Lena Krumkamp/Esther Bialas/Nathan Nill: Komm schon! 4‑teilige Miniserie (ZDFneo/ZDF)

Momente leisen Humors

24.12.2015 •

Es ist ja nicht wahr, dass das ZDF nur der sogenannte „Kukident-Sender“ wäre und nie etwas ausprobieren würde: In den letzten Jahren gab es da schon so manche kleine Perle zu entdecken, von der man wirklich positiv überrascht wurde: die ironische Selbstbespiegelung „Lerchenberg“ etwa (vgl. FK-Heft 15/13) oder den enorm schnell erzählten, sehr lustigen Bundestags-Intrigenstadl „Eichwald, MdB“ (vgl. MK-Kritik). Und nun also die ebenfalls ziemlich gelungene Miniserie „Komm schon!“ mit der Sexualtherapeutin Anette als Protagonistin.

Freilich kommen all diese etwas ungewöhnlicheren Projekte aus ein- und derselben Ecke, nämlich dem Quantum-Labor der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“. Und zu sehen sind die Produktionen fast immer nächtlich unter Ausschluss der großen Öffentlichkeit – das gilt vor allem dann, wenn sie nach ihrer Ausstrahlung im Spartenkanal ZDFneo auch im Hauptprogramm des ZDF laufen. Diese Klage über die stiefmütterlichen öffentlich-rechtlichen Sendetermine für die etwas innovativeren Produktionen ist zugegebenermaßen nicht neu und sie mag auch schon ziemlich leiernd klingen. Sich deshalb mit der absurden Quotenfixierung der Hauptprogramme von ZDF und auch ARD einfach abzufinden, ist aber irgendwie auch keine Alternative.

Anette also ist in „Komm schon!“ die zentrale Figur, bei der alle Fäden dieser leise daherkommenden Sex-Comedy zusammenlaufen. In Anettes Praxis lernen wir den „Frotteur“ Jens kennen (herausragend gespielt von Ole Fischer), den es erregt, sich in öffentlichen Verkehrsmitteln an fremden Frauenhintern zu reiben. Oder das gut situierte Paar Vera (Katja Danowski) und Michael (Samuel Weiss), das mit der asymmetrischen Dominanz-Verteilung in seiner Beziehung zu kämpfen hat und sein eingeschlafenes Liebesspiel mit Godzilla-Masken und dümmlichen Zusatz-Sexpartnern aufzufrischen versucht. Oder auch die Autistin, die mit erotischen Zwischentönen nichts anfangen kann und ihren Partner mit höchst nüchternem Sexualverhalten irritiert. Diese Klienten tauchen auf oder ab, ihre Fälle sind nicht, wie es erwartbar wäre, auf nur jeweils eine Folge beschränkt.

Der private Rahmen wird in der Serie abgesteckt mit Anettes Lebensgefährten Oliver (Thomas Niehaus), einem furchtbar langweiligen Optikermeister, ihrer plötzlich sehr anhänglichen, sex- und freiheitsbewegten Alt-68er-Mutter Susann (Victoria Trauttmansdorff) und dem etwas übergriffigen Körpertherapie-Lehrer Marc (Anton Pampuschnyy). Man sieht nun Anette dabei zu, wie sie sich alles andere als souverän durch die Widrigkeiten ihres Lebens und Arbeitens manövriert: Denn natürlich ist es um das eigene Intimleben der Sexualtherapeutin ebenfalls nicht gut bestellt; Freund Oliver onaniert lieber mit Hilfe des Tantra-Ratgebers seiner Freundin, statt Sex mit ihr zu haben. Und auch gegen ihre aufdringliche Mutter, die sich kurzerhand bei Anette und Oliver einquartiert, kommt die Tochter nicht an. Ganz nach dem Motto: Die Therapeuten sind selber die, die eine Therapie am allernötigsten hätten.

Das wird aber nicht klischeehaft oder gar in Schenkelklopfer-Art erzählt (Buch: Lena Krumkamp, Regie: Esther Bialas/Folgen 1 und 4, Nathan Nill/Folgen 2 und 3). Und es wird zudem von der Österreicherin Marlene Morreis in der Rolle der Anette mit hinreißender Mimik und Komik gespielt: Stets ist die Therapeutin um Fassung bemüht, die ihr jedoch mit fortlaufender Handlung immer mehr zu entgleiten droht. Besonders schön zu verfolgen ist das in den Patientensitzungen, die von der Kamera (Peter Drittenpreis) in streng kadrierten Frontalansichten eingefangen werden: In der vierten und bislang letzten Folge hat das eigene Privatleben bei Anette dann schon deutliche Spuren hinterlassen, die professionelle Distanz zu den Problemen ihrer Klienten will nicht mehr recht gelingen. Die ebenso strengen wie ästhetischen Bilder haben in Kombination mit der retroseligen Ausstattung und dem Kostümbild ohnehin einen starken Effekt auf die skurrile und leicht weltfremde Atmosphäre dieser Miniserie.

Zu diesem Gefühl von ‘Welt-Enthobenheit’ passt die entschleunigte Erzählweise, passen die langen Einstellungen und Sequenzen, die zumal für eine Sitcom ungewöhnlich sind. Der Witz kriecht bewusst behäbig um die Ecke, was oft sehr schöne Momente leisen Humors kreiert. Mit etwas mehr Arbeit an den hin und wieder dann doch mal ins leicht Platte abrutschenden Dialogen sowie an der in Einzelfällen etwas stereotypen Figurenzeichnung – so trägt Mutter Susann durchaus Züge eines Abziehbildes – könnte man aus „Komm schon!“ womöglich noch ein kleines, feines Meisterwerk machen. Vorausgesetzt, das ZDF lässt seiner Innovationsschmiede „Kleines Fernsehspiel“ freie Hand für eine Fortsetzung.

24.12.2015 – Katharina Zeckau/MK