Paul Harather: Die Firma dankt (ARD/SWR)

Don Quijote der Arbeitswelt

23.03.2018 • Natürlich fühlt sich Adam Krusenstern geschmeichelt. Auch wenn die Gesamtsituation eher unerfreulich ist. Nachdem das Unternehmen, für das er arbeitet, von einer internationalen Investorengruppe übernommen wurde, hat man die komplette Führungsriege kurzerhand gefeuert. Nur ihn, den langjährigen Leiter der Entwicklungsabteilung, hält man offenbar wegen seiner Qualitäten für unersetzlich. Weshalb man den Mittfünfziger übers Wochenende auf den imposanten Firmensitz der neuen Eigentümer geladen hat. So glaubt Krusenstern denn auch, dass er für die neuen Eigentümer wichtig sei – und liegt damit völlig falsch.

Schon als er, im akkuraten Dreiteiler und mit zwei Aktentaschen, das weitläufige Firmenareal betritt, wundert er sich, dass ihn niemand empfängt. Stattdessen sind überall Monitore platziert, über die pausenlos Werbeclips der Investorengruppe flimmern. Erst nach geraumer Zeit erscheint eine junge Frau, die sich ihm als seine persönliche Assistentin Mayumi vorstellt und ihn mit kessem Augenaufschlag auffordert, das Wochenende vor allem zur Entspannung zu nutzen. Aber nach Entspannung ist Krusenstern beim besten Willen nicht zumute. Schließlich geht es um seinen Job und er hat sich auf dieses Treffen akribisch vorbereitet.

Doch seine Gesprächspartner lassen auf sich warten. Als sie endlich erscheinen, geben sie sich betont locker, halten sich allerdings hinsichtlich des Procederes für dieses Wochenende seltsam bedeckt. Stattdessen sondert der Personalchef namens John unaufhörlich Business-Floskeln ab und fordert Krusenstern auf, vor allem proaktiv zu denken. Derweil lächelt ihn die Personaltrainerin Ella an und macht sich ständig Notizen.

Dann ist da noch der junge Sandor, offenbar ein Praktikant, in legeren Hipster-Klamotten, der seine Kopfhörer nur selten abnimmt und ein überaus flegelhaftes Verhalten an den Tag legt. Findet zumindest Adam Krusenstern. Bei den anderen genießt der Youngster aus unerfindlichen Gründen anscheinend Narrenfreiheit. Bis sich herausstellt, dass Sandor der eigentliche Chef im Ring ist und Krusenstern erfährt, dass ihn keineswegs seine Qualifikation, sondern nur sein Name, den Sandor irgendwie lustig fand, vor der Entlassung bewahrt hat, dauert es im Film „Die Firma dankt“ (2,92 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,7 Prozent) noch geraume Zeit. Und die vergeht für Zuschauer dieser Tragikomödie durchaus kurzweilig.

Regisseur und Drehbuchautor Paul Harather hat aus dem gleichnamigen Bühnenstück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz einen über weite Strecken sehenswerten Spielfilm gemacht. (Mit „Blütenträume“ hat Harather 2015 schon einmal ein Stück von Hübner verfilmt.) Wie sich der Old-School-Manager Adam Krusenstern hier zunehmend ratlos bis verzweifelt in den Ritualen des globalen New Business verfängt, erinnert hinsichtlich der tragikomischen Seite unweigerlich an kafkaeske Versuchsanordnungen. Krusenstern sucht ständig nach Orientierung, nach einem Programm, einem Plan oder auch einem Gegner, dem er sich mit seinem Instrumentarium stellen kann. Doch stattdessen bekommt er vorwiegend Floskeln zu hören („Machen Sie sich locker!“), aber dann wird ihm auch immer wieder dezent signalisiert, dass er sich komplett falsch verhält („Warum separieren Sie sich?“). Dass der geschiedene Vater zwischendurch auch noch per Telefon die Unterbringung seines minderjährigen Sohnes regeln muss, um den er sich an diesem Wochenende eigentlich hätte kümmern sollen, macht die Sache für ihn nicht einfacher.

Mit fortlaufendem Geschehen nimmt diese New-Business-Parabel zunehmend surreale bis irrwitzige Züge an, bleibt jedoch stets transparent für ihren realen Background des Aufeinandertreffens zweier gänzlich konträrer Wirtschaftswelten. Dass dieses groteske Verwirrspiel bis auf ein paar Redundanzen funktioniert, hat viel mit der wunderbaren Figurenzeichnung und den entsprechenden Darstellern zu tun. Wo auf der einen Seite John (Fabian Hinrichs), Ella (Nora Waldstätten), Sandor (Ludwig Trepte) und Mayumi (Gloria Endres de Oliveira) bis zum Schluss undurchsichtig ambivalente Figuren bleiben, ist Adam Krusenstern (Thomas Heinze) eine Art Don Quijote, der gegen Gegner kämpft, die nicht zu fassen sind. Dabei hatte er doch in seinem vorherigen Berufsalltag schon genug Probleme. In immer wieder eingeschnittenen Rückblenden sieht man ihn in einer Selbsthilfegruppe, die ihm seine Versagensängste im Job nehmen soll. 

Thomas Heinze, sonst häufig nur in Nebenrollen besetzt, gibt diesen Adam Krusenstern von seiner anfänglichen Irritation bis zur finalen Verzweiflung so überzeugend, dass man meistens nicht weiß, ob man über ihn lachen oder ihn bemitleiden soll. Und nicht zuletzt lässt die bewegliche Kamera von Andreas Schäfauer bei dieser Eigenproduktion des Südwestrundfunks (SWR) nie den Eindruck entstehen, es handle sich hier um abgefilmtes Theater.

23.03.2018 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 13/2018

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