Lukas Holliger: Verfluchtes Gift (SRF 2 Kultur)

Zur Vollendung gebracht

12.07.2019 •

Mit der Ausstrahlung des Hörspielkrimis „Verfluchtes Gift“ kam nun die im Basel der 1980er Jahre spielende „Verflucht“-Trilogie des Schweizer Schriftstellers Lukas Holliger zu ihrem Abschluss. Begonnen hatten die Geschichten um die Figur des Ermittlers Heiner Glut 2017 mit dem Stück „Verfluchtes Licht“. Diese Produktion des öffentlich-rechtlichen Schweizer Rundfunks SRF, bei dem Holliger auch als Redaktor arbeitet, wurde bei den ARD-Hörspieltagen 2017 in Karlsruhe mit dem Publikumspreis ausgezeichnet (vgl. MK-Meldung).

2018 folgte mit „Verfluchte Hitze“ der zweite und jetzt mit „Verfluchtes Gift“ der letzte Teil der Trilogie. Allerdings muss man festhalten, dass Holliger selbst eine ganz andere Reihenfolge für die einzelnen Teile gewählt hat. Nicht das Erscheinungsdatum der Hörspiele bietet den entscheidenden Orientierungspunkt, sondern die chronologische Ordnung innerhalb der Krimi-Handlung: So kommt als erstes der 1983 spielende Krimi „Verfluchte Hitze“ (SRF 2018), danach die jetzige Neuproduktion „Verfluchtes Gift“ (SRF 2019), deren Handlung 1986 angesiedelt ist, und zuguterletzt eigentlich das Stück „Verfluchtes Licht“ (SRF 2017), das einen ins Jahr 1989 führt.

Aber egal ob man es nun als Mittelteil sieht oder in Anlehnung an einen Song- und Albumtitel der Babyshambles als „Sequel to the Prequel“: Das Hörstück „Verfluchtes Gift“ ist ein an Bezügen auf die anderen Teile der Trilogie reicher und gleichzeitig eigenständiger Beitrag zum Holliger-Universum. Das im Jahr des Reaktorunglücks von Tschernobyl spielende Stück beginnt nach einem kurzen Nachrichtenmedley aus zeitgenössischen O-Tönen über radioaktiven Fallout und ähnlichen Horror mit klassischer Verfolgungsjagd und Schießerei – zwei Polizisten gegen einen Drogendealer.

Allerdings findet die motorisierte Verbrecherjagd mit Schusswaffengebrauch in voller Fahrt bald nicht mehr auf dem Gebiet der Schweiz statt. Die beiden Kommissare Heiner Glut (Martin Engler) und Urs Zeller (Robert Dölle) verirren sich im Rausch der Geschwindigkeit nach Frankreich. Aufgrund der Grenzüberschreitung mit Schießerei finden sie sich dann aber in Handschellen auf der Wache der örtlichen Polizei wieder, wo sie einem blutüberströmten Schweizer begegnen. Der Baseler namens Jonas Schlecht hat einen Mord aus Eifersucht am Geliebten seiner Frau begangen und gibt damit den Anstoß für den weiteren Verlauf der Ereignisse.

Diese Ereignisse drehen sich um die Entsorgung von Giftmüll am Chemiestandort Basel. Die vor ihrem gewalttätigen Ehemann abgetauchte Maria Schlecht (Liliane Amuat) ist Umweltaktivistin und hat für eine Anti-AKW-Aktion gelbe Fässer organisiert. Allerdings sind die Fässer mit toxischen Rückständen von einer Deponie verunreinigt. Und nicht nur Maria Schlecht, sondern auch Kommissar Heiner Glut kommt in Berührung mit den gesundheitsschädlichen Stoffen. Seine Karriere beendet Glut im versehentlich herbeigeführten LSD-Rausch, in dem er seinem Chef den Ringfinger abschießt. „Verflucht“ ist übrigens kein wertender Bestandteil der Titelgebung des Stück, sondern ergibt gibt sich aus dem Umstand, dass es sich bei dem Ausruf um so etwas wie die Catchphrase von Kommissar Glut handelt.

Der von Mark Ginzler inszenierte Krimi ist sehr temporeich. Die Dialoge sind so schnell und immersiv, dass man den Figuren seine ganze Aufmerksamkeit widmen muss, auch weil man ansonsten den Faden verlieren würde, denn es wird keine Zeit mit langen Spielereien bei den Szenenübergängen verplempert. Die in düsteren Bassklängen pulsierende Musik (Andreas Bernhard) ist eng verwoben mit der Handlung und fügt sich mal unterschwellig, mal auffällig in das bedrohliche Gesamtszenario des Hörspiels ein. Diesem spielen auch die überdimensionalen Soundeffekte zu (Tom Willen).

Ansprechend wirkt die Präsentationsform des Hörspiels. Die Veröffentlichung erfolgte vor der Radiopremiere im Programm SRF 2 Kultur bereits online als Podcast. Dabei wurde das Stück nicht ‘nackt’ gesendet, sondern von Susanne Janson und Wolfram Höll locker und niveauvoll, informativ und spannungsfördernd an- und abmoderiert. Außerdem gibt es als Zugabe noch eine extra Podcast-Folge mit Bonusszenen zu „Verfluchtes Gift“, in denen einzelne Erzählstränge hintergründig weiterverfolgt werden.

„Verfluchtes Gift“ weicht wie alle Teile der „Verflucht“-Trilogie in seiner Machart deutlich von Hörkrimikonventionen ab. Das Stück verbindet ein Film-noir-Gefühl mit der Präsentation anspruchsvoller zeithistorischer Recherchen im populären Krimiformat. Lukas Holliger – dessen Stück „Menschliches Versagen“ (SRF/SWR) für den Hörspielpreis der Kriegsblinden nominiert war – hat mit seiner jüngsten Produktion eine ausgeklügelt angelegte Krimireihe zur Vollendung gebracht, die mit ihren Zeitsprüngen aber auch die Möglichkeit für eine Weiterführung bieten würde.

12.07.2019 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 20-21/2019

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