Martin Graff: 1918 Abschied. Mundarthörspiel (SWR 4 Baden-Württemberg)

Ein elsässisches Familienschicksal

06.11.2018 •

06.11.2018 • Weit über 40 Jahre (von 1871 bis 1919) war das seit langem wieder zu Frankreich gehörende Elsass in seiner wechselvollen Geschichte Teil des deutschen Kaiserreichs. Wer seinerzeit im Elsass lebte, empfand sich größtenteils als deutsch. Auch die Sprache war es – mit einer entscheidenden Einschränkung: Das im Unter- und Oberelsass leicht unterschiedlich gesprochene Dütsch war Elsässisch und wer es sprach, empfand sich als Elsässer.

Dazu gehörten auch die Zugereisten, Handelsleute vor allem. Von den „echten Elsässern“ wurden sie „Schwaben“ genannt – egal, ob sie aus dem Norden oder aus dem Badischen kamen. Wie etwa die Familie Siebler-Ferry, deren Spuren der elsässische Autor Martin Graff (Jahrgang 1944) intensiv nachgegangen ist. Bei der Suche nach Zeugnissen der bekannten, wohlhabenden und schließlich vertriebenen Familie half ihm nicht nur sein Metier als Journalist, sondern auch der in früheren Jahren ausgeübte Beruf eines evangelischen Pfarrers. Beide Arbeitsfelder gaben in unterschiedlicher Weise Zugang zu Begebenheiten, über die die Zeit hinweggegangen schien. Martin Graff ist es jedoch gelungen, die Lebenslinien dieser Familie nachzuzeichnen und mit den Mitteln der dokumentarischen Dramatik als Mundarthörspiel aufzubereiten.

Graff (Buch und Regie) zeigt in seinem rund 55 Minuten langen Stück „1918 Abschied“ das Schicksal einer Kaufmannsfamilie, die aus kleinen Anfängen ein florierendes Geschäft unweit des Straßburger Münsters aufbauen konnte. Der Gründer, schon in jungen Jahren zu Wohlstand gekommen, war Paul Siebler-Ferry. Mit 22 Jahren lernte er auf einer Kreuzfahrt die 18-jährige Amerikanerin May de Ferry kennen, auch sie aus wohlhabendem Elternhaus. Drei Jahre später heirateten die beiden in Genf und zogen alsbald nach Straßburg, um am Gutenbergplatz mit Blick auf das Münster ihr Geschäft mit eleganten Haushaltswaren zu eröffnen, das ältere Straßburger noch heute als „Schwobalada“ (Schwabenladen) kennen. 

Wirtschaftlicher Erfolg, zwei tüchtige Söhne und anhaltendes persönliches Glück prägten das Leben der Familie. Wie so viele andere konnten die Siebler-Ferrys sich nicht vorstellen, dass das Elsass jemals wieder französisch werden würde. Doch 1918 brachte mit dem Ende des Ersten Weltkriegs die Gewissheit: Das Elsass wurde zum französischen Département. Auch die Familie Siebler-Ferry hatte während des Krieges einen großen Verlust erlitten. Einer ihrer beiden Söhne war gefallen.

Die nachfolgenden Jahre waren die Zeit eines stetigen politischen und persönlich ökonomischen Zerfalls. Die „Schwaben“ waren im Elsass immer weniger gelitten. Den Anhängern Frankreichs als potenzielle Spione verdächtig, blieben sie nach eigenem Empfinden ihrer Heimat und ihrer finanziellen Existenz so verbunden, dass keine Alternative für sie zu erkennen war. Erst recht nicht, über den Rhein zu ziehen ins sogenannte „Reich“, in dem längst die Braunhemden herrschten.

In den Jahren der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht wurde das Elsass faktisch annektiert und zum „Gau Baden-Elsass“ erklärt. Der Untergang der Familie Siebler-Ferry begann. Der Vater war abgeschnitten von seinen geschäftlichen Möglichkeiten. Die Familie emotional ausgehöhlt durch den Verlust des Sohnes. Die Mutter, eine ebenso resolute wie mutige, aber auch empfindsame Frau, war schließlich aufgerieben vom Zwiespalt als Amerikanerin und Elsässerin. Oder Deutsche? Oder Französin? Als der Zweite Weltkrieg im Frühjahr 1945 endete, wurde das Elsass von amerikanischen Truppen befreit, begleitet von enormen politischen Turbulenzen, die auch den ehemals so schönen „Schwobalada“ nicht verschonten.

Die Jahre gingen ins Land. Straßburg wurde eine blühende Metropole, die internationale Politik fasste Fuß. Das Europäische Parlament, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und zahlreiche andere Institutionen zogen in moderne Gebäude, die Stadt an der Ill bekam ein gelegentlich fast mondän anmutendes Gesicht. Nur eines schwindet immer mehr: Das ist die elsässische Sprache mit ihrer charakteristischen Melodie und der gelegentlich etwas rau klingenden Phonetik. Aus den Städten hat sie sich weitgehend zurückgezogen und selbst auf dem Land wird sie immer seltener gesprochen. 

Demzufolge ist es schwierig, eine Besetzung für ein elsässisches Mundarthörspiel zu finden. Da Autor Martin Graff aber auch als Theaterregisseur tätig ist, konnte er auf Schauspieler zurückgreifen, die den Text umzusetzen wissen. Neben ihm, der den Gang der Handlung als Erzähler begleitet, sind es vor allem Volkmar Staub als Firmengründer Paul Siebler-Ferry und Arthur Gander als Freund der Familie. May Siebler-Ferry, die als gebürtige Amerikanerin zeitlebens ihren Akzent nicht verlor, wurde von Andrea M. Dewell gesprochen, deren Timbre für ihren Part zu jung klang, die dies aber durch Präsenz ausgleichen konnte. Alles in allem unter Berücksichtigung der Schwierigkeiten in diesem Bereich hatte das Stück also eine überzeugende Besetzung.

Damit zeigt sich einmal mehr der kreative Impetus des Südwestrundfunks (SWR), immer wieder – wie in diesem Fall im Programm SWR 4 Baden-Württemberg – auch Hörspiele in Mundarten aus dem Sendebereich zu präsentieren, teilweise über Landesgrenzen hinweg. Ein auch kulturpolitisch wichtiger Aspekt des öffentlich-rechtlichen Auftrags.

06.11.2018 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 1-2/2019

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