Ina Jung/Friedrich Ani/Sherry Hormann: Operation Zucker – Jagdgesellschaft (ARD/BR)

Hochgradig aufwühlend

24.02.2016 •

Als vor drei Jahren der Film „Operation Zucker“ (ARD/BR/WDR/Degeto) um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt wurde, hatten die Macher kurzfristig einen anderen Schluss anfertigen müssen. Das desillusionierende Finale des Dramas um Kinder­prostitution in Deutschland erschien den FSK-Juroren, denen man den Film für die DVD-Auswertung vorgelegt hatte, derart trostlos, dass die man Produktion erst ab 16 Jahren freigab. Womit eine TV-Ausstrahlung zur Primetime nicht möglich war. Da die Beteiligten den Film (Buch: Philip Koch, Regie: Rainer Kaufmann) zu einem überaus brisanten Thema aber nicht im Nachtprogramm verstecken wollten, entschieden sie sich, den Schluss zu entschärfen. Der fiel dann zwar nicht mehr ganz so deprimierend aus, aber von einem Happy End konnte auch so beim besten Willen keine Rede sein. Die Urfassung wurde am selben Abend nach Mitternacht ausgestrahlt (vgl. FK-Kritik). Die nachhaltig verstörende Produktion um das verschleppte rumänische Mädchen Fee kam beim Publikum (6,27 Mio Zuschauer) und bei der Kritik gleichermaßen gut an und wurde anschließend mehrfach ausgezeichnet.

Den nun am 20. Januar ausgestrahlten neuen Film „Operation Zucker – Jagdgesellschaft“ darf man getrost als Fortsetzung des herausragenden Vorgängers verstehen. Auch wenn diesmal ein Autorenduo (Friedrich Ani, Ina Jung) für das Drehbuch verantwortlich zeichnete und Sherry Hormann Regie führte. Für die Kontinuität stehen die Produzentin Gabriela Sperl, die diesmal mit der Produktionsfirma Wiedemann & Berg Television zusammenarbeitete, und die Hauptdarstellerin Nadja Uhl in der Rolle der Ermittlerin Karin Wegemann.

Die Ermittlerin hat ihren Job beim Berliner Landeskriminalamt (LKA) frustriert geschmissen, da sie die kleine Fee nicht vor ihren Peinigern retten konnte. Und inzwischen hat Karin Wegemann – so geht die Geschichte weiter – eine vermeintlich ruhigere Stelle als Kommissarin in Potsdam angetreten. Doch der Dämon Kinderhandel holt sie bald wieder ein. Der Journalist Maik Fellner (André Szymanski) steckt ihr die Information, gerade im schmucken Potsdam blühe das Geschäft mit Kinderprostitution und es seien viele Mitglieder der besseren Gesellschaft darin verwickelt, die Polizei jedoch gehe den einschlägigen Indizien kaum nach.

Und Wegemanns Kollege im neuen Job, Ronald Krug (Mišel Matičević), scheint ihr geradezu eine Bestätigung des ungeheuerlichen Verdachts zu sein. Er schiebt offenbar gern eine ruhige Kugel, erklärt, es gehe in Brandenburg „sehr familiär“ zu und nennt die in seinen Augen übereifrige Neue „Hauptstadt-Ziege“. Dass sich die beiden Kontrahenten im Lauf des Films zusammenraufen, ist fraglos ein Stereotyp ähnlich gelagerter Konstellationen im Krimi-Genre, doch das bleibt auch so ziemlich die einzige Konvention, auf die diese Geschichte zurückgreift.

Bald gerät der Bau-Unternehmer Kai Voss (Sebastian Hülk) ins Visier der Ermittler. Ein Mann, der gut im Geschäft ist, an Großprojekten arbeitet und mit den Mächtigen der Stadt bestens vertraut ist. Doch Voss ist, wie man als Zuschauer längst weiß, kein pädophiler Kinderschänder, sondern er beherbergt in seinem schmucken Eigenheim die jungen Mädchen Lucy (Carlotta von Falkenhayn) und Laura (Mathilde Bundschuh). Die Kinder wachsen, wie es scheint, wohlbehütet auf, sagen zu Voss’ Ehefrau Helen (Jördis Triebel) „Mama“, lassen sich von ihr hübsche Kleider anziehen und sich schminken – bevor sie der Mann dann in den Kofferraum seines SUV lädt und sie zu Waldparkplätzen oder an sonstige Örtlichkeiten bringt, wo er sie wortlos irgendwelchen älteren Männern übergibt, um sie nach ein, zwei Stunden wieder nach Hause zu fahren.

