Meike Materne: Mit der Interflug hoch hinaus / Matthias Hoferichter: Trecker, Laster und Multicar. Reihe „DDR mobil“ (ZDFinfo)

Richtiges im Falschen

12.02.2018 •

12.02.2018 • Es ist ein surrealer Anblick: Am 23. Oktober 1989 senkt sich vom Himmel über dem verschlafenen ostdeutschen Provinzdorf Stölln eine Iljuschin IL-62 der DDR-Fluggesellschaft Interflug herab. Der 75 Tonnen schwere Passagier-Jet benötigt eigentlich eine Betonlandepiste von etwa zweieinhalb Kilometern Länge. Doch Hans-Dieter Kallbach, ein Held der ostdeutschen Luftfahrt, brachte die ausgemusterte Maschine auf dem Flugplatz Stölln/Rhinow in Brandenburg auf einer holprigen Wiese von nur 900 Metern Länge sicher zum Stehen. Ein Husarenritt, mit dem der Pilot es ins Guinness-Buch der Rekorde schaffte.

Die abenteuerliche Landung erfolgte an einem Ort mit bewegter Historie: Denn in Stölln, wo die IL-62 heute als Museumflugzeug besucht werden kann, erhob sich mit Otto Lilienthal einst der erste Mensch in die Lüfte. Sein tödlicher Absturz im Jahr 1896 – ebenfalls in Stölln – gilt als erstes Flugunglück der Luftfahrtgeschichte. Die Koinzidenz zwischen Lilienthals Absturz und der spektakulären Landung des russischen Jets, mit der zugleich das Ende der ostdeutschen Fluglinie besiegelt wurde, rückt Meike Materne ins Zentrum ihrer Dokumentation „Mit der Interflug hoch hinaus“. Der 45-minütige Film (Mitarbeit: Andreas Vennewald) gehört zum thematischen Block einer Reihe von ZDFinfo mit dem Titel „DDR mobil“ (Produktion: Doclights GmbH). Mit dem Beitrag über die Interflug und der weiteren Erstausstrahlung „Trecker, Laster und Multicar“ sowie der in diesem Zusammenhang erfolgten Wiederholung der beiden Beiträge „Zwischen Reichsbahn und Rasendem Roland“ (Erstausstrahlung: 9.7.17) und „Trabi, Wartburg und Ost-Rennwagen“ (Erstausstrahlung: 10.1.16) beleuchtete die vierteilige Reihe von ZDFinfo auf populäre und zugleich hintergründige Art das Verkehrswesen der DDR.

Meike Maternes kurzweiliger Rückblick auf die zivile Luftfahrt der Deutschen Demokratischen Republik offenbart zunächst einen allzu offensichtlichen Widerspruch: Düsenflugzeuge sind das Symbol schlechthin für Jetset. Solche Luxusbedürfnisse galten im Arbeiter- und Bauernstaat ja eigentlich als Einflüsterungen des kapitalistischen Klassenfeindes. Außerdem musste das Fernweh, das mit solchen Passagierflugzeugen geweckt wurde, in einem Land ohne Reisefreiheit wie ein zynischer Witz erscheinen.

Um dem sozialistischen Land nach außen hin ein modernes Image zu verleihen, leistete die DDR sich trotzdem eine prestigeträchtige Fluggesellschaft. Einschließlich Bodenpersonal beschäftigte sie etwa 8000 Mitarbeiter. Einige von ihnen haben sich für den ZDFinfo-Film noch einmal vor der Kamera versammelt, um allerlei Anekdoten über die sozialistische Airline zu erzählen. Neben dem Piloten Hans-Dieter Kallbach kommen ehemalige Flugzeugmechaniker und Stewardessen zu Wort. Eine der Flugbegleiterinnen blickt wehmütig auf die gut organisierte Kinderbetreuung für alleinerziehende Mitarbeiterinnen der Airline zurück. Die DDR-Fluglinie hatte ihre Stärken – und war sogar international konkurrenzfähig. Ihre unrühmliche Abwicklung durch die Treuhand, eines der düsteren Kapitel der deutschen Wiedervereinigung, wird in der Dokumentation leider nur gestreift.

Von erfolgreichen Aspekten des DDR-Verkehrswesens weiß auch Matthias Hoferichter in „Trecker, Laster und Multicar“ zu berichten (Mitarbeit ebenfalls: Andreas Vennewald). Der Aufbau eines Agrarstaates, so der Tenor dieses materialreichen Films, konnte nur mit der Entwicklung leistungsfähiger Nutzfahrzeuge gelingen. Die dazu erforderliche Schwerindustrie war nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch mehrheitlich in den Westen abgewandert. Zeitzeugen und sehenswerte Ausschnitte aus Archivfilmen führen an zahlreichen Beispielen vor Augen, wie der notorische Mangel an Material und werthaltigen Rohstoffen trickreich überlistet wurde.

Als etwa beim W50, einem weit verbreiteten DDR-Lastwagen, immer öfter die Achsen brachen, ersannen Ingenieure eine revolutionäre Methode, um die Achsen haltbarer zu machen. Mittels „serieller Explosiv-Umformung von Stahl“ – damals eine Weltneuheit – konnte man stabile Achsen präzise und kostengünstig produzieren. Dadurch konnte die DDR in den 1970er Jahren mit ihrem Lkw sogar eine Zeitlang auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig sein. Die Robustheit der leicht zu reparierenden Nutzfahrzeuge „Made in Germany East“ wurde sogar in Schüttelreimen verewigt, die der Film mit poetischem Mehrwert zitiert: „Hast du Hammer, hast du Draht, kommst du bis nach Leningrad.“

Die Filme der Reihe „DDR mobil“ leisten Erstaunliches. Den Autoren geht es nicht nur um schwermütig-nostalgische Rückblicke für DDR-Historiker oder Ewig-Gestrige. Lebendige und detaillierte Blicke auf die Technikgeschichte machen nachvollziehbar, wie die sozialistische Parallelwelt im Detail funktionierte. Mit dem Hervorkehren vergessener Errungenschaften wird keineswegs ein inhumanes System verklärt. Indem gezeigt wird, wie leistungsfähig die DDR in manchen Bereichen sein konnte, wird angenehm unspektakulär verdeutlicht, dass es hier und da tatsächlich so etwas wie ‘ein Richtiges im Falschen’ gab. (Zwischen den beiden neuen „DDR-mobil“-Filmen „Mit der Interflug hoch hinaus“ und „Trecker, Laster und Multicar“ zeigte ZDFinfo am 8. Februar von 22.00 bis 23.00 Uhr übrigens die Dokumentation „Die größten Unglücke der DDR“.)

12.02.2018 – Manfred Riepe/MK