Nirgendwo sonst: Die 11. Hörspieltagung im niederösterreichischen Neulengbach

12.06.2015 •

Ein blühender Garten, duftende Rosen und ein großer Stapel Wolldecken (die „Kalte Sophie“ ließ grüßen) empfingen die rund 50 Hörspielmacher, die wieder oder zum ersten Mal der Einladung des Verbandes der Dramatiker und Dramatikerinnen Österreichs gefolgt waren. In der niederösterreichischen Stadtgemeinde Neulengbach im Ortsteil Berging kamen vom 13. bis zum 17. Mai alle, die den teils weiten Weg in den Wienerwald nicht gescheut hatten, in den Genuss einer professionellen Begegnung, wie es sie für den Hörspielbereich in dieser Form derzeit nirgendwo sonst gibt. Tagungsteilnehmer waren in der Mehrzahl Autoren, aber auch Regisseure, Komponisten und Kritiker, dazu Redakteure und Dramaturgen aus den ARD-Anstalten, vom Schweizerischen Rundfunk SRF und vom Österreichischen Rundfunk (ORF).

In diesem elften Jahr wurde eine Neuerung eingeführt, die sich als äußerst anregend erwies: Eingeladen waren erstmals auch Studierende mit eigenen Realisationen, darunter drei Studentinnen des Instituts für Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst in Wien bzw. der Bauhaus-Universität Weimar. Spiritus rector dieser Produktionen war der Dramatiker und Dozent Robert Woelfl, der in diesem Jahr zum vierten Mal die Tagung wieder souverän und kenntnisreich leitete. Besonders gefiel von den Nachwuchsarbeiten „Random Dudette“ von Anna-Sophie Fritz, ein „Graphic Hörspiel“, eine Mischung aus Text und Illustration, witzig, lustig und scharfsinnig – und noch auf der Suche nach einem Platz im Medienkarussell. Die Arbeiten der Studierenden wurden vom Plenum der Profis begeistert aufgenommen und erhielten als gemeinschaftliche Anerkennung die (undotierte) Auszeichnung mit dem Phantasienamen „Szlabbesz“.

Bis zu diesen teils radikalen, teils lakonischen, aber auch amüsanten Beiträgen der Generation der Zwanzigjährigen war schon die Mehrzahl der insgesamt 28 eingereichten Beiträge von maximal 65 Minuten gehört worden, fünf Lesungen aus unveröffentlichten Texten eingeschlossen. Gleich zu Beginn der Tagung wurde Robert Schoen, einer der produktivsten Hörspielmacher, für sein Stück „Ein verrauchtes Idyll“ ausgezeichnet, eine teils skurrile, teils anrührende und lakonisch-witzige Produktion, entstanden im Auftrag des Hessischen Rundfunks (HR). Diese Arbeit wirkte ungleich überzeugender als das ebenfalls ausgezeichnete schweizerische Hörspiel „Die Napoleon Bonapartefrau“ (SRF), eine reichlich gewollte und von vielen als eher banal empfundene Politsatire.

Gehören Bearbeitungen hierher?

Zwei Texte britischer Autoren stießen am zweiten Tag auf großes Interesse. Das nach einem Roman von Mark Watson entstandene Hörspiel „Elf Leben“ (NDR), bearbeitet und inszeniert von Irene Schuck, wagte sich an die Komprimierung eines fast 300-seitigen Romans auf 65 Hörspielminuten (vgl. MK 10/15). Einmal mehr folgte hier eine heftig geführte Diskussion über die Frage, ob Bearbeitungen überhaupt auf diese Tagung gehörten – als wären nicht gerade Bearbeitungen fast ebenso häufig wie Originalhörspiele in den Programmen der Sender zu finden. So war dies durchaus auch ein Streit um Kaisers Bart.

Als starkes Originalhörspiel erwies sich das von John Burnside für den SWR geschriebene Stück „Der Baucan“ in der Inszenierung von Klaus Buhlert. Dieser Produktion mit hochliterarischen Variationen über die schottische Sagengestalt des Baucan, einer polymorphen Metapher des Seins, wurde zwar lebhaft akklamiert, der Preis jedoch wurde dem Stück seltsamerweise nicht zugesprochen. Capriccios von Astrid Litfaß mit dem enigmatisch anmutenden Titel „Aus dem Leben der Nacktmulle“ (RBB) fesselten noch spät die Aufmerksamkeit des Plenums. Es sind eher leise, mit feiner Feder geführte und auf unaufdringliche Weise elegante Texte, aus denen die Regisseurin Andrea Getto eine klare, ziselierte Szenenfolge schuf. Einzig die Musikauswahl stieß nicht auf ungeteilte Zustimmung, was aber das Plenum nicht von der Vergabe eines „Szlabbesz“ abhielt.

Temperamentvoll kontrovers diskutiert wurde „Manifest 44“ (ORF) von Michaela Falkner. Die seit ihrer Promotion auch wissenschaftlich auf dem Gebiet der politischen Psychologie tätige Autorin schreibt politische Texte von fundamentaler Kraft. Die Ästhetik der Radikalität führt sie auch in ihren Inszenierungen fort, was ihr ebenso Kritik wie Anerkennung eintrug (und ihr den diesjährigen „Preis der österreichischen Kritik“ beschert hatte). Trotz mancher Einwände setzte sich auch hier die Preisvergabe durch.

Einmütig hingegen wurde das Stück „Aller Seelen“ (ORF/HR) von Werner Fritsch ausgezeichnet. Ein eindringlicher, engagierter und gleichzeitig poetischer Text, der auf einem – sehr erfolgreich gespielten – Theaterstück basiert. Fritsch zeigt hier (wie in all seinen Werken mit Rückgriffen auf seine eigene Familiengeschichte), wie sich eine gewachsene ländliche Gemeinschaft unter dem politischen Druck der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs in feindliche Lager spaltet. Nachbarn werden zu Todfeinden, keiner bleibt unschuldig, Lieben und Hoffen gehen verloren. Dem Regisseur Götz Fritsch gelang es, große Menschendarsteller des Wiener Burgtheaters für seine Inszenierung zu gewinnen, der die Musik von Peter Kaizar zusätzliche Intensität verleiht. Obwohl bereits vielfach mit deutschen und internationalen Preisen ausgezeichnet, war die Freude des in Neulengbach anwesenden Autors über den neuerlichen Preis nicht zu übersehen.

Die Vielfalt des Genres zeigte sich auf dieser Hörspieltagung, die insbesondere durch die finanzielle Unterstützung der Literar-Mechana (der österreichischen Verwertungsgesellschaft, in etwa der deutschen VG Wort entsprechend) ermöglicht wird, wieder einmal in panoramischer Breite. Diskussionen, Streitge­spräche und Anregungen fielen auf fruchtbaren Boden.

12.06.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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