Karl-Heinz Käfer/Andreas Kleinert: Spätwerk (ARD/SWR)

Ambivalenter Schreibtischtäter

11.06.2018 • Dass ein Mensch einen anderen ins Jenseits befördert und ungestraft davonkommt, ist im deutschen Fernsehfilm eigentlich nicht vorgesehen. Im Krimi schon gar nicht. Aber in dieses Genre passte der Film „Spätwerk“ ohnehin nicht.

Paul Bacher, ein ehemals erfolgreicher, inzwischen in die Jahre gekommener Schriftsteller, wird von seinem Verlag auf Lesereise durch die deutsche Provinz geschickt. Das heißt, der ehemalige Literaturstar nächtigt in den Fremdenzimmern irgendwelcher Landgasthöfe, deren Speisekarten ihm maximal die Wahl zwischen Jäger- und Zigeunerschnitzel lassen, und ist entsprechend frustriert. Zumal zu seinen Lesungen in irgendwie übriggebliebenen Buchhandlungen auch nur noch ein paar Damen fortgeschrittenen Alters kommen, die ihm obendrein kundtun, dass er doch früher schöner, irgendwie wärmer geschrieben habe. Als Bacher sich nach einer Lesung plump und alkoholisiert an eine Frau heranzumachen versucht, erteilt diese ihm eine Abfuhr. Tiefer kann ein Erfolgsautor kaum sinken.

Später drängt sich an einer Tankstelle ein junger Tramper in Bachers Auto, er nötigt den Schriftsteller geradezu, ihn mitzunehmen. Der Tramper redet während der Fahrt unaufhörlich und fotografiert Bacher gegen dessen Willen mit seinem Handy, bis der Autor den Mitfahrer entnervt rauswirft. Beim Zurücksetzen überfährt Bacher den Mann dann versehentlich und verletzt ihn schwer. Doch statt ihn ins nächste Krankenhaus zu bringen, zerrt er den leblosen Körper in ein nahes Waldstück und setzt seine Fahrt fort. Tage später kommt er zurück, lädt den Toten in seinen Kofferraum, fährt über die polnische Grenze und vergräbt den Leichnam im Wald.

Im konventionellen Krimi würde sich im Folgenden alles um die Bemühungen des Täters drehen, den Ermittlern der alsbald auf den Plan tretenden Kripo zu entkommen. Doch in diesem Fall scheint den Getöteten keiner zu vermissen. Eine Fahndung bleibt aus. Stattdessen beschert seine Straftat Paul Bacher eine weder von seinem Verleger noch von ihm selbst noch einmal für möglich gehaltene Schaffenskraft. Seine Schreibblockade ist plötzlich verflogen. Indem er seine jüngsten Erlebnisse in die Tastatur seines Notebooks hackt, verwandelt sich ein Verbrechen in Literatur. Dass es sich dabei um einen Tatsachenroman handelt, weiß nur der Autor selbst. Seine Lektorin vermisst zwar den Tiefgang seiner früheren Werke, aber das Buch wird (natürlich) ein Bestseller und schließlich tritt in Gestalt der jungen Frau, die ihn einst nach der Lesung abgewiesen hatte, auch noch eine neue Liebe in Paul Bachers Leben. So hat das Tötungsdelikt ein Happy End zur Folge – das allerdings, wie in kurzen Andeutungen deutlich wird, auf tönernen Füßen steht.

„Spätwerk“ ist seit ihrem Zusammenarbeitsdebüt „Mein Vater“ (ARD/WDR; vgl. FK-Heft Nr. 3/03) der inzwischen vierte gemeinsame Film von Autor Karl-Heinz Käfer und Regisseur Andreas Kleinert. In ihrem existentialistisch anmutenden Künstlerporträt gelingt ihnen das Kunststück, jenen abgehalfterten Schriftsteller, der (wenn auch nicht im juristischen Sinne) zum Mörder wird, als ambivalente Figur zu zeichnen, der man sogar gewisse Sympathien entgegenbringt. So wie in seinem Zynismus in der ersten Hälfte des Films stets die Verzweiflung eines Lebensmüden durchscheint, bleibt auch sein Glück in der zweiten Hälfte bis zum Schluss fragil. Dass diese Hauptfigur trotz all ihrer Widersprüche glaubwürdig bleibt, liegt nicht zuletzt am famosen Hauptdarsteller Henry Hübchen, dem die Rolle quasi auf den Leib geschrieben wurde. Wie der Mime zwischen säuselndem Charmeur, polterndem Kotzbrocken und (bei der Lesung in einer Grundschule) nettem Onkel changiert, ist großes Schauspielerfernsehen. Auch Hübchens Kolleginnen Jenny Schily als seine in der Ehe vereinsamte Lektorin und Gelegenheitsgeliebte und Patrycia Ziolkowska als seine neue Freundin vermögen rundum zu überzeugen.

Dass die ironischen Spitzen gegen die Eitelkeiten des Literaturbetriebs, die hier vor allem auf einer Verlagsparty zum Tragen kommen, etwas plump ausfallen, ist angesichts der anderen Qualitäten des Films (Produktion: Eikon Media) zu verschmerzen. Zu diesen Qualitäten gehört unbedingt auch die erlesene Kameraarbeit von Johann Feindt, mit dem Käfer und Kleinert immer wieder zusammengearbeitet haben. Und dann ist da noch der stimmige Soundtrack von Daniel Dickmeis, der sich souverän zwischen Rock und Jazz bewegt. Wobei die unterkühlten Trompetenklänge, die vorwiegend im ersten, nachts spielenden Teil des Films erklingen, schon allzu deutlich an Miles Davis’ legendäre Musik zu Louis Malles Meisterwerk „Fahrstuhl zum Schafott“ (1958) erinnern. Doch es gibt schlechtere Vorbilder, an denen man sich als Filmkomponist orientieren kann.

Unter dem Strich ist „Spätwerk“ (2,17 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,6 Prozent) vielleicht kein ganz großer, aber doch ein sehenswerter Film, der sich in vielerlei Hinsicht wohltuend von der oft konturlosen Massenware des deutschen Fernsehfilms abhebt.

11.06.2018 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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