Michael Kloft: Der Prager Frühling und die Deutschen – Vom Traum zum Trauma (ZDFinfo)

Ein fast vergessenes politisches Desaster

12.09.2018 •

Die Dokumentation von Michael Kloft erinnerte an die Invasion von Truppen des Warschauer Pakts in Prag vor 50 Jahren, am 21. August 1968. Mit diesem unter Führung der Sowjetunion stehenden Militäreinsatz wurde die seit Anfang 1968 einsetzenden und „Prager Frühling“ genannten Reformbestrebungen der tschechoslowakischen kommunistischen Partei unter der Führung von Alexander Dubček gewaltsam beendet.

Sowohl die Reformbestrebungen als auch deren militärische Beendigung durch Soldaten und Panzer, die in der Prager Innenstadt auf heftigen, aber weitgehend gewaltlosen Widerstand der einheimischen Bevölkerung stießen, fanden damals weltweit große Beachtung, darunter auch und gerade in Deutschland. Heute hat das Interesse an diesem politischen Desaster offensichtlich erheblich nachgelassen: So fand sich (soweit feststellbar) an diesem Jahrestag im aktuellen Fernsehprogramm einzig beim Spartensender ZDFinfo eigens eine Dokumentation zu dem Thema. Die Dokumentation, eine Produktion von „Spiegel TV“, rekonstruiert nicht nur die damaligen Prager Ereignisse, sondern befasst sich auch explizit mit dem seinerzeitigen Verhältnis der Deutschen dazu, und zwar der Deutschen sowohl diesseits wie auch jenseits des Eisernen Vorhangs, nämlich in der Bundesrepublik und in der DDR.

Die Geschichte des Reformprozesses, des Einmarsches und des Widerstands wird in dem Film anhand von sechs Zeitzeugen erzählt, darunter zwei Personen aus der damaligen Tschechoslowakei, Dana Horakova und Jan Pauer. Die beiden berichten von den Vorgängen in der Hauptstadt Prag, die sie als junge Studenten selbst erlebt haben, was mit Dokumentarmaterial aus den Archiven unterlegt wird. (Vor zehn Jahren, aus Anlass des 40. Jahrestags, hat Peter Heller in seiner bemerkenswerten Arte/WDR-Dokumentation „Panzer in der Goldenen Stadt. Das Ende des Prager Frühlings im August 1968“ das Geschehen viel ausführlicher und detaillierter dargestellt, unter besonderer Berücksichtigung der Widerstandsrolle, die damals der Prager Rundfunk einnahm; vgl. diese FK-Kritik)

Über die Reaktionen und Nachwirkungen in der DDR berichten in Klofts Film als Zeitzeugen Toni Krahl, Sänger der beliebten DDR-Band City, und Reinhard Bohse, der damals Soldat in der Nationalen Volksarmee (NVA) war. Trotz rigoroser innenpolitischer Gegenmaßnahmen der DDR-Regierung trugen die Prager Ereignisse wesentlich dazu bei, dass sich auch in der DDR Widerstand regte, was letztlich mit zum Entstehen der Friedensbewegung und anderer Protestbewegungen in dem sozialistischen deutschen Staat führte.

Als Zeitzeugen auf westdeutscher Seite treten Gretchen Dutschke, Witwe des ehemaligen Studentenführers Rudi Dutschke, und der frühere „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust in Klofts Film auf. Dabei geht es nahezu ausschließlich um das Verhältnis der damaligen linksradikalen Studentenbewegung unter Dutschke zum Prager Frühling, ein Verhältnis, das, wie die Dokumentation zu Recht erklärt, gar keines war, denn Rudi Dutschkes Auftritt vor Prager Studenten am 9. April 1968 war, wie im Film ebenfalls und erneut belegt wird, ein Misserfolg, da von gegenseitigem Unverständnis füreinander bestimmt. Das zwei Tage später am 11. April in Berlin erfolgte Attentat auf Dutschke verhinderte dann ein weiteres politisches Engagement von seiner Seite.

