Kai Christiansen: Starfighter – Mit Hightech in den Tod (Arte) 

Aufarbeitung einer Skandalgeschichte

23.04.2010 •

Die Bilder und der Begriff, die dem Film „Starfighter – Mit Hightech in den Tod“ zugrunde liegen, stammen aus einer anderen Zeit, denn der schnittige einsitzige Düsenjäger, der schneller als der Schall flog, galt einst als Symbol der Komplexität des Fortschritts. Auf der einen Seite war die Maschine auch ästhetisch von großem Reiz, was besonders bei Filmaufnahmen vom Flug der F‑104 Starfighter immer wieder zu sehen war. Etwa wenn die Maschinen im Formationsflug gezeigt wurden und dann seitlich wegtauchten. Oder wenn sie in kürzester Zeit beschleunigten und mit ihren Kondensstreifen Zeichen in den Himmel schrieben. Oder auch einfach, wenn sich ihre Stummelflügel im Sonnenlicht spiegelten. Auf der anderen Seite stand der Starfighter für die Hybris einer überzüchteten Zukunftstechnik, denn kein Militärflugzeug stürzte in Deutschland und Europa häufiger ab als diese Düsenjäger, kein militärischer Gegenstand wurde heftigerer Kritik unterzogen. Die Anschaffung des Jets in hoher Stückzahl steht bis heute im Ruf, Teil eines großen Deals gewesen zu sein, an dem manche Politiker partizipiert haben könnten.

Die ersten Maschinen des vom US-Flugzeugkonzern Lockheed gebauten Starfighters wurden 1962 an die Luftwaffe der Bundeswehr ausgeliefert, 1991 startete letztmalig eine Maschine dieses Typs zu einem Dienstflug über das Gebiet der Bundesrepublik. Kai Christiansen kommt das Verdienst zu, die Geschichte dieses Flugzeugs in Deutschland in einem abendfüllenden Dokumentarfilm untersucht zu haben (Produktion: Lichtfilm). Es ist eine Geschichte, die zugleich die Geschichte eines großen Skandals ist. Denn jede sechste der insgesamt 970 Maschinen stürzte ab. 116 deutsche Piloten starben bei diesen Abstürzen, bei denen manches Mal am Boden weitere zivile Opfer zu beklagen waren.

Der bei Arte ausgestrahlte Film (federführend: RBB) erzählt in einer Rahmenhandlung die Geschichte von Manfred Hippel, der zu den ersten jungen Piloten gehörte, die in den USA für den Starfighter trainiert worden waren, der das Flugzeug gerne flog und der 1966 bei einem Übungsflug in Holland abstürzte und dabei sein Leben ließ. Denn es war seine Witwe, die mit juristischen Mitteln versuchte, die Verantwortlichkeiten für die Absturzmisere zu klären, so dass der Fall des Manfred Hippel noch Jahre nach dessen Tod Anlass für juristische und politische Auseinandersetzungen bot. Und es sind vor allem die Schwester und die Witwe des Piloten, die mit ihren ruhigen und zugleich bewegenden Aussagen ein Bild der Zeit zeichnen, in der ein solches Flugzeug zu einem komplexen Zeichen von Fortschritt und Katastrophe werden konnte.

In diese Rahmenhandlung eingefügt berichtet der Film, wie es zum Erwerb der Maschine kam, die ja im Kriegsfall Atombomben auf die DDR und die angrenzenden Staaten des Warschauer Pakts hätte werfen sollen. (Die Atombomben standen unter der militärischen Oberhoheit und Bewachung der Amerikaner, aber deutsche Piloten hätten sie nach einem Nato-Befehl mit dem Starfighter transportiert und abgeworfen.) Konstruiert worden war die F-104 aber für andere Zwecke. In den USA diente sie zunächst als Abfangjäger, der sich anderen feindlichen Flugzeugen dank seiner hohen Geschwindigkeit und großen Wendigkeit überlegen nähern konnte, um sie dann, falls notwendig, abzuschießen. In Deutschland wurde der Jet aber als Allwetter-Jagdbomber eingesetzt, wofür er jedoch nicht konstruiert war. Christiansen und seine Zeitzeugen beschreiben, dass die Maschine über 1500 Mal modifiziert wurde, um sie für den Einsatz tauglich zu machen. Und dass im Fall von Schäden am Triebwerk oder an den schmalen Flügeln Notlandungen nicht möglich gewesen seien, so dass nur der risikoreiche Ausstieg mittels Schleudersitz als Rettungsmaßnahme blieb.

