Walter Serner: Die Tigerin (Bayern 2)

Die Magie der Kälte

07.08.2015 •

08.08.2015 • Das Programmheft der Abteilung Hörspiel und Medienkunst des Bayerischen Rundfunks (BR) illustriert den Hinweis auf die Produktion „Die Tigerin“ mit einem Foto des Autors. Darauf ist in einer Aufnahme, wohl aus den früheren 1920er Jahren, ein schlanker, noch eher junger Mann zu sehen, der sorgfältig mit Vatermörder, Plastron und exakt sitzendem Strohhut gekleidet und spielerisch auf ein dünnes Stöckchen gestützt ist. Er wirkt dandyhaft – von oben bis unten, obwohl nicht bis ganz nach unten: Die damals schon modischen Budapester sind reichlich staubig und verschmutzt. Bei dem Mann handelt sich um Walter Serner, 1889 in Karlsbad (Böhmen) geboren.

Dieser Walter Serner ist als Autor heute so gut wie vergessen, wenn auch nicht als Namensgeber des gleichnamigen Kurzgeschichten-Preises. Auch in den zwanziger Jahren war Serner eher in kleineren Kreisen bekannt. Als Jurist mit zweifelhafter Promotion, als rühriges Mitglied der Züricher und Genfer Anarchisten-Szene und dann als Möchtegern-­Lebemann im Pariser Milieu der kleinen Gangster und Zuhälter war er ein bekannter Gast in den einschlägigen Etablissements und galt als Enfant terrible.

Von den Nationalsozialisten wurde Walter Serner später wegen seiner jüdischen Abstammung verfolgt, weswegen er sich verzweifelt um eine Schiffspassage nach Shanghai bemühte. Dort wurden noch 1942 jüdische Emigranten aufgenommen. In dem Jahr wurde Serner in Prag, wo er seit 1938 lebte, von den Nazis aufgegriffen und zuerst nach Theresienstadt und kurz darauf in ein Lager bei Minsk deportiert. Dort verliert sich, noch im Jahr 1942, seine Spur.

Serners Oeuvre ist nicht groß. In Dada-Kreisen kannte man ihn als Verfasser von Manifesten, als Herausgeber literarischer Zeitschriften und als unruhigen Reisenden. Er verfasste nur wenige Erzählungen und schrieb nur einen einzigen Roman: „Die Tigerin“. Er erschien 1925 und ist 1998 im Salzburger Residenz-Verlag neu aufgelegt worden. Der Roman gilt als intimes Zeugnis der Pariser „Demimonde“, die – ebenso wie die Berliner „Halbwelt“ – sich selbst feierte als Welt der illusionslosen Kälte dort, wo sich Gefühl nur als Berechnung und Liebe nur in Phrasen äußert. Dass diese Haltung in sich nur Phrase und Pose ist, wissen wir inzwischen, und doch taucht sie immer wieder als angebliches Lebens‘gefühl’ auf, modisch gewandet und leichte Beute pseudophilosophischer Menschenbetrachter.

Immerhin: die Demimonde und die Magie der Kälte haben ihre Faszination. Im Jahr 1999 entstand unter der Bearbeitung und Regie von Klaus Buhlert das Hörspiel „Die Tigerin“ mit Corinna Harfouch in der Rolle der Protagonistin (vgl. Kritik in FK 41/99). Im September 2013 fand im Wiener Burgtheater (Vestibül) die Premiere von „Die Tigerin“ statt.

Nun hat Leopold von Verschuer, seinerseits ein erfahrener Bearbeiter, Regisseur und Schauspieler, diesen Stoff erneut aufgegriffen. Er hat einen Mikrokosmos der Pariser Bars und schummrigen Etablissements, der kleinen Diebe und Verbrecher, der Zuhälter und Federboa-bewehrten kleinen Nutten mit akustischer Raffinesse gezaubert. Serner geht sprachlich häufig mit kurzen, fast kabarettistischen Balanceakten vor: „Beim Aufbruch standen acht leere Champagnerflaschen auf dem Tisch, Flinsparker fast Freudentränen in den Augen und Laugier und Watt-Wayler der Verstand still.“ Ähnlich spielerisch choreographiert Verschuer als Bearbeiter wie als Regisseur die Szenerie. Einen einzelnen Erzähler verschmäht er. Verschuer richtet unterschiedliche erzählerische Perspektiven so ein, dass die handelnden Personen unversehens, aber doch einer immanenten Logik folgend, erzählerisch kommentieren, kurz: ironisch, frech und kühl und sozusagen mit Fischaugen auf das Geschehen starren.

Doch das „Geschehen“ hätte für einen „roman à quatre sous“, eine Art Heftchenroman, ausgereicht: Fec (kleiner Zuhälter) und Bichette (kleine Nutte), schwärmerisch als „Tigerin“ bezeichnet, sträuben sich gegen die Liebe. Aber was soll sein: Amor vincit omnia, amour foux oder falling in love, wie es so treffend im Englischen heißt? Und während sie da fallen, tut sich Ungemach auf. Jemand greift zur Pistole, will Bichette erschießen, trifft aber leider den unglücklichen Fec. „Ob ich ihn geliebt habe“, fragt sich Bichette am Ende des Romans. „O Gott, wenn ich das nur wüsste!“ Eine „Selbstinszenierung“, von der in der (spärlichen) Sekundärliteratur die Rede ist, kann man das eigentlich nicht nennen. Eher folgt die Narration der Ästhetik des Grand Guignol, was keineswegs nur ein Holzpuppentheater, sondern ein in Frankreich sehr beliebtes Genre war und gelegentlich auch noch ist.

Auch Leopold von Verschuer scheut in der Hörspielbearbeitung nicht vor theatralischen Überzeichnungen zurück und besetzt die Rollen treffsicher mit Anne Ratte-Polle (Bichette), Jan Uplegger (Fec) und Severin von Hoensbroech (einer der Erzähler) und anderen Schauspielern, die sich in dieses aufgekratzte Spiel der „Demimonde“ mit Schwung und „sans gène“ stürzen. Sicher ist Serners Spiel mit Jargon, Argot und Fantasiesprache („Schlaß ist das. Absolut Schlaß“) eine amüsante Begegnung. Aber auf gewichtigere Werke dieser auch literarisch ergiebigen und turbulenten Epoche dürfen wir uns noch freuen.

07.08.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK