Die ARD und ihre Erregungs-„Brennpunkte“ zur Griechenland-Krise

13.07.2015 •

Seit heute Morgen weiß man Bescheid, wie es weitergehen soll mit Griechenland, Europa und dem Euro.

Das war gestern anders, am Sonntag, den 12. Juli. Griechenland-Krise. Grexit? Am Abend Konferenz in Brüssel dazu. Aber was tut man, wenn man voraussichtlich noch nichts wissen kann? Die ARD macht einen „Brennpunkt“ nach dem anderen. Wenn ein aktuelles Gefühl alles überlagert, tut man so, als ob man Leute vor Ort hat, die es wissen, die manchmal sogar vorgeben, es besser zu wissen als die politischen Hauptdarsteller, die wenigstens gezeigt werden, wenn ihnen in Brüssel die Wagentür geöffnet wird. Anstatt dass das Erste ordentlich wartet, bis man etwas wissen kann, stellt man den armen Rolf-Dieter Krause (WDR) vor eine Bildwand, um ihn fünfmal hintereinander das Gleiche zu fragen, worauf der Brüssel-Korrespondent keine Antwort finden kann.

18.30 Uhr an diesem Sonntag, eine Neuerfindung von Tina Hassel (WDR): der „Brennpunkt“ vor der „Tagesschau“. Da kommt Rolf-Dieter Krause zum zweiten Mal ganz lange ins Bild, wobei ihm die entspannte Tina Hassel in einer bequemen Sofasitzecke einige Fragen stellt, die er alle nicht beantworten kann. Eigentlich ist der „Bericht aus Berlin“ (mit Sommerinterview) angesagt, aber erst mal gibt’s einen Bericht aus Brüssel. Das erste Mal an diesem Sonntag sah man Krause mittags, Punkt 12.00 Uhr, im Ersten. Da ließ der mächtige WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn seine vier Gäste im ARD-„Presseclub“ sechs Minuten warten, um den Brüsseler Korrespondenten einzuvernehmen mit der ständig variierten Frage: Was wird denn heute oder morgen bei der Griechenland-Konferenz herauskommen?

Da nichts an Nachrichten da ist, muss man die Erregungen auskosten: als da ist die mögliche Opposition der SPD zu dem Papier von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, zumal sich die EU-Sozialdemokraten parallel zu den Euro-Regierungschefs in Brüssel getroffen und markige Worte gefunden hatten, alles aber vor Tische. Denn zu Tisch ging es erst am Abend.

Der halbe „Weltspiegel“ (19.20 bis 19.55 Uhr) wird dann schon von Moderatorin Ute Brucker (SWR) benutzt, um dem armen Rolf-Dieter Krause erneut eine Antwort abzunötigen, die er nicht geben kann. Die „Tagesschau“ hat ihn dann ebenfalls nichtssagend. Danach vor der „Tatort“-Wiederholung der „Brennpunkt“ und hier hat der Moderator des WDR auch nichts weiter zu tun, als vor dem Ereignis den unwichtigsten Außenminister der Europäischen Union zu befragen: Jean Asselborn bietet aber für diesen neuerlichen Erregungs-„Brennpunkt“ den Vorteil, dass er Deutsch kann und sich immer freut, seine geringe europapolitische Bedeutung aufwerten zu können durch ein Statement im deutschen Fernsehen. Asselborn soll, so hätten sie’s im „Brennpunkt“ gern, bezüglich der Griechenland-Frage die deutsche Position von Schäuble und Merkel heftig kritisieren, was er aber ablehnt. Dann wird noch der heimliche SPD-Oppositionsführer in der Regierung interviewt, Ralf Stegner, dem man während dieser Noch-nicht-Nachrichten-Zeit auch nichts herausquetschen kann. Da es also nicht gelingt, einen schweren Konflikt Merkel-Schäuble aufzubauen, auch nicht einen Merkel-Hollande, auch nicht einen mit dem eigenen Koalitionspartner SPD, muss man eben nur sich suhlen in dieser Art von Erregungs-„Brennpunkt“ und von Grexit-Erregung an sich.

Wie wäre es, die Moderatoren würden mal bescheidener werden und dem Publikum beim Abschied sagen: ‘Morgen wissen wir möglicherweise etwas, heute gar nichts.‘ Doch das wäre das Dementi des Aktualitätsterrorismus, der heute in den elektronischen Medien wütet, wo immer so getan werden soll, als habe man irgendetwas zu verkünden. In Wirklichkeit reichte die Nachricht, heute Abend seien in Brüssel die Regierungschefs aller 19 Euro-Länder zusammengekommen und sie werden sich vermutlich an diesem Abend noch nicht auf einen Plan für Griechenland einigen. Und: Statt solcher Erregungsformate könnten wir wieder mehr über wirkliche Ereignisse erfahren: die Flüchtlinge vor der Mauer in Melilla, die Syrer und Somali-Flüchtlinge in Libyen, die Verhältnisse in den Flüchtlingslagern in Jordanien und im Libanon, die Bombenangriffe der syrischen Luftwaffe auf die Stadt Aleppo, der Zusammenbruch des Iraks unter den Schlägen des IS-Terrors, der Staatsverfall in Libyen, die Lage der in Malaysia gestrandeten Rohyingas, die Frontlinie in der Ukraine, die Zunahme der Solaranlagen in nordafrikanischen Länder und so weiter und so weiter…

13.07.2015 – Rupert Neudeck/MK

Print-Ausgabe 10/2019

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