In den militärischen Akten steht bei vielen Abstürzen der Hinweis, dass die Ursache nicht habe geklärt werden können. Tatsächlich wurde über eine Reihe von Jahren versucht, die Absturzserie zu verheimlichen. Das erinnert einen daran, dass sich in Deutschland eine kritische Öffentlichkeit erst allmählich herausbildete, dass Institutionen wie die Bundeswehr oder auch die Bundesregierung systematisch Dinge geheimhalten konnte und dass sich daran tatsächlich auch viele hielten. Erst 1966 änderte sich an diesem Umstand etwas, als der „Spiegel“ eine erste Titelgeschichte dazu herausbrachte. Der Film schildert hier weniger die publizistische als die juristische Aufarbeitung, die mit der Zahlung einer Schadensersatzsumme von mehreren Millionen Mark von Lockheed an die Witwen endete.

Kai Christiansen hat von den Politikern, die damals mit dem Fall betraut waren, zwei interviewt. Beide sind in mehrfacher Weise mit Skandalgeschichten der Bundesrepublik behaftet – zum einen Friedrich Zimmermann (CSU), der seit 1957 Mitglied des Deutschen Bundestages war (und später im ersten Kabinett Kohl als Innenminister amtierte), und zum anderen Karl Wienand (SPD), der seit 1953 im Bonner Bundestag saß und von 1963 bis 1967 dem Verteidigungsausschuss angehörte, als der sich mit der Starfighter-Affäre befasste. Die Skandale, in die beide verwickelt waren, hatten nichts mit dem Starfighter zu tun, aber sie haben die Glaubwürdigkeit dieser beiden Politiker beschädigt. Insofern ist es schon merkwürdig, wenn sie hier nun als Zeitzeugen vor der Kamera sitzen.

Wienand hat es insofern leichter, weil seine Kritik am Kauf des Starfighters mit einer eingeschnittenen Aussage des nachmaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt (SPD) aus den frühen 1960er Jahren übereinstimmt, als der in einem Fernsehinterview vor dem Flugzeug gewarnt hatte. Zimmermann wiederum macht eine schlechte Figur, als er auf die Frage nach den Ursachen der häufigen Abstürze nur sagen kann, sie seien ihm „ein Rätsel“ gewesen. Und er sieht auch nicht besser aus, wenn er sich dann darauf konzentriert, eine etwaige Bestechung deutscher Politiker, insbesondere des für den Kauf verantwortlichen Ministers Franz-Josef Strauß (ebenfalls CSU), als abstruse Unterstellung und als Teil einer „Kampagne“ zu bezeichnen. Tatsächlich hat ein Untersuchungsausschuss in den USA massive Schmiergeldzahlungen von Lockheed an europäische Regierungen festgestellt. In einigen Ländern traten daraufhin Minister zurück. In Deutschland verlief die Arbeit eines Parlamentsausschusses jedoch im Sande.

Als Nachfolger von Strauß, der 1963 wegen der „Spiegel“-Affäre zurücktreten musste, fungierte Kai-Uwe von Hassel (CDU). Er verteidigte weiterhin den Kauf des Starfighters und war wohl auch mit für die Schweigestrategie des Militärs verantwortlich. Sein Sohn Joachim von Hassel flog zu dieser Zeit bereits als Pilot den Starfighter. Er stürzt vier Jahre, nachdem sein Vater im Zuge der Bildung der großen Koalition 1966 das Amt des Verteidigungsministers verloren hatte, in einem solchen Flugzeug ab. Seine Witwe, die Filmautor Christiansen ebenfalls befragte, schloss sich später der Klage gegen Lockheed an. Man kann das als Akt eines Bewusstseins- und wohl auch eines Emanzipationsprozesses deuten. In diesen seinen besten Szenen ragt der Film von Jan Christiansen über sein Thema hinaus, weitet er sich zu einer Sitten- und Mediengeschichte der Bundesrepublik.

• Text aus Heft Nr. 16-17/2010 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

23.04.2010 – Dietrich Leder/FK

Print-Ausgabe 6-7/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren