Philip Koch/Rainer Kaufmann: Operation Zucker (ARD/BR/WDR)

Ein Meilenstein

18.01.2013 •

Eben noch spielt die zehnjährige Fee unbeschwert auf dem Bauernhof ihrer rumänischen Heimat. Ob die Eltern wissen, was mit ihr geschieht, als sie das Kind in die Obhut von Männern geben, die angeblich in behördlichem Auftrag handeln? Das ist zumindest unklar. Unmittelbar darauf steht das Mädchen auf einer schäbigen Bühne. Wie bei einem Sklavenmarkt muss das verschüchterte Kind – moderiert von einer zynischen Vermittlerin – in einem Prinzessinnenkostüm für abgebrühte Kinderhändler posieren, die ihre ‘Ware’ mit Bedacht prüfen. Und schon kurze Zeit später liegt die kleine Fee auf dem Bett eines Berliner Clubs, in dem wohlhabende Pädophile sie missbrauchen.

Die gespenstische Selbstverständlichkeit, mit der Grimme-Preisträger Rainer Kaufmann die Mechanismen der Kinderprostitution darstellt, ist beeindruckend. Gebannt folgt der Zuschauer dem Leidensweg der kleinen Fee, die von der Kinderdarstellerin Paraschiva Dragus sehr konzentriert gespielt wird. Da die Regie bewusst auf Großaufnahmen von leidenden Kulleraugen verzichtet, geht dieses Mädchenschicksal umso mehr unter die Haut. Das von Philip Koch geschriebene Drehbuch des Films basiert auf einer Idee von Produzentin Gabriela Sperl und Autor Rolf Basedow. Nach Angaben von Sperl hat Basedow im Milieu ausführlich recherchiert. Insofern sei der Film sehr nah an der Realität.

„Operation Zucker“, so der Rätsel aufgebende Titel des Dramas, ist erzählerisch als Kriminalfilm angelegt. In einer Parallelhandlung wird geschildert, wie die Kommissarin Karin Wegemann (Nadja Uhl) und ihr Kollege Uwe Hansen (Anatole Taubmann) in Berlin jenen mutmaßlichen Pädophilen-Club observieren, in dem die kleine Fee missbraucht wird. Um das Ganze spannend zu verpacken, wird die Krimihandlung vergleichsweise konventionell erzählt. So gerät die Kommissarin in Clinch mit der bürokratischen Staatsanwältin Dorothee Lessing (Senta Berger), die den Ermittlungen der forschen jungen Polizistin zunächst kleinen Glauben schenkt. Schließlich aber raufen die beiden Frauen sich zusammen, um gemeinsam gegen den Pädophilenring vorzugehen.

Dank der hervorragenden Besetzung mit Nadja Uhl und Senta Berger – die man aus früheren Zeiten eher mit der leichten Muse assoziiert – gelingt dem düsteren Film der schwierige Spagat zwischen einem populären Unterhaltungsformat und einer ambitionierten Bearbeitung des schwierigen Themas. Die beiden Frauen finden heraus, dass der Pädophilenring eine straff organisierte Geheimorganisation ist, zu der Prominente ebenso wie hochrangige Politiker und Juristen zählen – die die polizeilichen wie staatsanwaltlichen Ermittlungen immer wieder torpedieren. Das hat etwas von einem Verschwörungsthriller.

Die Botschaft des Films ist klar und bemerkenswert: Nicht der einfache Passant aus der Unter- und Mittelschicht vergeht sich an Kindern. Die Befriedigung pädophiler Neigungen ist das teure und exklusive Vergnügen reicher und kultivierter Männer aus der Oberschicht. Die bekannt gewordenen und Aufsehen erregenden Fälle des Belgiers Marc Dutroux und des inzwischen gestorbenen britischen Starmoderators Jimmy Savile (BBC) stützen diese Vermutung.

