Dominik Busch: Das Gelübde (HR 2 Kultur)

Ein Plädoyer für Nächstenliebe

22.11.2017 • „Es gibt Dinge, über die man sich einigen kann – und wichtige Dinge.“ Nur den ersten Teil dieses Zitats vom Physiker Max Planck hat der 1979 geborene Schweizer Autor Dominik Busch seinem Hörspiel „Das Gelübde“ vorangestellt, einer Produktion des Hessischen Rundfunks (HR). Um die letzten drei Worte vervollständigt wird der Ausspruch erst gegen Ende des rund 55-minütigen Stücks. Und das aus gutem Grund. Denn gezeigt wird in dem Hörspiel der Selbstfindungsprozess eines Mannes, der vor seinem unmittelbaren sozialen Umfeld – also vor seiner Familie und seinen Freunden – eine schwerwiegende Entscheidung rechtfertigen muss. Obwohl er jenseits von sich selbst keine Akzeptanz für den Entschluss finden kann, steht er letztendlich doch zu seiner Absicht eines lebensverändernden Umbruchs und führt ihn gegen alle Widerstände auch tatsächlich herbei.

Der im Mittelpunkt der Handlung stehende Mann heißt Tim und ist von Beruf Arzt. Gesprochen wird er im Hörspiel vom Schauspieler Ole Lagerpusch, der seine Rolle sehr überzeugend ausfüllt und dem Hörer den für die Hauptfigur zentralen Gewissenskonflikt emotional nahebringt, ohne dabei in Gefühlsduselei zu verfallen. Die Situation von Tim stellt sich folgendermaßen dar: Er hat im westafrikanischen Staat Elfenbeinküste fünf Monate lang in einer „Centre d’Espoir“ („Zentrum der Hoffnung“) genannten Einrichtung medizinische Hilfe geleistet. Auf dem Weg zurück nach Europa überlebt er nur knapp einen Flugzeugabsturz. Kurz vor der Notlandung auf dem offenen Meer legt er ein Gelübde ab, im Fall seines Überlebens in das Hilfszentrum zurückzukehren und für den Rest seines Lebens dort zu arbeiten.

Das passt seinen Eltern gar nicht. Die Mutter (Dörte Lyssewski) verweist zum Beispiel auf ihre bei einer Auswanderung des Sohnes sinkenden Chancen, Enkelkinder zu bekommen und aufwachsen zu sehen. Der Vater (Michael Wittenborn) zeigt seine Verlustängste nicht ganz so offen und plädiert mehr oder weniger auf Unzurechnungsfähigkeit zum Zeitpunkt der Abgabe des Gelübdes: Aufgrund der außergewöhnlichen Umstände müsse sein Sohn sich nicht an sein waghalsiges Versprechen halten. Ähnliche Argumente hat sein bester Freund (Wanja Mues), der Tim außerdem darauf aufmerksam macht, dass auch er für Tims Freundin Sara (Lisa Hagmeister) Gefühle hat. Sollte Tim zurück nach Afrika gehen, wolle er, so der Freund, sich seinerseits um eine Beziehung mit ihr zu bemühen. Sara findet es unerträglich, sich ein Leben in der Elfenbeinküste, wo sie einmal zu Besuch war, vorzustellen und will deshalb Tim nicht dorthin begleiten, obwohl er sie darum bittet. Noch komplizierter macht die Gesamtlage ihre unverhoffte Schwangerschaft.

Weder für eine Zukunft mit Sara und einem gemeinsamen Kind noch aus Verpflichtungsgefühlen seinen Eltern gegenüber ist es Tim möglich, seine Entscheidung rückgängig zu machen. Aber weswegen? Gründe hierfür werden im Dialog zwischen Tim und einer Freundin (Meike Droste) angeführt. Sie vermutet religiöse Gründe und beglückwünscht ihn zu seinem mutigen Entschluss. Er widerspricht ihr jedoch hinsichtlich der Begründung und bezeichnet das Gelübde als eine Art eigenständige Instanz, der gegenüber er ein Versprechen abgegeben habe – Gott habe mit der Sache nichts zu tun.

Dieser unverbrüchliche Entschluss wird auch von materiellen Verlockungen – Tim winkt eine sichere Position als Chefarzt in einem deutschen Krankenhaus – nicht ins Wanken gebracht. Und so spielt die Abschlussszene in der Elfenbeinküste, wo sich Tim über die Ankunft einer lang erwarteten Wasserlieferung für das „Centre d’Espoir“ freut, gleichzeitig auf dem Handy die Nachricht von der Geburt seines Sohnes erhält und daraufhin in den Armen einer Krankenschwester zu weinen beginnt. Ein Nervenzusammenbruch als Entladung der im standfesten Arzt aufgestauten Gefühle – das kann man als Hörer am Ende dieses einfühlsamen Stücks gut nachvollziehen.

Zusammengehalten wird die Handlung vom Erzähler (Ingo Hülsmann), der einen von Szene zu Szene geleitet. Deren jeweils exakte Verortung, die gewährleistet, dass beim häufigen Szenenwechsel immer eine gute Orientierung möglich ist, besorgt mit seinen hochfrequenten Ansagen Thomas Krümmel. So kann, ohne Unübersichtlichkeit zu erzeugen, auch immer wieder in Rückblenden das Flugzeug zum Zeitpunkt des Absturzes als Ort des Geschehens aufgesucht werden. Musik wird nur äußerst zurückhaltend eingesetzt, hin und wieder hört man allerdings einen Chor (Sascha Nathan und Stefanie Kirsten) spirituell anmutende Lieder summen. Das Hörspiel „Das Gelübde“, bei dem Silke Hildebrandt die Regie führte, ist ein fantastisches Plädoyer für Nächstenliebe, das das mitunter große literarische Potenzial ethischer und moralischer Themen offenlegt.

22.11.2017 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 25-26/2017

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