Rainer Imm: Spitzbergmörder. Mundarthörspiel (SWR 4 Baden‑Württemberg)

Ganz ohne Erzähler

04.07.2017 •

In Tübingen, vor allem für die Leser des Regionalteils der Zeitung „Schwäbisches Tagblatt“, ist der Ostälbler Rainer Imm kein Unbekannter mehr. Er hat zwei Romane geschrieben („Niemandssohn“, „Spitzbergmörder“) und arbeitet in einer Werbeagentur, die nicht nur „die Macht des geschriebenen Wortes“ unterstützen will, sondern auch ganz kundenorientiert sich der Sprache verpflichtet sieht: „Wir verpacken Ihre Botschaft so, dass sie beim Empfänger gut ankommt. Mit Texten, die vollständig, mühelos und gern gelesen und verstanden werden.“

Wer allerdings den in Tübingen angesiedelten Roman „Spitzbergmörder“ (jüngst in der zweiten Auflage beim Silberburg-Verlag erschienen) zur Hand nimmt, der wird sich vielleicht wundern, wie komplex und zunächst gänzlich undurchsichtig in der Hölderlin-Metropole gemordet wird; das gilt insbesondere auch für Serienmorde am Neckar. Immerhin ist Rainer Imm auch sprachlich, was vor allem den Krimi angeht, tief im schwäbischen Denken und seinen aus der Mode gekommenen Arabesken verwurzelt. Er liebt das verschnörkelnde „schwäbische Plusquamperfekt“ über alles und man kann diese archaische Vergangenheitsbildung im gedruckten Roman über viele, viele Seiten wiederentdecken – ja, und intensiv schätzen lernen: „Aber trotz der unverschämt frühen Tageszeit hatte er Lust gehabt, Motorrad zu fahren, zumal die Maschine noch vorm Haus stand. Er war gestern Abend zu faul gewesen, sie in seiner Werkstatt abzustellen.“

Im Mundarthörspiel „Spitzbergmörder“, das bei SWR 4 Baden-Württemberg auf dem Sendeplatz „Mundart und Musik“ im Abendprogramm ausgestrahlt wurde, sind nach der ureigenen Hörspieladaption durch den Autor solche stilistisch interessanten Vergangenheitsformen indessen nicht mehr aufzuspüren; sie wurden der stärkeren Hochlautung nahezu vollständig geopfert. Aber man sollte die Hörspielbearbeitung Rainer Imms vor allem wegen einer handwerklichen Besonderheit loben: Er hat in diesem Kriminalhörspiel auf einen Erzähler verzichtet und sich die Mühe gemacht, das Romangeschehen vollständig in Dialoge aufzulösen. Das ist bemerkenswert, weil in der Mehrzahl der Hörspielbearbeitungen – hier oft einem Trägheitsgesetz folgend – die Krücke des Erzählers eingesetzt wird.

Hauptkommissar Pit Mueller (Andreas Klaue) ermittelt gemeinsam mit dem leider Hochdeutsch sprechenden Zeitungsausträger Wilhelm Barenbach (Sebastian Schäfer) in Sachen dreier scheußlicher Kapitalverbrechen, deren Hintergrund und Motiv gewiss an den Haaren herbeigezogen sind und hier nicht weiter referiert werden müssen. Immerhin ist die Kleinstadt Tübingen mit ihren Kneipen und universitären Streitereien in Sachen Troja liebevoll eingefangen, und zwar dergestalt, dass man den sträflichen und prekären Eingriff der Staatsanwaltschaft in die Unabhängigkeit der Polizei dabei gerne überhört. Die Polizisten sind aber nicht nur mit Ermittlungen beschäftigt, sondern haben auch ein durchaus anstrengendes Familien- und Liebesleben, das vom kräftigenden Müsli am Morgen bis zu zarten Bettgeschichten reicht, bei denen auch junge Ohren mithören durften.

Vorgesehen hatte der Autor und Bearbeiter eine üppige Anzahl von musikalischen Trennern und Leitmotiven („Wish you were here“, „Angie“, „Whisky in the Jar“, „The Boxer“, „Mensch“, „Little Lies“ etc.). Dieser Wunsch wurde dann bei der Produktion (Regie: Günter Maurer, Redaktion: Christel Freitag) nicht umgesetzt, was letztlich damit zu tun hat, dass die Fülle der Lieblingssongs von Hauptkommissar Mueller auch zur Verwirrung innerhalb der rund 55 Sendeminuten hätte führen können.

04.07.2017 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 12/2019

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