Nikolaus Leytner/Stefan Hafner/Thomas Weingartner/Catalina Molina: Drachenjungfrau (ZDF)

Märchenhaft boulevardesk

21.06.2018 •

21.06.2018 • Eigentlich sitzt Martin Merana (Manuel Rubey), Kommissar aus Salzburg, auf gepackten Koffern. Der Flieger nach Portugal ist gebucht. Im letzten Moment erreicht ihn ein Anruf: Ausgerechnet in Krimml, wo er als Kind oft bei der Großmutter war, wurde am Fuß eines Wasserfalls die Leiche eines 15-jährigen Mädchens gefunden, das am Abend zuvor die Vorentscheidung zum Marketenderinnen-Wettbewerb gewonnen hat, eine österreichische Miss-Wahl. Der Polizist lässt seinen Urlaub sausen und wird bei den Ermittlungen in jenem Städtchen, in dem er aufgewachsen ist, mit allerlei unangenehmen Erinnerungen konfrontiert – das klingt nach einem klischeehaften Heimatkrimi vor pittoresker Bergkulisse. Doch der Film „Drachenjungfrau“, eine vom ZDF als „Fernsehfilm der Woche“ ausgestrahlte Produktion des Österreichischen Rundfunks (ORF), hat es in sich.

Dass der Zuschauer es nicht mit der üblichen Dutzend(krimi)ware zu tun hat, die man auf diesem ZDF-Sendeplatz immer öfter findet, bemerkt er sogleich an den beeindruckenden Bildern der Berge. Hier gibt es keine Postkartenidylle und auch nicht die üblichen Panoramaschwenks. Dafür ist das tosende Schäumen der Gischt am Fuß des Wasserfalls beinahe körperlich zu spüren. Als der Kommissar sich beim Begutachten der Leiche den Rücken verrenkt und sein trotteliger Kollege sich im gleichen Moment selbst ein Pfefferspray in die Augen sprüht, das am Tatort gefunden wurde, wird die Stimmung mit grimmigem Humor gebrochen.

Im Gegensatz zu den im Ersten laufenden Kluftinger-Krimis mit Herbert Knaup, die diese Art von skurrilem Witz überstrapazieren, werden in diesem modernen Heimatfilm – der auf Motiven des gleichnamigen Romans von Manfred Baumann beruht – groteske Überzeichnungen nur dosiert eingesetzt. Etwa in jener Szene, in der ein Verdächtiger seine Flucht mit dem Auto abbrechen muss, weil eine Kuhherde die Straße blockiert – eine originelle Parodie der krimiüblichen Verfolgungsjagd. Trotz humorvoller Einlagen bleibt die Geschichte dieses Films (5,09 Mio Zuschauer, Marktanteil: 17,9 Prozent) ausgesprochen düster. Sie erzeugt eine melancholische Stimmung, die nach und nach einen hypnotischen Sog entwickelt. Das Drehbuch schrieben Nikolaus Leytner, Stefan Hafner und Thomas Weingartner.

Die erste Überraschung erlebt Kommissar Merana, als er mit der Mutter der Toten seine große frühere Liebe Alma (Patricia Aulitzky) wiedertrifft. Sie ist nun mit jenem Robert (Markus Hamele) liiert, der ihn als Kind immer fürchterlich gemobbt hat. Wie schön, dass er es diesem fiesen Typen nun ein wenig heimzahlen kann, als er ihm bei der Speichelprobe das Wattestäbchen tief in den Hals schiebt. In der Rolle des immer wieder verunsicherten Ermittlers, der bei seinen Nachforschungen nach und nach auf alte Bekannte trifft, die ihn noch als kleinen Rotzlöffel kennen, macht der öster­reichische Kabarettist und Schauspieler Manuel Rubey – hierzulande ein vergleichsweise unverbrauchtes Gesicht – eine gute Figur.

An Rubeys Seite sind mehrere weitere markante Gesichter zu sehen, darunter Stefanie Reinsperger als liebenswürdige Assistentin Franziska Heilmayr, die ein Auge auf den Kommissar geworfen hat, dabei aber auf eine rührende Art tollpatschig wirkt. Mit einem guten Ensemble von Akteuren, die bis auf Harald Krassnitzer (den österreichischen „Tatort“-Kommissar) weniger bekannt sind – und die alle Dialoge in breiter österreichischer Mundart sprechen, so dass Zuschauer hierzulande wirklich die Ohren spitzen müssen –, schafft der Film die Balance zwischen einer boulevardesk anmutenden Inszenierung und einer berührenden Geschichte, deren Abgründe sich erst ganz allmählich offenbaren. Besonders die Rückblenden auf die schräge Miss-Wahl erzeugen eine beklemmende Stimmung. Eine Kette tragischer Verwicklungen führte dazu, dass das junge Mädchen, dessen Leiche der Kommissar zu Beginn fand, von allen verlassen wurde. Sie teilt damit das Schicksal der titelgebenden Drachenjungfrau, einer Märchenfigur, deren Herz zu Stein wurde, weil alle Männer, die hinter ihr her waren, sich nur für ihr Äußeres interessierten.

Die österreichisch-argentinische Regisseurin Catalina Molina rollt diesen verschachtelten Plot, der einige falsche Fährten legt, nicht durchweg souverän auf. Die eine oder andere Wendung erscheint umständlich und manchmal droht die Geschichte sich zu verlieren. „Drachenjungfrau“ (Produktion: Epo Film) kann man nicht mal eben so nebenbei konsumieren. Wer aber Lust auf etwas anderes hat, der bleibt garantiert dran an diesem Film, weil es der Regisseurin gelingt, die ebenso melancholische wie märchenhafte Stimmung dieser Geschichte mit atemberaubenden Bildern (Kamera: Klemens Hufnagl) kitschfrei herauszuschälen.

21.06.2018 – Manfred Riepe/MK