Matthias Hoferichter/Andreas Vennewald: Fernsehen in der DDR – Sandmann, Propaganda und ein Kessel Buntes (ZDFinfo)

Medienhistorisch bedeutsam

10.07.2019 •

Fernsehen in der DDR? Bei diesem Thema denkt man mit Gruseln an die telegene Fortführung der Verwaltung des Mangels, die den einstigen Arbeiter- und Bauernstaat prägte. Das Medium Fernsehen war, als der Ostteil Deutschlands sozialistisch war, fest in der Hand der Regierungspartei SED. Deren staatstragendes Selbstverständnis drückte sich in der „Aktuellen Kamera“ aus, einer Nachrichtensendung, in der nur das berichtet wurde, was von oben abgesegnet worden war. „Je mehr es mit der Volkswirtschaft bergab ging, desto beschönigender die Berichte“, heißt es im Off-Kommentar zur Dokumentation „Fernsehen in der DDR: Sandmann, Propaganda und ein Kessel Buntes“ von Matthias Hoferichter und Andreas Vennewald, die der Spartensender ZDFinfo zur besten Sendezeit ausstrahlte.

Die einschläfernde Routine dieser monotonen Verlautbarungen, bei denen Nachrichtensprecher endlose bürokratisch klingende Schachtelsätze herunterbeteten, ist indes nur ein Randthema in diesem medienhistorischen Rückblick. Mit ihrem Blicken hinter die Kulissen des DDR-Fernsehens erinnern die beiden Autoren daran, wie schwer man sich in dem diktatorischen Staat mit dem Bildmedium tat. Hoferichter und Vennewald zeigen auf, dass Redakteure des Ost-Fernsehens, die Sprache perfekt unter Kontrolle hatten, bei der Ausstrahlung Bildern aber oft nervös wurden. Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. Und deshalb musste man immer befürchten, ungewollt etwas zu präsentieren, was DDR-Bürger eigentlich nicht sehen sollten. Staatschef Erich Honecker beispielsweise war so eitel, dass seine Hautfarbe, egal ob bei Außen- oder Innenaufnahmen, immer „gleichmäßig gesund und rosa“ aussehen musste.

Also Klassenkampf und Propaganda nonstop im DDR-Fernsehen? Von wegen. Die Dokumentation erinnert daran, dass die Volksbelehrung auch mal eine Pause einlegen musste. Neben dem berüchtigten „Schwarzen Kanal“ von und mit Karl-Eduard Richard Arthur von Schnitzler – der es sogar, wie der Film zeigt, fertigbrachte, die Tötung von DDR-Bürgern durch Mauerschützen schönzureden – gab es im Ost-Fernsehen auch die leichte Muse. Dazu zählte das Ost-Sandmännchen – das sogar schon vor seinem West-Pendant auf Sendung ging. 

Diese animierte Figur „mit dem Ulbricht-Bart“ war, wie ein zu Wort kommender Ost-Fernsehzuschauer vor der Kamera spitzfindig anmerkt, „ziemlich reich“. So verfügte das Ost-Sandmännchen über einen Fuhrpark wie James Bond. Mit Hubschraubern, Flugzeugen und Raketen jettete der Gnom zu Stippvisiten nach Vietnam oder Ägypten und zu den Eskimos: Er machte ausgiebigen Gebrauch von jener Reisefreiheit, über die DDR-Bürger ja gar nicht verfügten. So richtig aufgefallen ist das Privileg dieser Fernsehfigur kaum jemandem. Das Ost-Sandmännchen streute den Menschen im Arbeiter- und Bauernstaat buchstäblich Sand in die Augen. Sie versanken in einem süßen Traum. Alltägliche Weltreisen des Ost-Sandmännchens waren, frei nach Sigmund Freud, die „Darstellung eines erfüllten Wunsches“.

Zu den Stärken der 45-minütigen Dokumentation gehört der ausgiebige Blick auf die breite Palette von Unterhaltungsformaten im Ost-Fernsehen. In Shows wie „Ein Kessel Buntes“ konnten pfiffige Moderatoren wie „Die drei Dialektiker“ (Horst Köbbert, Lutz Stückrath, Manfred Uhlig) zumindest zeitweise kritische Töne anschlagen. Unterhaltung, so viel wird im Rückblick von Hoferichter und Vennewald deutlich, war in der DDR eben nicht nur Zerstreuung, sondern auch Subversion. Das zeigt sich etwa anhand des 1972 im DDR-Fernsehen gestarteten satireartigen Reportage-Formats „Außenseiter Spitzenreiter“, das der nach der Wende gegründete Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) bis heute fortsetzt. Kleine Leute aus der DDR konnten im Rahmen dieser Sendereihe mit schrägen und kuriosen Begabungen ins Rampenlicht traten – ohne sich dabei zu blamieren. Erfunden hat diese Sendung der 2016 verstorbene Hans-Joachim Wolfram, der die SED-Oberen mit seinen Spitzen gegen die Mängelverwaltung regelmäßig verärgerte. Legendär war sein Nacktauftritt am Ostseestrand, wo er 1976 mit einer FKK-Kolonie im Sommer ein Weihnachtslied sang – und alle waren dabei wirklich vollkommen unbekleidet. Im West-Fernsehen wäre eine solch frivole Provokation seinerzeit nicht möglich gewesen.

Die kurzweilige und informative Dokumentation schließt erwartungsgemäß mit einer Erinnerung an die erfrischend freche Sendung „Elf 99“ ab, mit der das DDR-Fernsehen erstmals journalistische Freiheit erproben konnte – bevor der Deutsche Fernsehfunk (DFF) der DDR 1990 im Zuge der Wiedervereinigung abgewickelt wurde. Die medienhistorisch bedeutsame Dokumentation „Fernsehen in der DDR“: Sandmann, Propaganda und ein Kessel Buntes“ (Produktion: Doclights) lief bei ZDFinfo im Rahmen eines bemerkenswerten Ost-Themenabends, in dem neben Filmen über „Mysteriöse Kriminalfälle in der DDR“ und „die schwersten Unglücke der DDR“ auch mehrere Beiträge der Reihe „DDR mobil“ (vgl. MK-Kritik) zu sehen waren, die kenntnisreich verdeutlicht, wie leistungsfähig die DDR-Mangelwirtschaft in manchen Bereichen dann doch sein konnte.

10.07.2019 – Manfred Riepe/MK