Privatfernsehen und die gefühlte Kriminalitätstemperatur

28.01.2016 •

28.01.2016 • Aus einem Interview des Deutschlandfunks (DLF) mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer; das Interview, in dem es um das derzeitige Erstarken von Bürgerwehren in Deutschland ging, führte Moderator Peter Kapern in der Ausgabe der DLF-Sendung „Informationen am Morgen“ vom 28. Januar 2016:

Deutschlandfunk: Wie kommt es eigentlich zu dieser Diskrepanz zwischen Realität und Wahrnehmung, die Sie da beschreiben mit Verweis auf die reale Kriminalitätswahrnehmung? Denn hier in Deutschland diskutieren wir seit Jahren über den Personalabbau bei der Polizei und in der Tat haben Sie den Menschen doch gerade attestiert, dass sie einen Kontrollverlust wahrnehmen, der möglicherweise auch damit zu tun hat.

Christian Pfeiffer: Ja. Wir haben das systematisch seit zwölf Jahren untersucht, indem wir den Menschen immer am Anfang des Jahres, wo wir selber noch gar nicht wissen, was ist im letzten Jahr passiert, sagen: Vor zehn Jahren hat es in Deutschland so und so viele Morde gegeben. Was schätzen Sie denn, wie viele waren es denn wohl im letzten Jahr? Oder Sexualmorde, oder Wohnungseinbrüche, Autodiebstähle und so weiter.

Und wir stellen fest: Je mehr die Menschen privates Fernsehen gucken, umso mehr ist ihre Kriminalitätstemperatur, ihre gefühlte Kriminalitätstemperatur von der Wirklichkeit entfernt, weil im Privatfernsehen das Verbrechen noch mehr dämonisiert und dramatisiert wird. Aber generell wirkt sich Fernsehen aus, Radio gar nicht, gediegene Zeitungen auch nicht, aber die Wucht der Bilder, die emotionalisierende Wucht der Bilder, die macht den Leuten Angst und dann kommt es zu solchen Fehleinschätzungen, und aus den Fehleinschätzungen entwickeln sich dann auch Selbstschutzwünsche und die selbst ernannten Super-Sheriffs gehen dann patrouillieren, zum Glück in Deutschland ohne Waffen.

Von daher muss einem die Bewegung der Bürgerwehren nur dann Angst machen, wenn sie rechts durchsetzt ist, wie wir das im Osten doch häufiger beobachten. Wenn sich das auch im Westen entwickeln würde, muss man auch leider die Sorge haben, dass es dann aus politischen Gründen stabiler wird und dass die Müdigkeit dann nicht so schnell zum schnellen Ende einer solchen Bürgerwehr führt.

(Das komplette Interview zum Nachlesen hier: Link zur Online-Präsenz des Deutschlandfunks.)

28.01.2016 – MK