Julia Albrecht/Dagmar Gallenmüller: Die Folgen der Tat (ARD/WDR/SWR/NDR)

Innerfamiliäre Perspektive

12.06.2015 •

12.06.2015 • Am Abend seiner Ausstrahlung musste der Dokumentarfilm „Die Folgen der Tat“ von Julia Albrecht und Dagmar Gallenmüller um rund eine Stunde in die Nacht wandern. An diesem Tag hatte die Schweizer Polizei mehrere hohe Funktionäre des Weltfußballverbandes FIFA wegen des Verdachts der Korruption verhaftet, was heftige sportpolitische Diskussionen auslöste, denen wiederum die ARD mit einem „Brennpunkt“ („FIFA: Weltfußball unter Anklage“) und mit der Wiederholung eines analytischen Films zum Zustand der FIFA („Die Story im Ersten: Der verkaufte Fußball“) gerecht werden wollte. So wanderte ein klassischer Doku­mentarfilm vom Sendeplatz um 22.45 Uhr – wo er nur deshalb einen Platz fand, weil Anne Will an diesem Tag mit ihrer Talkshow pausierte – in jene mitternächtliche Zeitzone, an der er ansonsten sein Publikum finden muss.

Das war schade, weil dieser Film ein größeres Publikum verdient gehabt hätte, als die – immerhin noch – 590.000 Zuschauer (Marktanteil: 6,7 Prozent), die ihn dann laut den GfK-Zahlen sahen. Er hätte es verdient gehabt weniger aus künstlerisch-ästhetischen Gesichtspunkten, sondern wegen seines Themas und seiner inhaltlichen Durchdringung der Materie. Der 80-minütige Film erzählt davon, wie eine Familie damit umgeht, dass eines ihrer Mitglieder Tatbeteiligte an einem Mord wurde. Dem Mord an einem engen Freund eben dieser Familie. Es handelt sich um Susanne Albrecht, die 1977 als Teil eines Kommandos der linksextremistischen Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF) Einlass in das Haus des Bankiers Jürgen Ponto fand, wo ihn die Begleiter der jungen Frau erschossen.

„Die Folgen der Tat“ (Produktion: Zero One) ist also ein Film, der im mehrfachen Sinne von Schuld handelt. Von der unmittelbaren Schuld Susanne Albrechts, die mit ihrem Zugang zum Familienfreund Ponto sich endlich für das Machtzentrum der RAF als nützlich erweisen konnte. Von der mittelbaren Schuld (oder der Verantwortung) ihrer Eltern Christa und Hans-Christian Albrecht, die sich Zeit ihres Lebens fragten, was sie bei der Erziehung möglicherweise falsch gemacht hatten, dass ihre Tochter zur Terroristin und zur Täterin wurde. Von ihren Geschwistern, die miterleben mussten, wie die Familienmitglieder sich nach der Tat vereinzelten.

Formal ist der Film sehr ordentlich, aber konventionell strukturiert. Er versammelt die bekannten Dokumente der Fernsehnachrichten von der Tat, familiäre Fotos und Super-8-Filme, Briefe und Vernehmungsprotokolle. Musikakzente verstärken eine gewisse sentimentalische Haltung des Beitrags, die sich der Vergeblichkeit verdankt, das Geschehen – den Mord an Jürgen Ponto – rückgängig machen zu können. Zusammengehalten wird der Film durch den Off-Kommentar von Julia Albrecht, die als jüngere Schwester Susannes und als eine der beiden Regisseurinnen ihren persönlichen Blick auf die Ereignisse einbringt.

Seine Stärke gewinnt der Film durch ein langes und intensives Gespräch, das Julia Albrecht mit ihrer Mutter vor einigen Jahren führte und das über den ganzen Film verteilt wurde. Zum Zeitpunkt dieses Gesprächs war der Vater gestorben, was wohl den Wunsch von Mutter und Tochter geweckt haben mag, die familiäre Geschichte gemeinsam und für die Öffentlichkeit aufzuarbeiten. Weitere Gespräche führte Julia Albrecht mit ihrem älteren Bruder, mit einem Freund der Geschwister, mit dem ersten Freund von Susanne und mit einer Frau, die diese in die RAF begleitet hatte.

Susanne Albrecht selbst war für diesen Film nicht zu sprechen. Nach dem Mord an Ponto war sie wohl auch an weiteren Verbrechen der RAF beteiligt. 1980 hatte sie sich in die DDR zurückgezogen, wo sie die Stasi mit einer neuen Identität ausstattete. Albrecht führte dort ein neues kleinbürgerliches Leben, ehe sie nach der deutschen Wiedervereinigung verhaftet und in einem Prozess zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde, von denen sie nur die Hälfte absitzen musste. Zur Familie hatte sie erstmals nach ihrer Verhaftung wieder Kontakt. Heute sehe man sich gelegentlich, aber über das, was 1977 geschah, spreche man nicht, so Julia Albrecht in ihrem Kommentar.

