Naema Gabriel: Bei Trost (HR 2 Kultur)

Self-Empowerment

07.11.2018 • Bei einer bipolaren Störung wechseln sich manische und depressive Episoden ab. Wie bei einer sprichwörtlichen Berg- und Talfahrt. Im Hörspiel „Bei Trost“ von Naema Gabriel wird mit dieser sinnbildlichen Durchquerung hügeligen Geländes das Krankheitsbild beschrieben. Außerdem findet die Berg- und Talfahrt auch immer wieder praktische Umsetzung in Form halsbrecherischer Mutter-Tochter-Spritztouren mit dem Auto, wobei der Motor ausgeschaltet ist, wenn die Straße abfällt. Und das Licht, wenn es Nacht ist.

Die Geschichte des Stücks dreht sich um das Aufwachsen eines Mädchens namens Mo bei seiner bipolaren Mutter, die abgesehen von der Unterstützung durch ihre beiden Schwestern, Mos Tanten, alleinerziehend ist. In dem Hörspiel kommt die Form einer Coming-of-Age-Story zum Einsatz, die im rasanten Zeitraffertempo vom Leben Mos erzählt. Die Hauptfigur Mo, die zugleich auch als Erzählerin fungiert, wird von der Schauspielerin Laura Maire gesprochen. Die Rolle von Mos Mutter spricht Nina Petri.

Das knapp einstündige Stück „Bei Trost“ wurde vom Hessischen Rundfunk (HR) produziert und ist die Hörfunkadaption von Naema Gabriels autobiografisch inspirierter Graphic Novel „Sinus“. Inszeniert hat das Hörspiel Bernadette Sonnenbichler. Die Radioarbeit (Redaktion: Cordula Huth) war kurz vor ihrer Ursendung am 14. Oktober im Programm HR 2 Kultur bereits als Podcast verfügbar.

Mit einem knapp verhinderten Suizid setzt die Geschichte ein. Die mit Mo schwangere Mutter steht an einer Bahnsteigkante und springt nur deshalb nicht auf die Gleise, weil ihr, kurz bevor der Zug einfährt, die noch ungeborene Mo von innen gegen den Bauch tritt – die Rettung, quasi eine aus der Perspektive von Mo rückblickend erzählte Heldengeschichte. Mos ironischer Tonfall deutet die beinahe mythologische Überhöhung der Tochter, also ihrer selbst, durch die Mutter an, wie sie sich im Spitznamen „Engelchen“ zeigt.

Der Grad der mütterlichen Fürsorglichkeit ist ebenfalls einem ständigen Auf und Ab unterworfen. Deshalb springen die grundsätzlich mit einer Stimme sprechenden Tanten – wunderbar echomäßig gesprochen von Claudia Hübbecker – von Zeit zu Zeit ein. So wird die mittlerweile im Schulalter befindliche Mo zum Beispiel einmal von ihrer Mutter auf einer spontanen Reise nach Linz in einem Hotel vergessen, worauf die Tanten herbeitelefoniert werden müssen, um das Zimmer zu bezahlen und Mos (übrigens namenlos bleibende) Mutter wieder ausfindig zu machen. All das tun die Tanten, weil sie in der „Pro-Anti-Psychiatriebewegung“ sind, wie Mo sich ausdrückt, und sich für eine ambulante Medikation ihrer Schwester mit Psychopharmaka aussprechen.

Ob auch bei ihr eine Therapie mit Tabletten erforderlich sein wird, diese Frage stellt sich die Protagonistin Mo, als sie im Teenager-Alter angekommen ist. Im folgenden Verlauf des Hörspiels baut Mo dann allmählich ein gesundes Selbstbewusstsein auf, lernt mit der potenziell vererbten Krankheit umzugehen und emanzipiert sich von ihrer Mutter. Doch erst nach einem waghalsigen Initiationsritual, bei dem Mo von ihrer Mutter lernt, mit dem Auto am Berg anzufahren, um dann von der Spitze ab lautlos wie ein Segelflugzeug und nur mit Hilfe der Schwerkraft das abfallende Gelände zu nutzen. Das Stück endet mit einem Auto-Ausflug der erwachsenen Mo nach Süden, bei dem sie einen Englisch sprechenden Tramper aufliest. Der fragt sie, veranlasst durch ihren Fahrstil, ob sie verrückt sei. Ihre Antwort: „No. I am just completely bei Trost.“

„Bei Trost“ ist ein liebevoll gemachtes und düster humorvolles Self-Empowerment-Hörspiel, das zur ohnehin weit fortgeschrittenen Enttabuisierung psychischer Erkrankungen beiträgt. Man empfindet Empathie für Mo – die man wohl als Alter Ego der Autorin bezeichnen kann – auf ihrem schwierigen Weg zur Erwachsenen. Aber dafür bleiben auch alle anderen Figuren des Stücks skizzenhaft. Und in welchen gesellschaftlichen Zusammenhang man die sehr persönlich gehaltene Geschichte von „Bei Trost“ stellen könnte, dazu liefert das Hörspiel leider keine Hinweise.

Aber vielleicht muss das Stück auch gar nicht solche großen Fragen beantworten. Es konzentriert sich dafür auf die schlussendliche Moral, dass man alle Hürden des Lebenswegs überwinden kann. Und klangtechnisch ist die Produktion auch sehr ausgefallen, sie schwankt zwischen immersiv-illusionistisch und comic-haft. Die einem akustischen Roadmovie mehr als angemessene, treibende Hörspielmusik hat Tobias Vethake komponiert. Alles in allem ist „Bei Trost“ ein Stück, das, ja, sehr lieb ist – zu seiner Hauptfigur wie auch zum Publikum, das sich auf eine Art happy ending freuen kann.

07.11.2018 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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