Ist in den Blicken von Kai Voss hin und wieder noch so etwas wie Mitleid zu erkennen, so wickelt seine Frau das Geschäft mit regungslosem Gleichmut ab. Routine. Das Ungeheuerliche: Hier ist keine kriminelle Mädchenhändlerbande aus Osteuropa am Werk, sondern ein gut situiertes, deutsches Ehepaar, dessen Interessen weitgehend im Dunkeln bleiben. Dass sie sich selbst an den Kindern vergreifen, ist nicht zu erkennen, und simple Geldgier ist es offenbar auch nicht. Womöglich treibt der Unternehmer sein schändliches Nebengewerbe, um seine perversen Geschäftspartner aus Wirtschaft und Politik bei Laune zu halten. Bei einem späteren Verhör bezichtigt seine Frau Helen die Ermittler der Naivität. In Tschechien, nahe der deutschen Grenze, stellten Mütter, so erklärt sie, Puppen ins Fenster, um Interessierten zu signalisieren, dass dort Kinder zu haben seien. Zum einmaligen Missbrauch oder gleich zum Verkauf. Vor diesem Hintergrund gehe es Lucy und Laura bei ihnen doch wirklich gut.

Man muss davon ausgehen, dass die Schilderung dieser üblen Praktiken wie auch vieles andere in diesem Film nicht frei erfunden ist. Ina Jung, die Journalistin und Autorin des Films, recherchiert seit Jahren im Milieu der Kinderhändler. Die Aufgabe von Koautor Friedrich Ani, bekannter Krimischreiber und schon oft Verfasser auch von Drehbüchern und Hörspielen, dürfte in erster Linie darin bestanden haben, die Fakten in eine dramaturgische Form zu bringen. Und das gelang ihm brillant. Auf Szenen, die sexuelle Vergewaltigungen der Kinder explizit gezeigt hätten, wird dabei gänzlich verzichtet. Und jener wenigen Bilder, in denen etwa ein halbnackter Junge von seinem Peiniger am Halsband durch den Wald geschleift wurde, hätte es eigentlich auch nicht gebraucht. Es reichte völlig, die Übergabepraxis zu zeigen, wenn ein Mann sich die gelieferte „Ware“, wie er es nannte, wie ein Stück Fleisch über die Schulter legte und damit verschwand, ohne auch nur ein einziges Wort an das Kind zu richten.

Das Unerträglichste waren jedoch die teilnahmslos leeren Augen der Mädchen, wenn sie von ihrer „Mutter“ nachts aus dem Schlaf gerissen wurden, weil irgendwelche Lüstlinge zu später Stunde noch kurzfristig Lust hatten auf „Lebend-Pizza“, wie sie feixend ihre Opfer nannten. Diese totale Trostlosigkeit in die Gesichter der Kinder-Darsteller zu zaubern, zeugte nicht zuletzt von den Fähigkeiten der Regisseurin Sherry Hormann, die gemeinsam mit Kameramann Armin Golisano auch sonst eine beeindruckende Leistung ablieferte. Nicht minder überzeugend agierte die gesamte Darstellerriege, allen voran Nadja Uhl, die die Kommissarin mit einer eindrucksvollen Mischung aus Engagement, Wut und Verzweiflung spielte.

Und ein Happy End hatte auch „Operation Zucker – Jagdgesellschaft“ (5,56 Mio Zuschauer, Marktanteil: 16,7 Prozent) wahrlich nicht. Dass der Film diesmal dennoch um 20.15 Uhr ausgestrahlt werden konnte, hatte damit zu tun, dass die Verantwortlichen auf eine DVD-Auswertung verzichteten, die FSK somit nicht zuständig war und die Jugendschützer der ARD keine Einwände hatten. Unmittelbar im Anschluss an diesen hochgradig aufwühlenden Film gab es im Ersten ab 21.45 Uhr noch eine 60-minütige Diskussionsrunde in der Talkshow von Sandra Maischberger, in der sich kompetente Gäste des brisanten Themas erfreulich sachlich und ohne die üblichen Profilierungsrituale annahmen.

24.02.2016 – Reinhard Lüke/MK