Umgekehrt hat der Rest der Familie – so der Eindruck der Gespräche vor der Kamera – schon viele Male zuvor über die Tat von Schwester bzw. Tochter gesprochen. Das hat nicht nur mit der Beteiligung an dem Mord zu tun, sondern auch mit den Umständen der Tat, die so nur deshalb geschehen konnte, weil Susanne Albrecht als Tochter der befreundeten Familie von den Pontos ohne einen Zweifel jene Gastfreundschaft und damit Einlass ins Haus gewährt wurde, die ihren Begleitern vom RAF-Kommando die tödlichen Schüsse ermöglichte. Der eklatante Bruch dieser Gastfreundschaft und das mörderische Ausnutzen der Freundschaft verletzten Grundregeln der bürgerlichen Existenz, denen sich die beiden Familien über die Eltern verpflichtet sahen und wohl auch noch sehen.

Im Durchgang durch die Familiengeschichte von Susanne Albrecht finden sich selbstverständlich keine Erlebnisse und Verhältnisse, die man als direkte Ursachen dafür angeben könnte, dass sie sich ab 1972 dem politischen Untergrund annäherte und wohl ab 1976 der RAF angehörte. Stattdessen wird das Unwohlsein in einer familiären Struktur aufgedeckt, an der Eltern wie Kinder leiden. Ein Unwohlsein, das aus der Unsicherheit erwächst, wie man nach dem Nationalsozialismus und dessen Verbrechen in der prosperierenden Bundesrepublik zu leben habe. Bei den Albrechts geht es aufgrund des geschäftlichen Erfolgs des Vaters gutbürgerlich zu, was die Kinder in ein Korsett besten Verhaltens und fester Regeln zwängt, dem sie auf die eine oder andere Weise zu entkommen trachten. Doch kleine Fluchtversuche werden beispielsweise derart abgestraft, dass die Kinder, Susanne ebenso wie auch ihr Bruder, in Internate ‘abgeschoben’ werden. Konflikte werden nicht ausgetragen, sondern an andere Institutionen delegiert. Hauptsache, die Fassade der gutbürgerlichen Existenz erhält keine Risse.

Dazu passt, dass die ersten Signale, dass Susanne Albrecht Pässe stiehlt und so der RAF zuarbeitet, von den Eltern übersehen werden. Julia Albrecht fragt sich, ob die Mutter das vielleicht auch übersehen wollte. Einen Brief des Vaters, der Susanne noch zu diesem Zeitpunkt eine gewisse politische Naivität testiert, deutet sie denn auch konsequent als Ausdruck einer bewussten Ignoranz. Die Eltern wollten die Entwicklung der Tochter nicht erkennen, da dies ihr Selbstbild zu sehr erschüttert hätte. Die Regisseurin Julia Albrecht fragt in diesen Passagen bei ihrer Mutter des öfteren kritisch nach, so wie diese selbst mitunter innehält und an sich und ihren Erinnerungen zweifelt. Gleichzeitig lässt die Regisseurin zu, dass sich der Bruder von ihrem Ansinnen, die Ursachen der Tat auszuloten, distanziert. Er, der sich in diesem Zusammenhang als „Opfer zweiter Klasse“ stilisiert, hat mit der Tat der Schwester abgeschlossen.

Dass Susanne Albrecht, die sich einst radikal dem gutbürgerlichen Leben verweigerte, am Ende dann doch wieder von ihrer Herkunft aus einem solchen Leben profitierte, deutet ein Freund an. Denn angesichts der Schwere der Tat und im Vergleich zu anderen Strafen für Mitglieder und Unterstützer der RAF mutete das aufgrund der Kronzeugenregelung gegen sie erlassene Urteil von zwölf Jahren Haft und die Tatsache, dass sie schon nach der Hälfte der Zeit freigelassen wurde, als sehr milde an. Der Freund der Familie vermutet, dass hier der Vater seine Strippen gezogen haben könnte. Die Mutter der Täterin und Ignes Ponto, die Ehefrau des Opfers, begegnen sich erst 34 Jahre nach dem Mord wieder. Zusammengebracht hat sie ein Buch, das Julia Albrecht mit einer Tochter von Jürgen Ponto verfasst hatte. Und es mag diese Begegnung gewesen sein, die dazu führte, dass Christa Albrecht das Gespräch vor der Kamera mit ihrer Tochter freigab, so dass der Film seinen Weg nun in die Öffentlichkeit fand.

Der Film ist, was der Titel klar annonciert: kein Dokument der Tat und ihrer Ursachen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Susanne Albrecht wie die meisten Kader der RAF weiterhin schweigen. Der Film ist Produkt wie Dokument der (einer Psychoanalyse ähnelnden) Aufarbeitung der familiären Strukturen, aus denen die Täterin hervorging, und die sie mit ihrer Tat schwer beschädigte. Die innerfamiliäre Perspektive ist die Stärke des Films. Zu einer allgemeinen Aufarbeitung der Geschichte des deutschen Terrors der 1970er Jahre reicht das natürlich nicht aus, so dass es dazu noch weiterer Filme bedarf.

12.06.2015 – Dietrich Leder/MK