Die mutige These, wonach eine dekadente Elite Kinder missbraucht, bebildert der Film in einer Szene gegen Ende: Die Staatsanwältin will ein als Kinderheim getarntes Bordell namens „Schneeflocke“ stürmen lassen. Unter den Pädophilen, die sich in diesem exklusiven Ambiente gerade an kleinen Jungs vergehen, befindet sich Dorothee Lessings langjähriger Kollege Hans Neidhart (Hans Uwe Bauer). Als Staatsanwalt ist dieser über den Einsatz informiert und lässt dank seiner Verbindungen das Sondereinsatzkommando der Polizei einfach wieder abziehen. Da die Kinderschänder tatsächlich so gut organisiert sind, erscheint es dann aber nicht ganz so glaubwürdig, dass die tapfere Dorothee Lessing den Laden ganz alleine mit einem Polizisten stürmt und dabei ihren Kollegen in flagranti ertappt – obwohl dieser ja offensichtlich über den bevorstehenden Polizeieinsatz informiert war.

Trotz dieser vernachlässigenswerten dramaturgischen Schwäche wird „Operation Zucker“ zweifellos zu den Meilensteinen des gerade erst begonnenen Fernsehjahres zählen. Da der Film nichts beschönigen will, verzichtet er bewusst auf ein Happy End. Die engagierte Kommissarin Karin Wegemann versucht die kleine Fee vor der Kinderschänder-Mafia zu beschützen und zu verstecken, doch sie werden von den Kinderhändlern entdeckt und das Mädchen fällt wieder in die Hände der Peiniger.

Dieses Ende sei zu beunruhigend für jugendliche Zuschauer: so lautete das Urteil der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), die sich mit „Operation Zucker“ befasste, weil der Film nach seiner TV-Ausstrahlung auch auf DVD veröffentlicht wird. Die Prüfkommission der FSK gab „Operation Zucker“ erst für Zuschauer ab 16 Jahren frei. Dadurch geriet die ARD in Zugzwang, denn an diese Einstufung muss auch sie sich halten. Da Filme, die um 20.15 Uhr gesendet werden, aber auch für Zuschauer ab 12 Jahren geeignet sein müssen, hatte dies zur Folge, dass die ARD für die Ausstrahlung um Viertel nach acht den Film um das realistische Ende kürzen musste. Somit lief zur Primetime im Ersten eine um rund drei Minuten gekappte Fassung von „Operation Zucker“. Sie hatte mit 6,27 Mio Zuschauern (Marktanteil: 18,3 Prozent) eine überdurchschnittlich hohe Einschaltquote.

Filme mit einer Klassifizierung ab 16 dürfen im Fernsehen erst ab 22.00 Uhr ausgestrahlt werden. Die ARD griff dann zu der Notlösung, dass sie im Ersten die Originalversion des Films am selben Sendetag um 0.20 Uhr zeigte. Diese Ausstrahlung sahen 440.000 Zuschauer (Marktanteil: 7,8 Prozent). Über die ARD-Mediathek wiederum ist die ungekürzte Version von „Operation Zucker“ nun ab 22.00 Uhr abrufbar (noch bis zum 23. Januar 2013).

Warum gerade ein Film, der ohne überzogene Schockbilder realistisch zeigt, wie es (missbrauchten) Kindern tatsächlich ergeht, gerade für Jugendliche unter 16 Jahren ungeeignet sein soll, dürfte indes nicht für jedermann unmittelbar nachvollziehbar sein. Hinter die bewahrpädagogische Entscheidung der FSK-Prüfkommission kann man also auch ein Fragezeichen notieren. Wahrscheinlich ist nur Eingeweihten und Experten klar, warum die sich auf die DVD-Vermarktung beziehende FSK-Empfehlung auch für die Sendezeit der Fernsehausstrahlung bindend ist. So also verzichtete man, um die geplante Ausstrahlung um 20.15 Uhr zu ermöglichen, auf das düstere, hoffnungslose Ende. Den Pädophilen wird es recht sein.

• Text aus Heft Nr. 3/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

18.01.2013 – Manfred Riepe/FK

Print-Ausgabe 24/2019

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