Wassily Kandinsky: Klänge (Bayern 2)

Was will man mehr?

23.01.2015 •

Spätestens seit der Aufstellung perspektivischer Gesetzmäßigkeiten durch Leonardo da Vinci zu Beginn des 16. Jahrhunderts strebte die Malerei nur in eine Richtung: hin zu einer möglichst naturgetreuen, fotorealistischen Imitation der Wirklichkeit. Das änderte sich mit den Impressionisten. Mit schnellem Pinselstrich und unter Verzicht auf Konturen wollten sie den Eindruck festhalten, den natürliche Lichtspiele zu bestimmten Tageszeiten in ihnen hervorriefen. Noch einen Schritt weiter gingen Anfang des 20. Jahrhunderts die Expressionisten. Ihre Formensprache lehnte sich noch an die Wirklichkeit an, war aber vor allem Mittel zum Ausdruck der inneren Empfindungen.

Ein prägender Künstler des Expressionismus war der in Moskau geborene Wassily Kandinsky (1866 bis 1944), der gemeinsam mit Franz Marc (1880 bis 1916) die Münchner Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“ gründete. Kandinsky gilt zudem als Begründer der abstrakten Malerei, die sich ganz von weltlicher Gegenständlichkeit entfernte. Er eröffnete jedoch nicht nur der Bildenden Kunst neue Wege, sondern war auch einer der ersten interdisziplinären Künstler. 1913 erschien im Piper-Verlag (München) in einer Auflage von 345 Exemplaren sein als „musikalisches Album“ konzipiertes Buch „Klänge“. Darin sind 38 Prosagedichte, 12 farbige und 44 schwarz-weiße Holzschnitte abgedruckt. Mit seinem grenzgängerischen Werk zwischen Literatur und Malerei wollte Kandinsky gemäß seinem synästhetisch geprägten Kunstverständnis nicht weniger als – der Titel deutet es bereits an – Klänge erzeugen.

Die Redaktion ‘Hörspiel- und Medienkunst’ des Programms Bayern 2 hat nun, mehr als hundert Jahre nach der Veröffentlichung von „Klänge“, mit dem Hörspielregisseur Karl Bruckmaier und insgesamt elf renommierten Musikern verschiedener Stilrichtungen den ersten Teil einer zweiteiligen Radiofassung von „Klänge“ produziert und am 16. Januar urgesendet. Die beteiligten Musiker sind aus Deutschland Jeff Beer, Lydia Daher, Saam Schlamminger, Antye Greie und Federico Sanchez, aus den USA Emily Manzo, Glenn Jones, David Grubbs und Wrekmeister Harmonies, aus Großbritannien Chris Cutler und aus Frankreich Sophia Domancich.

Die Entstehungsweise dieses musikalisch-lyrischen Hörspiels muss man sich so denken, dass Bruckmaier die von ihm ausgewählten Musiker bat, eines oder gleich mehrere der 20 Prosagedichte dieses ersten Teils musikalisch zu interpretieren. Dabei wurden entweder bereits in den Studios des Bayerischen Rundfunks (BR) eingesprochene Tonspuren der Gedichte – unverändert oder auch verfremdet – instrumentell und elektroakustisch begleitet oder die Texte wurden von den Musikern selbst als Lyrics der von ihnen komponierten und eingespielten Stücke im Sprechgesang vorgetragen.

Bestechend ist neben dem Formenreichtum der zu Gehör gebrachten Interpretationen Bruckmaiers gelungener Versuch, die Gedichte dramaturgisch ‘sinnvoll’ anzuordnen. Beispielhaft dafür steht der Beginn des 66-minütigen Hörspiels mit dem Prosagedicht „Vorhang“, in dem Jeff Beer die vortragende Kathrin von Steinburg trommelnd begleitet. Hier wird die gespannte Erwartungshaltung eines Theaterpublikums auf die kommende Vorführung beschrieben – ein prima Auftakt. (Im Buch von Kandinsky steht Vorhang an 23. Stelle.)

Besonders eindrücklich ist das voller Farbbenennungen steckende, erzählende Gedicht „Wasser“ (18. Stück im „Klänge“-Buch, im Hörspiel an 13. Stelle), in dem die ruhige Stimme von Gudrun Gut die Spannung der Mini-Story effektvoll steigert. Es geht um einen Mann, der in einer enger werdenden Schlucht, einer Art Einbahnstraße, zahlreiche Gefahren bestehen muss und an ihnen im wahren Sinne des Wortes wächst. Gudrun Guts Stimme verschmilzt hier mit Antye Greies elektronischer Musik, deren Geräusche teilweise an ein Tier mit Krallen, das an einer Tür kratzt, oder an Glasmurmeln, die auf steinerne Gehwegplatten fallen, erinnern, zu einer ausdrucksstarken synthetischen Einheit.

Auch die anderen Gedichtinterpretationen kann man ohne zu übertreiben als äußerst gelungen bezeichnen. Angenehm beim Hören ist nicht zuletzt die Zwanglosigkeit der gesamten Umsetzung. So lässt sich sagen, dass das gesamte Projekt eine großartige Idee ist, die dazu noch hervorragend umgesetzt wurde – was will man mehr? Der erste Teil von „Klänge“, der als in sich abgeschlossenes Stück gehört werden kann, steht im „Hörspielpool“ von Bayern 2 weiterhin als Download zur Verfügung. Auf der Website des Senders finden sich auch die empfehlenswerten sendungsbegleitenden Gespräche von Christine Grimm (BR) mit der Kunsthistorikerin Cara Schweitzer und mit Hörspielregisseur Karl Bruckmaier. Am 3. Juli wird der zweite Teil von „Klänge“ auf Bayern 2 urgesendet.

23.01.2015 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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