Helmut Walbert: Bedingungen einer schönen Frau. Hörspiel in Kunstkopf-Stereophonie (SDR/SR/SWF)

Lebensbericht – rotierend

04.04.1979 •

„Peep Show“ heißt das neue Geschäft, das von den Metropolen ausgehend mittlerweile seinen Einzug in die Provinzstädte hält. Der „Spiegel“ hat sich vor kurzem dem Thema zu nähern versucht, das Samstagsfeuilleton der „Saarbrücker Zeitung“ (24.3.79) lässt sich das Stadt-Ereignis vier große Spalten kosten: „In der Zelle, auf die sich 15 Klappen-Glasaugen richten, bewegt sich in jeder der 720 Tagesminuten ein bloßliegender Frauenkörper einschlägig nach ebensolchen Rhythmen, die aus dem Lautsprecher träufeln. Er, der Körper, liegt auf einer Drehscheibe, die mit einem ‘Bärenfell’ bedeckt ist wie weiland fürs Baby-Foto. Die Drehscheibe ist bekannt aus der Waren-Präsentation von Konserven bis Autos. Hier nun ist die Ware Körper, sind es seine Bloßstellungen, Bloßlegungen. Bloß, wer eigentlich stellt wen bloß? Geben sich die Frauen mehr Blößen als sich die Männer nehmen, beziehungsweise kaufen?“

Helmut Walbert ließ sich mit seinem Kunstkopf-Stereo-Hörspiel, das einen eher irreführenden Titel trägt – „Bedingungen einer schönen Frau“ –, durch das Thema jedenfalls nicht aufs Glatteis führen. Er meidet das Sensationelle, gibt dem hämischen Voyeur (Auditeur) keine Chance und lässt die Bigotten abseits stehen; für sie ist dieses exzellente Monologhörspiel nicht geschrieben. Lore Brunner übernahm die schwierige Aufgabe, den Lebensbericht einer frag-würdigen Frauenexistenz, die ihr So-sein schließlich gegen alle Moralanfechtungen akzeptiert und verteidigt, zu interpretieren.

Die anonyme Frau, das Objekt der Schaulust, kämpft weniger, wie der Pressetext zu dem Stück glauben machen will, gegen die ungerechte Verteilung des Geldes, ist weniger der Anklage gegen ein die Frau ausbeutendes Patriarchat verpflichtet. Der Bericht ist weit mehr eine Identitätssuche; Menschenwürde und Selbstachtung sind nicht länger an das Wie des Gelderwerbs gekettet, sie können ebenso im Zustand unfreien Handelns, im  Netz der Abhängigkeit integraler Bestandteil der getretenen, ausgebeuteten Frau sein. In der Schlusssequenz ist auch in der Resignation Hoffen: „Ich weiß nicht, ob ich jemals etwas zustande bringe, was wirklich gut ist und das mit mir wirklich etwas zu tun hat“ – Existenzsuche einer „Elenden“, nicht einer „Prostituierten“.

Das rauchig-schnoddrige Timbre der Stimme fügt sich bestens in den unheroischen Bericht. Der Hörer kann es dabei Lore Brunner auch nachsehen, dass sie bei der Differenzierung von stimmhaftem und stimmlosem ‘s’ gewisse Probleme hat. Was soll’s? Sie überzeugte dennoch. Gut der dramaturgische Einfall Walberts, der Frauenstimme ein imaginäres männliches, nie sprechendes Du gegenüberzustellen (oder handelte es sich um die Aufspaltung der männlichen Existenz?)

Der Hörer fragt sich wiederholt nach dem Spielort: Ist der Peep-Show-Altar Zentrum der akustischen Präsentation? Vielleicht. Aber wie sind dann die musikalischen Wunschmelodien zu verstehen? Wer belauscht hier wen? Räumliche Unbestimmtheit, die reizvoll ist. Andererseits deutet das rituelle Klicken und Ticken der Sehschlitze auf den konkret definierbaren Handlungsort. Kreative Widersprüchlichkeiten, die rätseln lassen.

Die Kunstkopf-Realisation war meines Erachtens nur einmal, dort freilich zwingend, gegeben, als das Ausstellungsobjekt Frau zur Musik der Gruppe „Space“ sich räumlich-akustisch zu drehen begann. Das war von Hartmut Kirste glänzend in Szene gesetzt, wobei die Musik jedoch über die Kunstkopf-Technik immer noch triumphierte. Es ist stiller geworden um den Einsatz dieser seit 1973 serienmäßig verbreiteten Technik. Das ist kein Schaden, wenn man den „ausschließenden“ Charakter dieser Sendungen berücksichtigt. Dennoch ist der K-K-Rausch, auch in seiner „elitären“ Grundkonzeption, etwas Unvergleichliches, etwas ganz „Unkollektives“ gleichtzeitig, ein latenter Widerspruch zur „Massenkommunikation“. Auch das gute, sprachlich gekonnt strukturierte Walbert-Hörspiel gibt Anlass, hierüber gelassen einmal nachzudenken.

• Text aus Heft Nr. 14/1979 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

04.04.1979 – Christian Hörburger/FK