Karl-Heinz Bölling: Mahler zu Besuch (HR 2 Kultur)

Frei von der Formfixierung

24.07.2015 •

Bis vor kurzem noch gab es kein Entrinnen vor der medialen Überpräsenz der Zombies. Mittlerweile ist die Flutwelle wandelnder (Un-)Toter schon wieder dabei abzuebben. Die Publikumsbegeisterung für dieses Horror-Subgenre hat wohl ihren Zenit überschritten. Das heißt natürlich nicht, dass alle Aspekte der Wiederauferstehungsthematik schon abgearbeitet wären. Karl-Heinz Bölling etwa erweckt in seinem neuen Hörspiel „Mahler zu Besuch“ den Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler (1860 bis 1911) zu neuem Leben. In der 41-minütigen Radioproduktion, die vom Hessischen Rundfunk (HR) unter der Regie von Silke Hildebrandt produziert wurde, lässt der Autor kein blutrünstiges Spektakel stattfinden. Vielmehr zeigt er in Form einer recht kurzweiligen Komödie, die zahlreiche unwirkliche Momente beinhaltet, wie sich mit der Uneindeutigkeit der rein akustischen Ebene spielen lässt.

In der Eingangsszene von „Mahler zu Besuch“ begegnet der Hörer zunächst einem älteren Ehepaar. Es befindet sich im Bett, als die Frau (Traute Hoess) unsanft von einem Insektenstich geweckt wird. Nach der erfolglosen Suche nach dem Übeltäter überlässt sie ihren Mann Hans (Martin Engler) seiner „Mahlermusikbeschäftigung“ und geht in die Stadt, um in der Apotheke Salbe zu besorgen. Hans vertieft sich in die Musik des von ihm verehrten Gustav Mahler – nur um kurze Zeit später einen Mann (Markus Scheumann) in seiner Wohnung vorzufinden, der für sich die Identität des längst verstorbenen Opernerneuerers beansprucht. Hier beginnt das Spiel mit der Mehrdeutigkeit der Radiokunstform Hörspiel. Nicht nur Hans, auch der Hörer fragt sich, ob es sich bei dem Besucher womöglich um einen gut erhaltenen und wortgewandten Zombie handelt oder doch schlicht um einen Verrückten. Über sein Aussehen jedenfalls erfährt man nichts Näheres.

Hans droht zunächst, den Eindringling zu erschießen, bewirtet ihn dann aber erst einmal mit Kaffee. Schließlich versucht er, mit dem Mann auf einer rationalen Ebene umzugehen, indem er ihm ein Foto von Mahlers Grab präsentiert. In diesem Moment stirbt Hans an einer plötzlichen Herz­attacke – man trifft ihn allerdings später im Stück wieder. Zunächst verdächtigt die zurückgekehrte Ehefrau den Unbekannten des Mordes an ihrem Mann. Sie findet sich mit der neuen Situation jedoch bald ab und nimmt nicht nur den angeblichen Gustav Mahler zum neuen Gatten, sondern streift auch die Identität von Mahlers ebenfalls verstorbener Ehefrau Alma über. Die Figuren leiden alle an enormen Schwankungen ihres Gemüts- und Geisteszustands.

Trotz des unverkennbaren bildungsbürgerlichen Anklangs – für den auch der ausgiebige Einsatz klassischer Musik sorgt – gelingt es dem Stück, eine gewisse Spannung aufzubauen. Alles ist möglich in der Welt von „Mahler zu Besuch“ und man fragt sich, was wohl als nächstes passieren wird. Hier liegt aber zugleich auch die Schwäche des Stücks, das eben manchmal in Beliebigkeit abzugleiten droht.

Im weiteren Verlauf des Hörspiels taucht Hans als Friseur auf, um Mahler die Haare zu schneiden, fällt kurz darauf aber schon wieder halbtot um und sondert am Boden liegend ein Brummen ab. Dieses Brummen wiederum nutzt Mahler für eine Brahms-Inszenierung, an der zu allem Überfluss auch noch ein weiterer Gast (Wilfried Hochholdinger) mitwirkt, der von sich behauptet, der englische Komponist Michael Nyman zu sein. Die Frau verliert nach einem weiteren Insektenstich einen Finger und am Ende des Hörspiels steht die Wiederholung der Eingangsszene. Fazit: Die vielen Ideen des 1947 in Dortmund-Aplerbeck geborenen namhaften Hörspielautors Karl-Heinz Bölling erweisen sich zwar manchmal als etwas sperrig für nur vierzig Minuten, aber alles in allem sticht die unkonventionelle und amorphe Komödie positiv aus dem Einerlei von formfixierten Hörspielen hervor.

24.07.2015 – Rafik Will/MK