Erhebliche Auswirkungen zeigten jedoch die Prager Reformbestrebungen und deren Niederschlagung gerade unter den linksliberalen Intellektuellen in der Bundesrepublik, die in dieser Dokumentation leider keine Beachtung finden. Es gab nämlich zahlreiche auf gegenseitige Sympathien ruhende Verbindungen zwischen ihnen und den Prager Reformkommunisten, die, so ihr Traum, einem demokratischen Sozialismus anstrebten, der das damals vorherrschende Blockdenken zwischen Ost (Warschauer Pakt) und West (NATO) hätte überwinden helfen können.

Unter den mit den Prager Reformbestrebungen sympathisierenden Westdeutschen, in denen auch zahlreiche Prager Reformkommunisten geistige Vorbilder sahen, befanden sich viele Intellektuelle und Schriftsteller wie zum Beispiel Heinrich Böll. (Soeben ist pünktlich zum Jahrestag bei Kiepenheuer & Witsch das von dessen Sohn René Böll herausgegebene Buch „Heinrich Böll: Der Panzer zielte auf Kafka. Heinrich Böll und der Prager Frühling“ erschienen.) Immerhin war zur Zeit des Prager Frühlings Willy Brandt (SPD) bereits Bundesaußenminister (innerhalb einer von CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger geführten großen Koalition aus CDU/CSU und SPD) und entwickelte erste Ansätze zu seiner Ostpolitik, wie er sie später als Bundeskanzler mit Hilfe der Liberalen unter Hans-Dietrich Genscher verwirklicht hat. Es ist eigentlich unverständlich, warum eine Dokumentation, die sich das Verhältnis der Deutschen zum Prager Frühling zum Thema gemacht hat, darauf nicht näher eingeht, sondern sich stattdessen nur mit der Studenten­bewegung um Rudi Dutschke beschäftigt.

Neben den Zeitzeugen kommt in dieser Dokumentation als Expertin auch die Osteuropa-Historikerin Susanne Schattenberg zu Wort, die jüngst mit einer Biografie über Leonid Breschnew auf sich aufmerksam gemacht hat. Breschnew stand zu der Zeit, als der Prager Frühling sein gewaltsames Ende fand, an der Spitze der Sowjetunion, der Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken (UdSSR), und sein Name ist noch heute mit der sogenannten Breschnew-Doktrin verbunden, die Vorgänge innerhalb der Ostblockstaaten zu ‘inneren Angelegenheiten’ erklärte und daher die UdSSR auch zu militärischem Eingreifen berechtigte.

Doch Susanne Schattenberg macht in der Dokumentation deutlich, dass im Fall Prag nicht Breschnew der entscheidende politische Hardliner gewesen sei, sondern es eigentlich die damaligen Parteiführer der „sozialistischen Bruderstaaten“ wie Walter Ulbricht (DDR) und Wladislaw Gomulka (Polen) waren, die auf die Invasion gedrängt hätten. Der tschechoslowakische KP-Chef Dubček wird von der Historikerin dagegen als jemand geschildert, der zunächst als ein Zögling Breschnews galt und ursprünglich das Vertrauen des Kremlführers gehabt hätte. Das jedenfalls wirft eine neue, bemerkenswerte Sicht auf die Prager Ereignisse vor 50 Jahren.

Die 45-minütige Dokumentation „Der Prager Frühling und die Deutschen – Vom Traum zum Trauma“ wurde am 21. August bei ZDFinfo zur Primetime um 20.15 Uhr erstausgestrahlt und am 31. August um 13.30 Uhr noch einmal wiederholt. Im ZDF-Hauptprogramm wurde der Film ebenfalls gezeigt, und zwar in der Nacht vom 22. auf den 23. August um 1.00 Uhr. Eine weitere Ausstrahlung bei ZDFinfo gibt es am 26. September (Mittwoch) um 12.45 Uhr.

12.09.2018 – Brigitte Knott-Wolf/MK