pappfigur umnieten lässt, ist man sich dessen sicher. Dass danach ein Kind dran glauben muss, ist dann selbst Joe zu viel und er begibt sich freiwillig in die Inversion, will heißen: in sein Unbewusstes, was sich als spielautomatenbedudelte Kneipe entpuppt. Doch auch die ist, inklusive der Wirtin, von inversen Agenten bevölkert, derer Joe sich entledigen kann, indem er sie durchschaut.

Aber so einfach ist es dann doch nicht. Ein letzter Inverser namens Jim – ebenfalls gesprochen von Christoph Luser – gibt Joe einen Zaubertrank, der sich in einer Flasche befindet, auf der die altgriechische Sentenz „gnothi seauton“ steht: „Erkenne dich selbst.“ In dem Moment, in dem Joe sich selbst durchschaut, verschwindet auch er und Jim kehrt als Soldat der Gegenseite aus der Inversion zurück.

In Jörg Schlüters Inszenierung des Hörspiels entfalten die absurd-komischen Einfälle, die Matthias Schamp in sein dystopisches Setting eingebaut hat, leider nicht das ihnen innewohnende komische Potenzial. So wirkt das Stück insgesamt etwas angestrengt. Die Verkoppelung von Fragen einer totalitären Kriegsideologie mit denen von individual­psychologischen Identitätsfindungsprozessen hat hier in der Komik kein ausreichendes Gegengewicht. In der Popmusik gibt es häufig ein Problem mit dem zweiten Album, wenn das erste so überragend war, dass das zweite dagegen nur abfallen kann. Das ist leider auch hier der Fall. Matthias Schamp hätte mit seinem zweiten Stück nicht so lange warten sollen, dann hätten wir vielleicht schon sein drittes, viertes oder fünftes Stück genießen können. Hoffentlich braucht er bis zum nächsten Stück nicht wieder acht Jahre.

30.10.2015 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 15/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren