Eric Friedler: Der Sturz – Honeckers Ende (ARD/NDR)

Im Gruselkabinett

13.04.2012 •

13.04.2012 • Man mag sich amüsieren, wenn der Sportblock bei „RTL aktuell“ fast nur aus Berichten zum RTL-Programm-Event Formel 1 besteht, aber auch bei der ehrwürdigen ARD-„Tagesschau“ zeigt man längst keine Skrupel mehr vor Werbung. Zumindest nicht, wenn es um ARD-Produkte geht. So gab es in der 20.00-Uhr-Ausgabe am 2. April nicht nur Ausschnitte zu bestaunen aus Eric Friedlers am selben Abend ausgestrahlter Dokumentation „Der Sturz – Honeckers Ende“ (Produktion: Cinecentrum), sondern man hatte eigens auch noch ein Interview mit dem NDR-Redakteur und mehrfach preisgekrönten Filmemacher („Das Schweigen der Quandts“, „Aghet – ein Völkermord“) geführt. Dabei wurde vor allem die Sensation gepriesen, dass es Friedler gelungen war, das erste Interview seit 20 Jahren mit Margot Honecker zu führen, in der Wohnung der 84-Jährigen in Chile.

Natürlich war dieser Besuch bei der alten Dame, die den Filmemacher zu einem insgesamt dreistündigen Gespräch empfangen hatte, ein Scoop. Wenn auch eher einer von boulevardesker als von nachrichtlicher Natur. Denn was die ehemalige Erste Frau im Staate DDR da an bornierten politischen Überzeugungen von sich gab, konnte kaum überraschen. So erklärte sie ihre Einwilligung zu dem Gespräch damit, „endlich mit all den Lügen über die DDR aufräumen zu wollen“, um dann dreist Zwangsadoptionen („Wir haben uns nur um die von ihren Flüchtlingseltern verlassenen Kinder gekümmert“) und Schießbefehl („Es gab nur Waffengebrauchsbestimmungen“) zu leugnen und die Versuche der „Republikflucht“ mit all ihren Opfern lapidar als „Dummheiten“ zu titulieren. Schließlich sei ja niemand gezwungen worden, über die Mauer zu klettern. Logisch, dass für Margot Honecker die DDR „kein Unrechtsstaat“ war, sie als ehemalige Volksbildungsministerin „nichts zu bereuen“ hat und die Wende nicht vom (DDR-)Volk ausging, sondern das Resultat einer Konterrevolution durch den damaligen KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow und abtrünnige SED-Funktionäre war.

Angesichts solch zynischer Äußerungen wähnte man sich als Zuschauer bald in einem bizarren Gruselkabinett. „Das zieht einem doch glatt die Schuhe aus!“, empörte sich Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), dem Friedler die Aussagen vorgeführt hatte. Dennoch lag der Wert der 90-minütigen Dokumentation weniger in diesem Exklusiv-Interview als vielmehr in dem Materialreichtum, mit dessen Hilfe der Autor hier die Geschichte der DDR und vor allem deren Ende rekonstruierte. Neben unzähligen, allesamt souverän montierten Archivbildern bestach der Film durch rund zwei Dutzend hochkarätige Gesprächspartner. Darunter viele an der Wende maßgeblich beteiligte Politiker aus Ost und West, aber auch eher unbekannte Zeitgenossen wie Opfer des DDR-Regimes, die bis heute unter den Folgen von Zwangsadoptionen und Inhaftierungen leiden. Wobei Friedler die Statements teils Margot Honecker vorführte oder umgekehrt deren Auslassungen von anderen Interview-Partnern kommentieren ließ.

Nun erfuhr man dabei hinsichtlich der politischen Fakten über das Ende der DDR zwar nicht sonderlich viel Neues, wohl aber wurde hier erstmals deutlich, wie Erich und Margot Honecker ihre letzten Monate im sozialistischen Deutschland erlebten. Die Feier zum 40. Jahrestag der DDR 1989 in Ost-Berlin, bei der FDJler Michail Gorbatschow, aber nicht Honecker zujubelten, seine Entmachtung durch Egon Krenz wenige Wochen später und schließlich die Anklage wegen Hochverrats, Korruption und Amtsmissbrauchs – all das muss Erich Honecker nicht nur als politisches Scheitern, sondern als persönliche Tragödie empfunden haben.

„Das waren doch unsere Leute!“, sagt Margot Honecker an einer Stelle und offenbart damit, dass sie diesen persönlichen „Verrat“, wie sie es nennt, bis heute nicht verwunden hat bzw. ihn nicht einmal versteht. Und seine vielleicht besten Sequenzen hat der Film dort, wo es darum geht, wie der nach einem Tag U-Haft entlassene Honecker gemeinsam mit seiner Gattin buchstäblich auf der Straße stand, weil die ehemalige Villa des Paares in Wandlitz längst konfisziert war und sich die Politik nicht darum kümmern wollte, was mit den beiden geschehen sollte. „Honecker war der berühmteste Obdachlose der DDR, wahrscheinlich auch der einzige“, bemerkt der ehemalige Polizeioberstleutnant amüsiert, der Erich Honecker damals in der Haft verhörte.

Die Asylsuche des prominenten Paares auf deutschem Boden endete im Januar 1990 bekanntlich in der Dachkammer eines evangelischen Pfarrhauses in der ostdeutschen Provinz, wo sie der Pastor vor dem aufgebrachten Mob schützen musste, der sich alsbald vor dem Haus versammelte. Auch wenn Eric Friedler in seiner herausragenden Dokumentation an keiner Stelle die Verantwortung des ehemaligen DDR-Staatsoberhaupts in Frage stellte oder gar so etwas wie mit Mitleid mit den Honeckers anklingen ließ, die schließlich nach Chile gingen, gehörte es dennoch zweifelsfrei zu den Stärken des Films, das Ende des deutschen Arbeiter- und Bauernstaates auch als persönliche Tragödie eines Menschen deutlich zu machen, der nicht (mehr) verstand, was mit ihm und seinem Land passierte.

Das Interesse an dieser Dokumentation war enorm: 4,26 Mio Zuschauer sahen den zur besten Abendsendezeit im Ersten ausgestrahlten Film, der Marktanteil betrug 13,6 Prozent. Besonders erfolgreich war der Beitrag laut Mitteilung des NDR in den neuen Bundesländern (inklusive Berlin), wo der Marktanteil sich auf 16,8 Prozent belief.

• Text aus Heft Nr. 15/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

13.04.2012 – Reinhard Lüke/FK