Petra Höfer/Freddie Röckenhaus: Deutschland von oben. 3-teilige Dokumentation. Reihe „Terra X“ (ZDF)

Grenzenlose Freiheit

Deutschland ist ‘in’. Bei der heimischen Fußball-Weltmeisterschaft vor vier Jahren zeigten zahlreiche Menschen Flagge. Man macht hierzulande Urlaub und trinkt auch wieder deutschen Wein (fehlt nur noch, dass man statt „Harry Potter“ wieder „Faust“ liest). Da passt es wie der ZDF-Doppelfinger aufs Auge, wenn der Sender seine Zuschauer am Sonntag zur besten Sendezeit einlädt, Germanien auch aus der Luft zu erkunden. Drei kurzweilige 45-minütige Filme, ausgestrahlt im Rahmen des populären Wissenschaftsformats „Terra X“, präsentierten spektakuläre Luftaufnahmen, zum Teil im wahren Sinn aus der Vogelperspektive. Mit spielerischer Leichtigkeit, nach den Kriterien „Stadt“, „Land“, „Fluss“ geordnet, kreisten die einzelnen Teile um die Historie der Stadtentwicklung und die Struktur der Landwirtschaft, bis es schließlich im dritten Film um das Verkehrswesen der Flüsse und die Energiewirtschaft ging.

Als Heimatkunde mit Aha-Effekt und ästhetischen Mehrwert könnte man diesen Dreiteiler bezeichnen. Die zum Teil atemberaubenden Luftaufnahmen sind dabei jeweils sinnvoll eingebettet in kurz angerissene Geschichten über steinzeitliche Siedlungsformen oder die Routen der Zugvögel. Die Kamera erhebt sich also niemals grundlos in die Lüfte. Dabei erreichten die einzelnen thematischen Blöcke zum Teil den Charme der beliebten Pädagogik-„Sendung mit der Maus“. Dem Infotainment-Konzept von „Terra X“ geschuldet, gingen die vogelperspektivischen Erklärungen dabei aber nie in eine hier und da vielleicht wünschenswerte Tiefe. So machen die ‘Überflieger’ im ersten Teil auf faszinierende Weise deutlich, dass zum Beispiel in der heutigen Straßenführung von Regensburg noch immer das einstige Römerlager erkennbar ist. Doch der Sprung zum nächsten Thema ist manchmal hart. In der dritten Folge kommt es beispielsweise zum abrupten Wechsel von der Beobachtung des Elbsandsteingebirges zu einer Passage über den Hamburger Hafen.

Beim Anschauen, wenn man sich dem Fluss der in HD-Technik gedrehten Bilder hingibt, wirkt es allerdings nicht so, als würden zwischen den einzelnen Unterkapiteln Brüche bestehen. Gefühlte Kontinuität bei dieser rasanten Flugreise durch den deutschen Luftraum entsteht durch die Musikuntermalung. Wagnerianische Klänge wie aus Hollywood-Monumentalfilmen verleihen den majestätischen Ansichten von Zugspitze oder Schloss Neuschwanstein eine Rasanz und Dynamik, die man bei Geografie-Dokumentationen so nicht kennt (die bombastische Musik geht einem jedoch spätestens im dritten Teil ein wenig auch auf die Nerven). Überaus gelungen ist zudem das Konzept der computeraminierten GPS-Daten, welche die Ruten der Taxis auf dem Oktoberfest oder den Weg der Zugvögel zu beeindruckenden visuellen Mustern verarbeiten.

„Deutschland von oben“ ist modernes Fernsehen im besten Sinn. Der Dreiteiler präsentiert nicht einfach nur schöne Luftaufnahmen. Motiviert ist der Blick von oben durch den Drang, dem Betrachter durch die privilegierte Perspektive spezifische Informationen zu erschließen. So entsteht ein ungewöhnlicher Themencocktail, bei dem Archäologen, Ornithologen und Stadtforscher Interessantes berichten, wobei ein dicht gewobener Off-Kommentar den Zuschauer an die Hand nimmt. Die Steuerung des Energienetzes und die Reparatur einer Hochspannungsleitung vom Hubschrauber aus – das hat man bisher ebenso wenig gesehen wie das sommerliche Gedränge auf dem 2700 Meter hohen Gipfel des Watzmanns.

Zu all den kleinen Problemen da unten entsteht dabei eine buchstäblich luftige Distanz. Über den Wolken muss die Freiheit grenzenlos sein – dieses Reinhard-Meysche Gefühl vermittelt der Filmzyklus von Petra Höfer und Freddie Röckenhaus. Mehrfach befindet sich unsere Fernsehcouch plötzlich auf den Schwingen eines über die Alpen dahingleitenden Adlers: „Für diese Aufnahmen trägt Sky“ – so der Name des zahmen Tieres – „klaglos einen kleinen Rucksack mit Kamera, die ihm über die Schulter schaut.“

Irgendwann aber – nachdem wir zum x-ten Mal via Google-Earth-Zoom aus dem Orbit in welche Stadt auch immer hinuntergeschwebt sind – bricht sich dann auch schon für einige Momente ein zerstreutes Dahindämmern Bahn. „Deutschland von oben“ ist irgendwie so gut gemacht, dass dieser Dreiteiler gelegentlich an einen Werbefilm für Deutschland erinnert. Da werden zwar hier und da „Probleme“ angerissen – aber es hakt nie wirklich. Kann es vielleicht sein, dass einem solchen Vogelperspektivenfilm – um im Bild zu bleiben – ein wenig die Bodenhaftung fehlt? Diese kleine Anmerkung muss gestattet sein. Ansonsten haben Petra Höfer und Freddie Röckenhaus wieder einmal eine imponierende Produktion abgeliefert, was sich nicht zuletzt in der außergewöhnlich großen Publikumsresonanz wiederspiegelte (vgl. Kasten). Die beiden Autoren haben beispielsweise auch in ihrer dreiteiligen Dokumentation „Expedition ins Gehirn“ über Asperger-Autisten (vgl. FK-Heft Nr. 12/06) und in ihrem Zweiteiler „Das Imperium der Viren“ (mit Francesca D’Amicis; vgl. FK-Heft Nr. 20/09) gezeigt, dass sie große Spezialisten sind, die wissenschaftliche Themen kurzweilig, spannend, ästhetisch ansprechend und dabei auch hintergründig vermitteln können.

• Text aus Heft Nr. 23/2010 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

11.06.2010 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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